Zugebaut und eingezingelt: Rund 3.500 Windkraftanlagen stehen zurzeit in Nordrhein-Westfalen, 1.000 davon in Ostwestfalen-Lippe – und wiederum 500 von ihnen im Kreis Paderborn. 100 weitere Bauprojekte sind bereits geplant, davon 40 in Borchen. Sollten sie errichtet werden, würde es dort bald so aussehen wie auf dem Foto, das die Situation der Gemeinde Dahl in unmittelbarer Nachbarschaft, Blickrichtung B 64, zeigt. - © Roland Maoro
Zugebaut und eingezingelt: Rund 3.500 Windkraftanlagen stehen zurzeit in Nordrhein-Westfalen, 1.000 davon in Ostwestfalen-Lippe – und wiederum 500 von ihnen im Kreis Paderborn. 100 weitere Bauprojekte sind bereits geplant, davon 40 in Borchen. Sollten sie errichtet werden, würde es dort bald so aussehen wie auf dem Foto, das die Situation der Gemeinde Dahl in unmittelbarer Nachbarschaft, Blickrichtung B 64, zeigt. | © Roland Maoro

Borchen Borchener Bürger pfeifen auf Windkraft

Beim WDR-Stadtgespräch zum Thema "Energiewende trotz Bürgerprotest" war die Gemeindehalle Kirchborchen gut besucht. Die Diskussion auf dem prominent besetzten Podium wurde von Pfiffen und Buhrufen der Einwohner begleitet

Nicole Hille-Priebe

Borchen. Für die einen wird die "schöne Paderborner Hochfläche" mit Windrädern zugebaut, die anderen sind stolz darauf, dass die Energiewende direkt vor ihrer Haustür stattfindet - in diesem Gegensatz bewegte sich auch die hitzige Diskussion beim "Stadtgespräch", zu dem WDR 5 am Donnerstagabend in die Gemeindehalle Kirchborchen eingeladen hatte. Die Veranstaltung wurde ihrem Titel "Streit um die Windkraft: Energiewende trotz Bürgerprotest?" mehr als gerecht, denn gestritten wurde einen Großteil der einstündigen Liveübertragung. "Warum findet die Energiewende nur bei uns statt?", war eine der vielen Fragen aus dem Publikum, die an diesem Abend unbeantwortet bleiben sollten. "Warum wird so wenig Rücksicht auf das Wohl der Menschen genommen?", fragte ein anderer Bürger. Die Protestbewegung Als Gudrun Ponta (Bürgerinitiative Anti-Windkraft) vor sechs Jahren nach Borchen zog, hätten dort nur alte - sprich: kleinere - Anlagen gestanden. Und nicht so viele. "Jetzt ist unser Haus eingekesselt, die Windräder sind wie Pilze aus dem Boden geschossen. Da habe ich erst gemerkt, was hier abgeht und eine Bürgerinitiative gegründet. Ich versuche, unser letztes Stückchen Heimat hier zu retten." Außerdem habe ihre Gesundheit so stark gelitten, dass sie wegen chronischer Kopfschmerzen mittlerweile ein Schmerztagebuch führe. Besonders ärgert Ponta der Verfahrensweg: "Im Rat dürfen Leute abstimmen, die unter dem starken Verdacht stehen, von der Windkraft finanziell zu profitieren. Sogar in Rumänien gibt es eine Anti-Korruptionsbehörde - aber in Deutschland gibt es so was nicht." Der Investor Zwischen Pfiffen und Buhrufen machte der "Windpionier" Johannes Lackmann (Westfalenwind) deutlich, dass er an diesem Abend keine Freunde sucht. "Wir nehmen die Kritik zur Kenntnis, aber Widerstand gibt es bei allen großen Infrastrukturmaßnahmen. Was die Windkraft angeht, hat die Politik etwas beschlossen und wir setzen es um. Die Frage, was zu viel ist, kann nicht damit beantwortet werden, ob jemand das schön findet." Obwohl sein kompromissloses Auftreten, bei dem er Bürgermeister Reiner Allerdissen unter anderem als "kleinen König" und die Gemeinde als "bockig" bezeichnete, eine andere Sprache sprach, betonte er am Ende, er habe sich "immer redlich bemüht" - es könne aber nicht sein, "dass die Energiewende nicht stattfindet, weil eine Minderheit dagegen ist". Der Minister Andreas Pinkwart (FDP) ist als NRW-Wirtschaftsminister auf den ersten Blick nicht verdächtig, eine investorenfeindliche Politik zu bestreiten. Wenn es um erneuerbare Energien geht, hat in Düsseldorf jedoch offenbar ein Umdenken stattgefunden, besonders bei der Windkraft: "Ich kann die Kritik verstehen und teilen. Die Energiepolitik der letzten Jahre baute auf dem auf, was die Politik vorgegeben hat, das muss man Herrn Lackmann zugute halten. In gewissen Regionen wie hier vor Ort wurde das jedoch einfach überzogen. Jetzt müssen wir das für Mensch und Natur wieder verträglich machen." Pinkwart verwies auf den neuen Windenergie-Erlass, den sein Ministerium auf den Weg gebracht habe. Er sehe dringenden Handlungsbedarf, den Mix der erneuerbaren Energien auf den Prüfstand zu stellen - "stattdessen wird jedoch immer weiter ausgebaut, so dass die Netze verstopfen." Der Bürgermeister Reiner Allerdissen (SPD) darf nicht müde werden, gegen Windräder zu kämpfen - schließlich stehen bereits überproportional viele davon in seiner Gemeinde. Von rund 1.000 Anlagen in OWL wurden 500 im Kreis Paderborn gebaut, 40 von ihnen stehen in Borchen. 40 weitere sollen hinzukommen. "Das ist nicht mehr normal, was hier passiert. Die Menschen fühlen sich alleine gelassen." Dass zwischen Allerdissen und Lackmann Eiszeit herrscht, war nicht zu übersehen. Der Bürgermeister fühlt sich von dem Investor über den Tisch gezogen. "Er hat eine Lücke im Genehmigungsverfahren ausgenutzt und Ratsmitglieder unter Druck gesetzt. Das gibt ihm jetzt die Chance, überall zu bauen. Dieses Rennen können wir nicht gewinnen." Die Bürger Sie kamen in der Diskussion ein wenig zu kurz. "Die Ewigkeitsschäden wurden heute Abend noch gar nicht angesprochen", sagte eine Anwohnerin. Die Windkraftanlagen seien nicht nur eine Katastrophe für die Vögel, sondern auch für die Bodenwirtschaft. "Es ist ein Unding, was wir uns hier antun." Ein anderer Bürger sagte: "Herr Lackmann, Ihr Strom ist mal da und mal nicht. Die Grundlast wird dadurch getragen, dass im Rheinland weiterhin Braunkohle abgebaut wird - das ist eine Wiederholung des mittelalterlichen Ablasshandels."

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