Auf die Stoffe fertig los: Die eigens für den Tag der offenen Tür hergestellten Eigenproduktionen verzückten Hobbynäherinnen und ließen sie zu Jägerinnen werden. - © Anja Ebner
Auf die Stoffe fertig los: Die eigens für den Tag der offenen Tür hergestellten Eigenproduktionen verzückten Hobbynäherinnen und ließen sie zu Jägerinnen werden. | © Anja Ebner

Lichtenau Stoffwelten: 3.000 Hobbynäherinnen beim Tag der offenen Tür in Lichtenau

Tag der offenen Tür wird zum Kultevent der anderen Art

Anja Ebner

Lichtenau. Dass es in der heutigen Zeit ein klassischer Tag der offenen Tür schafft, zum Kultevent zu avancieren, ist schon etwas Besonders. Dass sich dieser Tag der offenen Tür aber fern ab von Metropolen abspielt und trotzdem etwa 3.000 Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet anlockt, ist etwas Außergewöhnliches. So geschehen am Samstag in Lichtenau, genauer gesagt im Industriegebiet Leihbühl, welches auf Grund des großen Andrangs zeitweise in einem Verkehrschaos versank, da zwar genügend Parkplätze vorhanden waren, aber die Zufahrtswege für solch eine große Anzahl an gleichzeitig anreisenden Fahrzeugen nicht ausreichend geeignet sind. Erst im letzten November war die Firma Stoffwelten aus den Räumen des Technologiezentrums (TZL) in eine Halle unmittelbar hinter das TZL gezogen, denn die Firma musste expandieren. Vor vier Jahren als Zwei-Mann-Betrieb von Gundula und Gunter Wiegland gegründet, sind heute dreißig Mitarbeiter in Vollzeit beschäftigt. In den sozialen Netzwerken hat Stoffwelten eine Fangemeinde fast in Millionengröße. Hauptverkaufsplatz ist der Onlinehandel Und genau dort ist auch der Hauptverkaufsplatz der Stoffe, welche per Onlinehandel vertrieben werden. Gundula und Gunter Wiegland aus Lichtenau gründeten ihre Firma "ganz ohne Businessplan, sondern aus der Motivation und Kreativität heraus Stoffe zu verkaufen, die gefallen und mit einem solchen Service, wie sie ihn Kunden sich wünschen", weiß Betriebsleiter Björn Wegge zu berichten. Es stecke Herzblut in dem Unternehmen und nicht in erster Linie der Gedanke an den Profit, führt er weiter aus. Dazu passt auch, dass man die Firma in einem eher strukturschwächeren Gebiet wie Lichtenau gegründet habe. "Gundula und Gunter sind hier verwurzelt, ihre Kinder gehen hier zur Schule. Die Mitarbeiter, die bei uns arbeiten, sind zudem hoch motiviert und arbeiten gern hier". Zu diesem Konzept zählt auch, dass man überwiegend mit heimischen Betriebe beim Bau der neuen Halle zusammengearbeitet hat und auch am Tag der offenen Tür auf die Unterstützung von heimischen Vereinen zählen kann. Jugendfeuerwehr und Heimatschutzverein unterstützten beim Catering. Zur Firmenphilosophie gehört auch, dass die Stoffe ökozertifiziert und schadstoffarm hergestellt sind und außerdem in Europa zu fairen Bedingungen produziert werden. "Unsere Kundinnen verwenden die Stoffe hauptsächlich, um Kinderkleidung zu nähen und da sollen sie sich sicher sein, dass unsere Stoffe frei von Chemie sind", so Wegge weiter. Wirkliche Renner sind die Eigenproduktionen, die Gundula Wiegland zusammen mit einer Designerin entwirft. "Die sind 100 Prozent selbst entworfen, wenn auch noch nicht in Lichtenau produziert. Aber ich würde alles mal auf uns zukommen lassen", stellt Wegge auch eine eventuelle Produktion der Stoffe in Lichtenau in Aussicht. "Was aber schon sicher ist, ist dass ab November ein Shop hier im Gebäude der Firma eröffnet wird, wo man die Stoffe auch vor Ort kaufen kann", so Wegge weiter. "Wenn man schon hier ist, fährt man auch nicht wieder. Selbst wenn man schon zweieinhalb Stunden in der Schlange steht", lacht Miriam Knopp. Sie und ihre Freundin Lisa Heydarian sind aus Frankfurt angereist. "Es ist die gute Qualität und die Eigenproduktionen, die Stoffwelten besonders macht. Außerdem geht man hier auf die Kunden ein und der Service ist toll", so Heydarian über das Phänomen. "Es ist eine Sucht", fügt Nicole Hehn aus Limburg an. Während einige schon aus den Vorjahren das Schlange stehen kennen, ist es für Saskia Diepold und Miriam Scheffer aus Erkenschwick überraschend. "Damit haben wir niemals gerechnet", staunt Miriam Scheffer, als sie endlich die ersehnten Stoffe bezahlt hat und aus dem Zelt gehen kann. "Die verrückten Muster sind toll und dass es keine Massenproduktion ist", erklärt sie die Ausdauer, die sie motiviert hat durchzuhalten. Geschickte Vermarktung, Service und Qualität Die geschickte Vermarktung der Stoffe über das Netz, der gute Service und die hochwertige Qualität sind es aber wohl nicht allein, was den Hype ausmacht. Ein weiterer Grund scheint, dass man neue Freunde über die gemeinsame Sucht kennenlernt, sei es vor Ort oder über die Firmen Facebook-Seite. Das Firmenmotto lautet "bei Freunden einkaufen". Ein Motto, das auch bei diesem Tag der offenen Tür im Vordergrund stand, auch wenn die Warteschlange lang war und bestimmt nicht jeder das Durchhaltevermögen hatte, solange anzustehen, bis er endlich das Licht am Ende des Tunnels, in diesem Fall das Zelt mit den unzähligen Stoffballen, erreicht hatte. Althergebrachte Handarbeit und moderne digitale Vermarktung machen aus einem alltäglichen Tag der offenen Tür ein Stoffevent der anderen Art.

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