Volle Konzentration: Peter Hein war mit seiner Band „Fehlfarben" am Samstag der Höhepunkt des Abends. Mit reichlich Elan zeigte die selbst ernannte Rentnerband, dass sie auf der Bühne immer noch fit ist. Besonders ihr Hit „Ein Jahr (es geht voran)" kam beim Publikum gut an. - © Tanja Dittmann
Volle Konzentration: Peter Hein war mit seiner Band „Fehlfarben" am Samstag der Höhepunkt des Abends. Mit reichlich Elan zeigte die selbst ernannte Rentnerband, dass sie auf der Bühne immer noch fit ist. Besonders ihr Hit „Ein Jahr (es geht voran)" kam beim Publikum gut an. | © Tanja Dittmann

Stemwede Stemweder Open Air lockt 10.000 Fans an

Anhaltender Regen hält zwar einige Besucher fern, kann der Stimmung aber nicht viel anhaben

Tanja Dittmann

Stemwede-Haldem. "One love, Stemwede!" Was der Reggaemusiker Nosliw getreu seiner Musikrichtung dem Publikum vor der Waldbühne zurief, gilt wohl als Devise für das gesamte Open Air. Mehr als 10.000 Besucher feierten am Wochenende ein friedliches und familiäres Festival im Ilweder Wäldchen. Bloßes Zelten ist schon lange der falsche Begriff für das, was auf dem Campingplatz zu beobachten ist. Große Pavillons, Aussichtstürme, Bauwagen, Lautsprecherboxen und allerlei kreativ bemalte Fahnen, Schilder und Zelte ließen sich hier bestaunen. Zum Auftakt des Festivals am Freitagabend wurden die Besucher zunächst allerdings von einigen Regenschauern begrüßt. Die Laune ließen sie sich deswegen aber noch längst nicht vermiesen, sondern ließen sich stattdessen lieber von den Bands auf den drei Bühnen und den DJ's im Rockzelt mitreißen. Gefeiert wurde auch wieder in den buntesten Kostümen. Zu sehen gab es unter anderem Einhörner, Dinos oder Bären und auch Giraffen und Löwen gaben sich freundlich die Hand. Pop, Rock, Techno oder Ska So vielseitig wie die Kostüme waren auch die Stilrichtungen der Bands. Ob Pop, Punk, Rock, Funk, Techno, Hip Hop, Ska oder Reggae, musikalisch war für jeden Geschmack etwas dabei. Ein Höhepunkt waren Samstagabend "Fehlfarben". Von Sänger Peter Hein zwar selbst als Renterband betitelt, mussten sich die Rocker doch keineswegs hinter jüngeren Musikerkollegen verstecken. Im Gegenteil: So mancher hätte sich von dem Elan und der Beweglichkeit des Sängers noch eine Scheibe abschneiden können. Der Platz vor der Waldbühne war jedenfalls gerappelt voll, und vor allem das ältere Publikum bewies Textsicherheit bei Hits wie "Ein Jahr (es geht voran)". Auch das Team der Wiesenbühne zeigte Gespür für beliebte Bands. "Lady Crank" aus Hannover ließen es am Freitagabend krachen, Fans tanzten wild zu den etwas härteren Gitarrensounds der Grunge-Rocker. Publikumsmagnet am Samstagabend waren "Vladi Wostok", die russische Polka und Rockmusik zu vereinen wussten. Indierocker "Razz" aus dem Emsland Für Kreischalarm vor der Waldbühne sorgten die vier Musiker von "Razz", die speziell jüngere weibliche Fans begeisterten. Wie Schlagzeuger Steffen erzählt, war der Auftritt beim "Stemweder" für die Indierocker aus dem Emsland auch persönlich etwas ganz Besonderes. "2011 war ich hier mit Niklas, unserem Sänger, und das war damals das erste Festival, auf dem ich jemals gewesen bin. 2012 war ich gleich wieder dabei und fünf Jahre später jetzt selbst auf der Bühne hier stehen zu dürfen, ist schon ziemlich cool. Und es hat uns gerade einfach total viel Spaß gemacht." Dass es nicht immer die große Bühne sein muss, wird bei dem Festival aber auch deutlich. Seinen ganz eigenen Charme hat das Sonnensystem, eine Akustikbühne für Singer-Songwriter. Davon überzeugt hat sich auch Sänger "Moe". Entspannt und zufrieden lauschten einige Zuhörer bei den wenigen Sonnenstrahlen des Tages seinen gefühlvollen Melodien. "Es war sehr, sehr schön. Hier sind ganz viele liebe Menschen und ich hatte ein sehr aufmerksames Publikum, das ist nicht selbstverständlich bei so ruhiger Musik", resümierte der Bielefelder. "Das ist schon eine ziemliche Wucht" Von vielen lieben Menschen sprach auch Organisator Wilhelm Lindemann, der dank der vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, etwa 350 waren von Donnerstag bis Sonntag im Einsatz, von einem entspannten und gut besuchten Festival sprechen konnte: "Es läuft alles wie geplant, es gibt keine Probleme und die Helfer sind alle motiviert. Die brennen darauf, hier das Festival zu machen. Diese Einsatzbereitschaft ist schon eine ziemliche Wucht". Einen kleinen Zwischenfall gab es am Freitagabend auf dem Campingplatz, als die Feuerwehr zu einem Motorbrand ausrücken musste. Noch vor Eintreffen der Einsatzkräfte hatten Sicherheitsbeauftragte den Brand aber bereits unter Kontrolle. Kommentar Bemerkenswert Von Tanja Dittmann Ob als Ordner am Camping- oder Tagesparkplatz, an der Infobude, hinter der Bühne oder in einem der vielen anderen Bereiche, ohne das ehrenamtliche Engagement der 350 Helferinnen und Helfer wären die Veranstalter aufgeschmissen – und ein Festival der Größenordnung wie das Stemweder unmöglich. Die Motivation der Ehrenamtlichen ist nicht zu übersehen, man kann förmlich spüren, wie sie für die gute Sache brennen. Viele sind seit Jahren dabei, die Tradition zu helfen, hat sich über Generationen erhalten. Manche sind in der Zeit weggezogen, haben sich über ganz Deutschland verteilt. Doch einmal im Jahr kommen sie wieder – das Helferteam des Stemweders ist zu einer großen Familie zusammengewachsen. Dass so viele junge, aber auch ältere Menschen immer wieder so viel Einsatz zeigen, ist schon bemerkenswert und spricht wohl für das Stemweder Open Air. Umsonst & Draußen bedeutet aber auch viel essen und trinken, denn durch den Verkauf von Speisen und Getränken und die Standgebühren finanziert sich das Festival. Statt sich auf dem Gelände zu versorgen, greifen besonders die Camper viel eher zu eigenem Bier und Dosenravioli. Vielleicht macht genau das den Charme des Campings aus, eher aber wird die Konsequenz ignoriert, die diese persönlich günstigere Alternative mit sich zieht: Dass sich Umsonst & Draußen auf Dauer nicht halten kann. Einige Musiker wie auch Fehlfarben-Frontmann Peter Hein appellierten an ihre Zuhörer, sich dessen bewusst zu werden und daher die vielfältigen kulinarischen Angebote wahrzunehmen. Denn nur so wird sich das Ilweder Wäldchen noch viele Jahre in eine Pilgerstätte für Festivalfans verwandeln und das Kulturangebot der Region bereichern.

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