Mit dem neuen Buch in der Hand: Peter Longerich stellte in der Wewelsburg seine Hitler-Biografie vor. An seiner Seite die Gastgeber Kirsten John-Stucke (Museumsleiterin) und Markus Moors, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Wewelsburg. - © Karl Finke
Mit dem neuen Buch in der Hand: Peter Longerich stellte in der Wewelsburg seine Hitler-Biografie vor. An seiner Seite die Gastgeber Kirsten John-Stucke (Museumsleiterin) und Markus Moors, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Wewelsburg. | © Karl Finke

Büren Londoner Historiker liest aus Hitler-Biografie

Peter Longerich liest in der Wewelsburg und hat gegen die Darstellungen von einem nationalsozialistischen Umfeld und charismatischen Führer geschrieben

Büren-Wewelsburg. Noch 'ne Hitler-Biografie! Nach Joachim Fest (1973), Ian Kershaw (1998/2000) und etlichen weiteren Autoren muss Einer zu dem Diktator schon etwas Neues zu bieten haben. Peter Longerich (61) stellte in der Wewelsburg vor gut 100 Zuhörern den "Führer" als keinesfalls charismatisch vor und auch nicht als einen von den nationalsozialistischen Strukturen Getragenen. Wie denn dann? Longerich, Professor an der Universität London, zählt zu den ausgewiesenen Historikern über das NS-Regime. Hitlers engste Vertraute, Reichsführer-SS Heinrich Himmler und Propaganda-Minister Josef Goebbels hat Longerich bereits zuvor in Biografien beschrieben. Beide waren wie andere weniger mitentscheidend, wenn das Bild des Autors über Hitler zutrifft. Noch als "bedeutungslosen Niemand" kennzeichnete Longerich den Diktator in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg: "Nichts deutete auf die spätere Karriere hin." Seine Persönlichkeit wäre allerdings bereits durch fehlende private Bindungen, Angst vor Kontrollverlust und vor Niederlagen gekennzeichnet gewesen. Als Chef-Propagandist der damaligen Deutschen Arbeiterpartei (DAP) wäre Adolf Hitler Anfang der 1920er Jahre in die damalige Reichswehr getragen worden. Aus dieser Rolle wäre er herausgebrochen und bekanntlich mit dem fehlgeschlagenen Putschversuch in München (noch) gescheitert. Anschließend drängte Hitler in die Führungsrolle - und andere zurück, so Longerich. Der Biograf kennzeichnete den nationalsozialistischen Führer ab 1930 als jemanden, der das Heft des Handelns stets in der Hand behielt. "Er wechselte dabei zwischen Strategien und spielte seine Partner an die Wand", so der Autor. Bei den Wahlen 1933 wäre Hitler von vielen Deutschen nicht wegen einer persönlichen Ausstrahlungskraft gewählt worden - wohl aber mit einem Führer-Mythos, einer "Erwartung auf Sieg", so Longerich: "Die Mehrheit wählte Hitler als Protest gegen die Weimarer Republik und, um die eigene soziale Position zu verbessern." Bis 1934 hätte sich Hitler als Alleindiktator präsentiert, so Longerich, in der Folge alle wichtigen Aufgaben personalisiert: "Er hat keine Gremien zugelassen" und Strukturen nur, "wenn er sie selbst schuf und beherrschte". Als Argument gegen ein persönliches Charisma bei Hitler führte Longerich auch dies an: Als 1942 der Russlandfeldzug die Kriegsniederlage einleitete und Hitler sich aus der Öffentlichkeit zurückzog, hätte der Führerstatus auch ohne ihn weiter funktioniert. Auch das Ende der nationalsozialistischen Diktatur interpretierte Longerich aus seinem Ansatz heraus: Hitlers eigenen Entschlossenheit hätte ihm zugleich verboten nach einer Alternative zu suchen.

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