Lübbecker Land Das Sicherheitsgefühl lässt zu wünschen übrig

Frank Hartmann
Die Daten und Fakten im Jahresbericht 2016 zeigen, dass die Menschen im Lübbecker Land vergleichsweise sicher leben - © Polizei Minden-Lübbecke
Die Daten und Fakten im Jahresbericht 2016 zeigen, dass die Menschen im Lübbecker Land vergleichsweise sicher leben | © Polizei Minden-Lübbecke

Die Hüllhorster CDU-Ratsfraktion möchte, dass die aus Kostengründen nur bis 23 Uhr eingeschaltete Straßenbeleuchtung in der Gemeinde im Sommer verlängert wird - um die Sicherheit der Bürger zu erhöhen, die auch nach 23 Uhr noch unterwegs sind. Das schreibt der  Fraktionsvorsitzende Klaus Kuhlmann in einem Antrag an Bürgermeister Bernd Rührup.

Ist das berechtigt? Bringt das etwas? Oder ist das Panikmache?

Für Frank Meyer, den Leiter der Lübbecker Polizeiwache, sind dunkle Straßen kein Grund, sich nachts nicht mehr vor die Tür zu trauen. Das hat er gerade dem Hüllhorster Gemeinderat erzählt, als er die Kriminalitätsstatistik 2016 vorgestellt hat. Warum, liegt auf der Hand. Meyer ist Polizeihauptkommissar, weiß, wie er sich in einer bedrohlichen Situation zu verhalten hat und kann sich selbst gut verteidigen. Aber ist das repräsentativ?

Mehr Polizisten für den ländlichen Raum

Vorweg: Es ging nie und geht auch weiterhin nicht um Frank Meyer und seine Kolleginnen und Kollegen. Sie tun, was sie können. Aber einige seiner Aussagen machen schon nachdenklich und fordern zum Widerspruch heraus, der sich von der Polizeiführung in Minden über Landrat Ralf Niermann bis zur Landtagsabgeordneten Bianca Winkelmann (CDU) und nun auch wieder an die Innenausschuss-erfahrene Kirstin Korte (CDU) richtet. Beide tragen jetzt in Düsseldorf Regierungsverantwortung: Sie haben die innere Sicherheit zu einem zentralen Thema im Landtagswahlkampf gemacht. Sorgen Sie jetzt für mehr Polizisten im ländlichen Raum!

15 Einbrüche gab es, um bei einem aktuellen Beispiel zu bleiben, innerhalb eines Jahres in Hüllhorst. Schon insgesamt ist die Aufklärungsquote im Mühlenkreis bei Einbrüchen mit etwa 20 Prozent niedrig. In Hüllhorst liegt sie, bezogen auf die genannten 15 Einbrüche, bei 0 Prozent. Das finde ich genau so beunruhigend, wie die Aussage von Frank Meyer, dass es kaum einen Unterschied macht, ob ein Streifenwagen im Altkreis kontrolliert oder vier. Dass wir im Lübbecker Land - verglichen mit Großstädten in NRW - sicher leben. Dass es nachts bald nur noch eine besetzte Wache geben wird - in Minden. In Lübbecke hielt der politische Protest gegen die nächtliche Wache-Schließung sich in Grenzen. Und aus Espelkamp ist mir auch kein nennenswerter Widerstand in Erinnerung.

Entschuldigung, aber wie sollen solche Entwicklungen die Bürger beruhigen? Es gibt Menschen, die sind von Natur aus ängstlich, andere fürchten sich, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben. Und dann die vielen Senioren, deren Zahl in den nächsten Jahren stetig steigen wird, weil wir alle immer älter werden. Wie sollen die sich wehren -  oder weglaufen?

