Lübbecker Land Anonyme Briefe - Der Denunziant lässt grüßen

Frank Hartmann
So mancher Briefschreiber, der die Lokalredaktion über einen angeblich skandalösen Vorgang informieren will, zieht es vor, anonym zu bleiben - © NW Layout
So mancher Briefschreiber, der die Lokalredaktion über einen angeblich skandalösen Vorgang informieren will, zieht es vor, anonym zu bleiben | © NW Layout

Immer wieder treffen in der Langen Straße 33 an die  Lokalredaktion gerichtete, anonyme Briefe ein: Meistens werden sie nach Geschäftsschluss oder am Wochenende in den Briefkasten der Geschäftsstelle geworfen. Ohne Namen, Adresse und Unterschrift.

Inhatlich klingen die Schreiben durchaus interessant: Meistens geht es um Landräte und Bürgermeister, denen schlimmes Fehlverhalten im Amt vorgeworfen wird, gelegentlich auch in ihrem Privatleben. Auch ein vermeintlicher Augenzeuge, der genau gesehen haben will, wer den Auftrag erteilt hat, den Rollstuhl eines Lokalpolitikers zu entwenden, hat sich mit einigen Zeilen an die Lokalredaktion gewandt.

Vorwürfe von Lesertäuschung bis politisch einseitig

Mehrfach waren auch NW-Lokalredakteure selbst Gegenstand der in den anonymen Schreiben aufgestellten Behauptungen. Mal sollen sie die Leser bewusst getäuscht oder ihnen wichtige Informationen vorenthalten haben, weil sie mit dem Rathaus unter einer Decke stecken. Mal sind sie angeblich parteipolitisch einseitig ausgerichtet, wodurch die anderen Parteien in der Berichterstattung benachteiligt werden, so der Vorwurf.

Das jüngste Schreiben dieser Art erreichte uns zwischen Weihnachten und Neujahr. Und es unterschied sich deutlich von vielen anderen: Der Brief war frankiert und handschriftlich adressiert sowie mit Vor- und Zunamen unterschrieben. Zudem war der Absenderort genannt. Leider fehlten die Straße und eine Telefonnummer. Wohl aus gutem Grund, denn die gegen einen Kollegen gerichteten Vorwürfe sind schwerwiegend: Er stehe unter Vertrag bei einem großen Unternehmen, das wisse er aus sicherer Quelle, so der Denunziant. Deshalb sei klar, warum über dieses Unternehmen mehrfach wöchentlich und zudem so unkritisch berichtet werde.

Weg damit in den "Giftschrank"

Da solche haltlosen und bösartigen Behauptungen geschäftsschädigend sind, wollte ich gegen den Verfasser Anzeige erstatten. Dabei stellte sich heraus, dass der genannte Name sich weder im gedruckten noch im digitalen Telefonbuch findet. Auch die Recherche in unserem Textarchiv und im Internet ergab keinen einzigen Treffer. Da keine Straße und Hausnummer auf dem Briefumschlag angegeben waren, kann ich auch nicht vorbeifahren und den Betreffenden zur Rede stellen. Also: Weg damit in den "Giftschrank".

Einmal sind wir von der Regel, anonymen Hinweisen grundsätzlich nicht nachzugehen, wenn uns keine konkreten Beweise vorliegen, allerdings abgewichen. Es ging um das Risiko im Zusammenhng mit dem trichterförmig zulaufenden Geländer am Bahnübergang Marktstraße in Blasheim. Wir wussten zwar nicht, wer der Gruppe von besorgten Bürgern angehört, die uns ihr Unverständnis und ihre Sorge schriftlich übermittelten. Aber der Sachverhalt als solcher war richtig beschrieben und uns auch schon von anderer Seite bekannt und offiziell bestätigt worden.

Informanten werden nicht zwangsläufig genannt

Um nicht missverstanden zu werden: Wir sind sehr an Informationen interessiert, die Fehlverhalten von Verantwortlichen aufzeigen. Behauptungen allein reichen uns aber nicht, wir benötigen schon konkrete Hinweise und Belege, etwa Kopien von Akten, Protokollen, Schreiben usw.. Zweitens müssen wir wissen, von wem diese Informationen stammen und wie wir den Tipp-Geber für Rückfragen erreichen können. Das heißt nicht, dass wir den Informanten zwangsläufig nennen müssen. Das ist Vereinbarungssache.

Für Journalisten in Deutschland gilt glücklicherweise ein "Informantenschutz". Wenn sie sich auf den berufen, müssen sie ihre Quellen nicht nennen. Wir haben darauf auch schon mehrfach zurückgegriffen. Selbst gegenüber ermittelnden Behörden, zum Beispiel, nachdem wir die Schadenshöhe genannt hatten, die der Stadt Lübbecke aus hochriskanten Zins-Swap-Geschäften vor einigen Jahren entstanden waren. Selbstverständlich haben wir dicht gehalten - unsere damaligen Informanten sind bis heute unbekannt. Und das bleibt auch so.

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