Technikfan: Bunavscha Rachinova und ihr Lieblingsfahrzeug, der Teleskoplader. Mit dessen Hilfe werden schwerere Arbeiten auf dem Hof und im Stall erledigt. - © Marc Köppelmann
Technikfan: Bunavscha Rachinova und ihr Lieblingsfahrzeug, der Teleskoplader. Mit dessen Hilfe werden schwerere Arbeiten auf dem Hof und im Stall erledigt. | © Marc Köppelmann

Altenbeken Praktikantinnen aus Zentralasien helfen auf dem Bierßenhof in Altenbeken

Aus fernen Ländern: Seit fünf Jahren heißen Sabine und Franz-Josef Driller in den Sommermonaten vor allem Praktikanten aus Zentralasien auf ihrem Biohof willkommen

Jutta Steinmetz

Altenbeken. "Das ist ja fast eine Weltreise", ist schnell gestöhnt, wenn ausnahmsweise mal eine längere Dienstfahrt ansteht. Zwei junge Frauen aus Kirgistan und Tadschikistan aber haben zwar keine Weltreise, aber mehr als 5.000 Kilometer hinter sich gebracht, um in Altenbeken ein Praktikum zu machen. Seit Januar sammelt Tattybübü Zhunova, angehende Lebensmitteltechnikerin, auf dem Bierßenhof erste Berufserfahrungen. Vor einigen Wochen stieß Bunavscha Rachinowa, die in Tadschikistan Pflanzenbau studiert, dazu. Für Franz-Josef und Sabine Driller, die gemeinsam mit ihrem Sohn Andreas den ökologischen Milchviehhof betreiben, ist das nichts Ungewöhnliches. Sie nehmen schon seit ein paar Jahren Praktikanten aus äußerst fernen Ländern auf. Los ging's vor fünf Jahren mit einem Studenten aus Aserbaidschan. Damals sei er von einem Vertreter einer Vermittlungsagentur angesprochen worden, erinnert sich Franz-Josef Driller. In den ehemaligen Staaten der Sowjetunion sind nämlich Praktika für die unterschiedlichen Fächer der ökologischen Landwirtschaft vorgeschrieben, aber geeignete Biobetriebe gibt es dort eher selten. Seitdem sind in den Sommermonaten immer wieder junge Leute vor allem aus Zentralasien zu Gast - vorwiegend junge Frauen. Das sei einfacher, sagen Sabine und Franz-Josef Driller. Denn diese seien vielseitig einsetzbar - bei der Arbeit mit den Milchkühen und den Kälbern, bei der Ernte, aber vor allem in der hofeigenen Käserei, die von Sabine Drillers Schwester Petra Schmidt betrieben wird. Sich dort zu tummeln, das lehnten viele männliche Akademiker ab, wissen die Altenbekener aus Erfahrung. Denn den jungen Männern gelte so eine Arbeit als Frauensache. Weibliche Akademikerinnen seien hingegen aufgeschlossener. Dass diese Einstellung auch Technik betrifft, davon liefern Tattybübü Zhunova und Bunavscha Rachinowa sofort den Beweis, als sie begeistert erzählen, dass sie mit den Teleskoplader auf dem Hof herumrangieren oder mit dem alten Jeep über die Wiesen kurven. Vor ein paar Tagen traf in Altenbeken die 24-jährige Mardzhona Safranova ein. Sie ist zum dritten Mal bei Drillers. Zwei Mal war sie für das Studium in Altenbeken, "jetzt bin ich aber nur zu Besuch hier", lacht sie. Die enge Bindung kommt nicht von Ungefähr. Drillers legen Wert darauf, dass die jungen Leute während ihres Aufenthaltes in und mit der Familie leben. Dazu gehört, dass die Praktikantinnen auch mit von der Partie sind, wenn?s zum Kurzurlaub nach Cuxhaven geht. "Da fährt die ganz Truppe mit", sagt Franz-Josef Driller mit einem Lachen. "Dass sich die Praktikanten wohl fühlen, ist sehr, sehr wichtig", sagt Sabine Driller. Deshalb sind zumeist zwei zeitgleich auf dem Bierßenhof. "Sie können dann nach Feierabend auch mal was zusammen unternehmen, etwa ins Dorf fahren, um ein Eis zu essen oder zum Bummeln nach Paderborn." Oder auch mal in der gewohnten gemeinsamen Sprache Russisch ein Schwätzchen halten. Denn Deutsch müssen die Praktikanten immer erst noch lernen, wenn sie in Altenbeken ankommen. In der ersten Zeit besuchen sie deshalb auch zwei Mal wöchentlich Sprachkurse in der Paderborner Volkshochschule - "für die Grundlagen in Grammatik", erklärt Franz-Josef Driller: "Den Rest lernen sie im Betrieb." Apropos lernen. Auch Franz-Josef und Sabine Driller haben viel gelernt, und nicht nur in Sachen Geografie, wie der Biolandwirt schmunzelnd erzählt. Er denkt dabei vor allem an den Islam. Die meisten der Praktikanten gehörten dieser Religion an, sagt er. "Damit muss man zurecht kommen. Das geht schon mit dem Kochen los." Und natürlich sei gerade in den Sommermonaten der Ramadan ein wichtiges Thema. "Wir haben aber gute Erfahrungen gemacht", so seine Bilanz. Dass mancher ihrer Berufskollegen die jungen Leute nur als billige Arbeitskräfte ausnutzt - "sie sind sozialversicherungsfrei, bekommen 330 Euro Taschengeld im Monat sowie freie Kost und Logis" -, dafür haben die Drillers kein Verständnis. "Sie kommen doch mit einer gewissen Euphorie hierher. Und die muss auch erhalten bleiben." Kein Wunder also, dass die jungen Akademiker mit ihren Gastgebern feste Bande knüpfen. Wenn sie zumeist nach sechs Monaten wieder zu Hause sind, bleibe der Kontakt bestehen, dank Skype oder einem Messengerdienst, erzählt Sabine Driller. Aus Altenbeken zurückzukehren nach Tadschikistan oder Kirgistan sei für die jungen Frauen aber nicht immer einfach, sagt Frank-Josef Driller nachdenklich. Die ein oder andere "lebt dann zwischen zwei Welten. Hier hat sie sehr frei gelebt, zu Hause muss sie Kopftuch tragen und möglicherweise wartet am Flughafen schon ein Mann, den sie heiraten soll."

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