Unterstützung zugesichert: Die Bundestagsabgeordneten Johannes Saathoff (l.) und Achim Post (r.) sicherten den Anliegern um Joachim Schmedt (2. v. l.) und Andre Wichering zu, wegen der neuen Stromtrasse auch mit Amprion zu sprechen. - © Joern Spreen-Ledebur
Unterstützung zugesichert: Die Bundestagsabgeordneten Johannes Saathoff (l.) und Achim Post (r.) sicherten den Anliegern um Joachim Schmedt (2. v. l.) und Andre Wichering zu, wegen der neuen Stromtrasse auch mit Amprion zu sprechen. | © Joern Spreen-Ledebur

Stemwede Spannungen wegen Amprion-Stromtrasse

Das Unternehmen behauptet, wegen Entschädigungen mit dem Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband einig zu sein. Der Verband widerspricht

Joern Spreen-Ledebur

Stemwede-Dielingen. Die 380-kV-Höchstspannungsleitung zwischen St. Hülfe und Wehrendorf kann gebaut werden. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hatte die Klagen von Anliegern gegen den Planfeststellungsbeschluss abgewiesen und dem Netzbetreiber Amprion Recht gegeben. Über das Verhalten von Amprion aber sind die Betroffenen sauer. Ihre Häuser im Dielinger Ortsteil Reiningen sollen auch künftig von der Stromtrasse teils direkt überspannt werden. Das Nachgespräch mit den Netzbetreiber sei unerfreulich gewesen, sagt Anlieger Joachim Schmedt. "Amprion ließ uns abblitzen." Ein Vertreter des Unternehmens habe den Anliegern erklärt, dass man es keinem mehr verkaufen könne, wenn etwas geändert werden sollte. Schmedt: "Man stellte uns vor vollendete Tatsachen." Man sei nie grundsätzlich gegen die neue Stromtrasse gewesen, merken Joachim Schmedt und Andre Wichering an. "Was aber bei Wichering passiert, das geht gar nicht", so Schmedt. Amprion sei nicht bereit, hier einen Strommasten um rund 20 Meter zu versetzen, damit die Stallungen nicht mehr direkt von der Höchstspannungsleitung überspannt werden. Als Grund habe Amprion genannt, dass sich dann der Punkt verändere, an dem die Stromleitung die Landesgrenze quere. Es habe dann noch geheißen, dass man in Niedersachsen "schlechte Erfahrungen" gemacht habe. Zu Kosten habe sich Amprion nicht geäußert. Schmedt: "An dem Grenz-Querungspunkt haben sie sich festgebissen." Die Anlieger hoffen nun auf die Politik, wie Schmedt und Wichering gegenüber den Bundestagsabgeordneten Achim Post und Johann Saathoff (beide SPD) deutlich machen. Post steht seit Jahren in engem Kontakt mit den Anliegern und besuchte sie zusammen mit Saathoff, dem stellvertretenden wirtschaftspolitischen Sprecher und energiepolitischen Koordinator der SPD-Bundestagsfraktion. Die Anlieger hoffen nun, dass die Politiker "denen richtig ins Gewissen reden". Wegen der Weigerung des Unternehmens, einen Masten zu versetzen, sind die Anlieger um Joachim Schmedt und Andre Wichering schon angefressen. Richtig auf die Palme gehen sie aber hinsichtlich der Entschädigungspraxis. Im Landkreis Diepholz seien Betroffene angeschrieben worden. Amprion habe ihnen die Höhe der Entschädigung genannt und erklärt, dass eine Rahmenvereinbarung von den Landvolk-Verbänden Diepholz und Osnabrück sowie vom Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband (WLV) unterschrieben worden sei. Schmedt: "Der WLV hat wegen dieser Leitung noch keinen Vertrag mit Amprion unterschrieben." Anderslautende Behauptungen seien falsch. Würde Amprion in seiner Heimat Ostfriesland behaupten, der Landwirtschaftliche Hauptverband hätte mit ihnen verhandelt und das stimme nicht, "dann würde der Verband richtig auf die Barrikaden gehen", sagt Johann Saathoff. Der WLV habe eine gute Ausgangslage, weil diese Stromtrasse "unbedingt gebraucht wird". Landwirte könnten ja nun andeuten, dass sie Zeit hätten. Laut Saathoff wird es bei 11 von 38 Leitungsprojekten Erdverkabelung geben. Er hätte gern mehr gehabt, aber das sei mit der Union nicht zu machen gewesen, merkt der SPD-Politiker an. "Nichts kam aus