Unterwegs: Joachim Mehnert ist ein heimatverbundener Mensch. Am liebsten erlebt er das Lübbecker Land aus der Luft. Dort bekommt man einen ganz anderen Blick auf die Welt, sagt er. - © Joachim Mehnert
Unterwegs: Joachim Mehnert ist ein heimatverbundener Mensch. Am liebsten erlebt er das Lübbecker Land aus der Luft. Dort bekommt man einen ganz anderen Blick auf die Welt, sagt er. | © Joachim Mehnert

Hüllhorst/Kirchlengern Das Lübbecker Land von oben

Serie "Auf einen Kaffee mit ...": Joachim Mehnert ist leidenschaftlicher Gleitschirmflieger. Seine Freizeit verbringt er in der Luft, wo er Fotos und Videos vom Lübbecker Land macht - oder einfach den Moment genießt

Stefan Boes

Hüllhorst/Kirchlengern. Joachim Mehnert hat eine Weile gebraucht, bis er sich seinen Jugendtraum erfüllt hat. In seinem beruflichen Leben ist der 55-jährige Hüllhorster ausgebildeter Techniker. Seit 2005 ist er selbstständig, führt eine Holzverarbeitungsfirma mit 30 Mitarbeitern in Kirchlengern. Als er an einem Freitagnachmittag - die Mitarbeiter sind bereits im Wochenende - an dem Konferenztisch in seinem Büro sitzt und sich eine Tasse Kaffee eingießt, spricht er aber schon bald von etwas ganz anderem, von etwas, das deutlich weniger bodenständig ist: "Schon als Jugendlicher war mein sehnlichster Traum das Fliegen", sagt er und fängt ganz vorne an: "Ich bin damals in meiner Freizeit sehr oft im Wiehengebirge gewandert. Es gab eine Stelle, die mich jedes Mal anzog und immer wieder faszinierte. Man hatte eine wunderbare Fernsicht in die Ravensberger Mulde. Bei klarer Sicht konnte man bis nach Bielefeld schauen." Während er seinen Blick in die Ferne schweifen ließ, habe er sich vorgestellt, ein Fluggerät zu besitzen, das man auspackt, anlegt und mit dem Wind davonfliegt. 35 Jahre hat es gedauert, bis diese Vorstellung Realität wurde. Es gab so etwas wie ein Aha-Erlebnis, berichtet er: "Es war an einem Sonntagnachmittag im August 2001. Ich kam vom Sport nach Hause und setzte mich in den Wintergarten, um die letzten Stunden des Wochenendes zu genießen", erzählt er. "Plötzlich sah ich in der Luft ein Stück Stoff, an dem irgendetwas herunter hing. Da muss was passiert sein, dachte ich, sah aber im gleichen Augenblick dasselbe noch mal." Völlig verdutzt sei er zum Auto gelaufen, um sich das vor Ort anzuschauen. Als er ankam, habe er eine Person gesehen, die mit einem Seil verbunden war und hinter sich ein großes Stück Stoff liegen hatte. Eine weitere Person mit einem Funkgerät in der Hand habe dann das Kommando gegeben: "Staaaaaaart!" Im gleichen Augenblick, berichtet Mehnert, straffte sich das Seil, die Person am Seil machte zwei, drei schnelle Schritte, das Stück Stoff erhob sich zu einem Flügel und die Person sich in die Lüfte. Joachim Mehnert blickte hinterher. Ein Zufall führte Mehnert zum Gleitschirm fliegen "Das will ich auch", habe er da gedacht. Plötzlich war der Traum vom Fliegen wieder da. Nicht lange hat es gedauert, bis Joachim Mehnert selbst mit dem Gleitschirm in der Luft war. Er machte eine Flugausbildung - in Deutschland benötigt man wegen der Motorisierung des Gleitschirms einen Ultraleichtflugzeug-Führerschein -, er lernte Leute in der Fliegerszene kennen und gründete mit ihnen die Mühlenflieger als Unterabteilung des SV Schnathorst. Gemeinsam planten sie die Startbahn an der Windmühle Struckhof in Schnathorst. "Es ist wichtig, dass man sich für seine Heimat engagiert", sagt der vierfache Familienvater Joachim Mehnert. Er ist in Hüllhorst aufgewachsen, hat zwei Jahre in den USA gearbeitet, sieht sich aber als "Urgestein" seiner "wunderschönen Heimat". Hier ist er zu Hause. Das Gefühl, mit nichts als einem kleinen Motor auf dem Rücken und einem Schirm über sich, mit in der Luft baumelnden Füßen, schwerelos in der Luft zu sein, muss unvergleichlich sein: "Ich durfte Eindrücke sammeln, die mir im Leben Kraft und Zuversicht geben", sagt er über seine Leidenschaft. Eine ganz besondere Erfahrung "Die Heimat von oben zu erleben, das Gefühl des freien Fliegens, über allem zu schweben, den Blick für die endlose Weite des Himmels zu erfahren, den Wind zu atmen, das ist einfach fantastisch", schwärmt er. "Ich liebe es, unsere Gemeinden, unsere Mühlen, Flüsse, Kanäle, unseren Kreis Minden-Lübbecke aus der Vogelperspektive zu erleben." In den letzten Jahren ist Mehnert, wenn es Wetter und Zeit zuließen, geflogen. "Man schwebt so über den Dingen. Dieses Abgehobensein lässt einen die Alltagsprobleme vergessen", sagt er, während er nebenbei einige Fotos und Videos vorführt. "Dieses mag ich besonders gerne", sagt er und klickt auf "Play". "Man sieht zunächst meinen Schatten, ganz groß. Aber sobald ich in der Luft bin, verschwindet der Schatten in Sekundenschnelle." Die Aufnahme sei Zufall, aber das Bild passe einfach so gut. "Da oben ist man mit sich alleine und entfliegt dem Alltag." Wenn ihm danach ist, muss Joachim Mehnert nur sein Fluggerät in den Kofferraum packen und kann abheben. Da sein Gleitschirm mit einem Motor ausgestattet ist, muss er sich auch nicht nach der Thermik richten. Starten kann er alleine. Weil er einen Motor hat, benötigt er keine Seilwinde. Auf ebener Fläche startet er aber auch mit Winde. Einmal stürzte er ab Auf das passende Wetter achtet Mehnert sehr genau, seitdem er einmal bei kritischem Wetter und etwas übereilt aufgebrochen und dann am Ende aus 30 Metern Höhe auf den Boden gestürzt ist. Mehrere Tage habe er auf der Intensivstation gelegen, wochenlang Schmerzen gehabt. Seitdem ist nichts mehr passiert, regelmäßig nimmt er Flugpartner mit. Man kann zu zweit mit dem Motorschirm in der Luft sein. "Vorher erlebe ich immer die Angespanntheit derjenigen, die es noch nie gemacht haben. Wenn ich ihnen nach dem Flug in die Augen gucke und diese Losgelöstheit sehe, dann weiß ich genau, was sie gerade erlebt haben."

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