Waffen als Ausdruck der Unsicherheit

Als wir vor einigen Monaten über den dramatischen Anstieg von Anträgen auf einen kleinen Waffenschein im Kreis Minden-Lübbecke berichtet haben, um zum Beispiel eine Gas- oder  Schreckschusspistole besitzen zu dürfen, zeigte die Polizei sich besorgt. Aber nicht über die Tatsache als solche, die ja Ausdruck eines zunehmenden Unsicherheitsgefühls der Bevölkerung ist. Sondern darüber, dass man sich mit der Pistole selbst verletzten oder die Polizisten diese bei einem Einsatz für eine scharfe Waffe halten könnten. Schönen Dank auch!

Immer heißt es: Wir können nichts machen. Wir sind nicht zuständig, wir haben kein Geld, keine Leute, keine Ausbildungskapazität. Und außerdem müssen wir erst mal an die gefährlichen Großstädte denken, wo das Risiko zum Opfer zu werden, viel höher ist.

Ich möchte es mal so auf den Punkt bringen: Angesichts der geringen Zahl von Polizisten im Lübbecker Land und im Kreisgebiet, ihres Durchschnittsalters und ihres Krankenstandes, der wenigen Streifenwagen und der bisher geringen Aussicht auf Besserung kann man nur von Mangelverwaltung beziehungsweise von Löcher stopfen sprechen. Und das nehmen die politisch Verantwortlichen seit Jahren so hin.

Gefahren sind real und nicht subjektiv empfunden

Äußert man als Bürger Bedenken, wird geringschätzig von "subjektivem Sicherheitsgefühl" gesprochen, das bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt sei. Stimmt. Ich möchte deshalb einmal - total unrepräsentativ - aufzählen, was zu meinem Unsicherheitsgefühl beiträgt.

Ich fahre jeden Tag auf der B 65 zwischen Minden und Lübbecke. Und was ich bei diesen Autofahren fast täglich an halsbrecherischen Überhol- und Drängelaktionen, Schlangenlinienfahren unter Alkohol- und Drogeneinfluss und unerklärlichen Manövern erlebe, weil während des Fahrens telefoniert wird oder Kurznachrichten getippt werden, ist lebensgefährlich. Ich erwarte, dass solche Leute - bitte wörtlich nehmen - aus dem Verkehr gezogen werden.

Einen Einbruch habe ich selbst miterlebt und kenne mehrere Leute, denen das auch schon widerfahren ist. Reaktion der Behörden: Sichern Sie Ihr Haus besser - wir beraten Sie gern. Hallo? Seit wann sind der Schutz der Bürger und ihres Eigentums Privatsache und nicht mehr Aufgabe des Staates, der doch das Gewaltmonopol besitzt?

Keine Überwachungskamera an jeder Ecke

Und warum wohl lasse ich weder Frau noch Tochter spätabends allein nach Hause gehen? Weil weit und breit keine Streifenwagen in Sicht sind und die Gefahr, dass lichtscheue Gestalten sie belästigen, real und nicht nur subjektiv empfunden ist.

Nein, ich entlasse die - politisch - Verantwortlichen nicht aus ihrer Pflicht, die Bedingungen dafür zu schaffen, dass im Kreis und im Lübbecker Land wieder mehr Polizisten und Streifenwagen eingesetzt werden. Dann wird zwar zum Beispiel die Zahl der Drogendelikte im nächsten Jahresbericht steigen, weil mehr dieser Taten entdeckt und verfolgt werden können. Aber das wäre dann wenigstens mal eine echte Erfolgsmeldung.

Zum Schluss: Ich möchte kein Bierbrunnenfest mit auffälliger Polizeipräsenz feiern, nicht drei Mal zwischen Lübbecke und Minden von der Straße gewunken und nicht an jeder Straßenecke von einer Überwachungskamera ins Visier genommen werden. Aber ich erwarte schon, dass der Staat und seine Behörden sich intensiver um die Sicherheit der Bürger kümmert - auch auf dem Land.

Und wie geht es Ihnen, liebe Leser? Welche Erfahrungen, Ängste, Erwartungen haben Sie? Sie erreichen mich per  Mail unter frank.hartmann@nw.de

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