Hannover zurück wegen der Erdverkabelung", kritisierte Schmedt die niedersächsischen Behörden. Die Dielinger wundern sich auch, dass während des gesamten Verfahrens um die neue Höchstspannungsleitung kein einziger Vertreter eines Naturschutzverbandes vor Ort war. "Die sind vorher schon alle totgekauft worden", vermutet Joachim Schmedt. Alle in der Region seien für eine Alternativ-Trasse gewesen, so der Reininger Landwirt. "Aber Amprion regte sich kein Stück." Den Landwirten gehe es nun um Entschädigung und aus landwirtschaftlicher Sicht müssten wiederkehrende Entschädigungen her. Die Begeisterung zu den von Schmedt geforderten wiederkehrenden Entschädigungen hält sich bei Johann Saathoff deutlich in Grenzen. Das würde die Energiewende deutlich verteuern, meinte der Ostfriese. Nachhaltige Beeinträchtigungen von Feldern durch Kabel unter dem Erdboden oder darüber seien nicht nachgewiesen. Johann Saathoff und Achim Post sagen zu, mit Amprion zu sprechen. Er würde gern noch mehr neue Stromleitungen verhindern, da das vorhandene und bislang geplante Netz Kapazitäten habe, die nicht ausgenutzt würden, so Saathoff. Achim Post regte zudem überparteiliche Gespräche mit den Staatskanzleien in Hannover und Düsseldorf an. Amprion habe 2013 mit Landvolk Diepholz eine Vereinbarung unterzeichnet und im Jahr 2014 eine noch bessere Vereinbarung mit dem Landvolk Osnabrück, sagte Assessor vom Landwirtschaftlichen Kreisverband Minden-Lübbecke. Anders als von Amprion dargestellt habe das Unternehmen mit dem WLV aber zu diesem konkreten Fall noch keine Vereinbarung getroffen. Anlieger berichten gestern der Neuen Westfälischen, von Amprion noch nichts wieder gehört zu haben - auch nicht wegen Entschädigungen. "Unter diesen Voraussetzungen wird kein Anlieger bei Amprion unterschreiben", machen sie deutlich. Kommentar:  Konzern wie ein bockiges Kind Es hätte so einfach sein können, wenn Netzbetreiber Amprion, die Bezirksregierung Detmold und die niedersächsische Behörde für Straßenbau ein bisschen guten Willen gehabt hätten. Dann hätte man sich beim Ausbau der Höchstspannungsleitung St. Hülfe-Wehrendorf auf den Kompromissvorschlag verständigt, den die Gemeinden Lemförde und Stemwede zusammen mit allen Anliegern einstimmig erarbeitet hatten. Aber das war nicht gewollt. Der Kompromissvorschlag wurde offenbar nicht wirklich ernsthaft von den Behörden geprüft. Die schlugen sich auf die Seite des Netzbetreibers. Kein Wunder, dass die so genannte Bürgerbeteiligung im Planfeststellungsverfahren den Betroffenen als Farce und reine Show erschien. „Panem et circenses – Brot und Spiele" eben. Nur halt im Gestalt eines Behördenverfahrens. Vor Gericht bekam Amprion recht. Zu Gesprächen scheint man offenbar nicht mal ansatzweise bereit zu sein. Einen logischen Grund, warum ein Strommasten nicht um wenige Meter versetzt werden kann, um ein direktes Überspannen von Gebäuden zu verhindern, nennt Amprion nicht. Dabei wäre das sicherlich kein Hexenwerk, aber man will gar nicht darüber nachdenken. Der Konzern verhält sich gegenüber den Anliegern wie ein bockiges und trotziges Kind. Ein weiterer unrühmlicher Punkt: Amprion behauptet gegenüber Landwirten, dass man wegen der Entschädigungen mit dem Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband eine Vereinbarung getroffen habe. Die aber gibt es in diesem konkreten Fall offenbar nicht. Sagt der Konzern die Unwahrheit? Dass das kein gutes Licht auf ein Unternehmen wirft, scheint Amprion egal zu sein. Aber irgendwie passt es ins Bild eines Konzerns, der ohne Rücksicht mit dem Kopf durch die Wand will und Behörden hinter sich weiß. Ignoranz in Reinkultur. Dabei hätte es so einfach sein können und nicht einmal zum Prozess kommen müssen. Bei ein bisschen gutem Willen von Amprion und Behörden. Aber der war wohl nie vorhanden. Kontakt zum Autor.

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