Anrührend: Schüler des Gymnasiums gestalteten die Gedenkfeier mit und erinnerten an die Biografien von Jugendlichen, die ihres jüdischen Glaubens wegen von den Nazis verfolgt wurden. - © Joern Spreen-Ledebur
Anrührend: Schüler des Gymnasiums gestalteten die Gedenkfeier mit und erinnerten an die Biografien von Jugendlichen, die ihres jüdischen Glaubens wegen von den Nazis verfolgt wurden. | © Joern Spreen-Ledebur

Rahden Platz neben Rathaus heißt jetzt "Platz der Synagoge"

Mahnung: Zahlreiche Rahdener erinnerten an die Pogromnacht des Jahres 1938. Der Platz ist nun nach der von Nazis niedergebrannten Synagoge benannt

Joern Spreen-Ledebur

Rahden. Der Stadtrat hatte im Juli den entsprechenden Beschluss einstimmig gefasst, nun ist er umgesetzt worden. Anlässlich der Gedenkstunde zum 79. Jahrestag der Pogromnacht ist der Platz neben dem Rahdener Rathaus offiziell in "Platz der Synagoge" benannt worden (die Neue Westfälische berichtete). Das Straßenschild enthüllte Bürgermeister Bert Honsel im Beisein vieler Bürger, die an der Gedenkfeier teilnahmen. Die Mahnung gegen das Vergessen, das zog sich durch die Reden von Bürgermeister Bert Honsel, von Monika Büntemeyer vom Arbeitskreis "Jüdisches Leben in Rahden" und von Giora Zwilling von der jüdischen Gemeinde Minden. Geschichtsbewusstsein zu vermitteln und die Gedenkkultur weiterzugeben, das sei die Aufgabe heute, merkte Bert Honsel an. Nachwachsenden Generationen müsse ein Bild vermittelt werden, wie sich die Ortsgeschichte entwickelte. Bürger jüdischen Glaubens gehörten in Rahden dazu, sie arbeiteten hier und engagierten sich in den Vereinen. "Sie fühlten sich als Deutsche mit jüdischen Wurzeln." »Sie reichten uns die Hand« Mit dem Machtantritt der Nazis sei den Menschen das aberkannt worden. Bürger jüdischen Glaubens seien drangsaliert, verfolgt und ermordet worden. Dankbar könne man sein, dass frühere Rahdener jüdischen Glaubens oder deren Angehörige im November vergangenen Jahres zur Verlegung der Stolpersteine in der Bahnhofstraße ein paar Tage in die alte Heimat gekommen seien, sagte Honsel. "Sie reichten uns die Hand." Das Novemberpogrom 1938, wegen der vielen zerbrochenen Scheiben verharmlosend "Kristallnacht" genannt, sei in aller Öffentlichkeit geschehen. Das Nazi-Regime habe mit ungekannter Brutalität sein wahres Gesicht gezeigt, sagte der Bürgermeister. Das Pogrom sei eine Zäsur gewesen, das Fanal zum dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte. Es sei ein erster Schritt zum massenhaften Morden gewesen. Die brennenden Synagogen führten zum Holocaust, merkte der Ratsvorsitzende an. Lernen müsse man aus den Ereignissen, dass rechtsextreme Ängste in deren Befürwortung umschlagen könnten. Antisemitismus gebe es von rechtsextremen, aber auch von Islamisten. Schweigen und wegsehen, dem erteilte Honsel eine Absage. Gedenktage dürften nicht vergessen werden, weil das die Opfer ein zweites Mal zum Opfer machen würde. Gedenktage zeigten vielmehr, wie wichtig Menschenrechte und der Einsatz dafür seien. Drohungen gegen jüdische Bürger seien Drohungen gegen alle. Mit dem Gedenken am 79. Jahrestag der Pogromnacht solle ein Zeichen der Erinnerung und gegen das Vergessen gesetzt werden. Es werde ein Zeichen gesetzt für ein geschichtsbewusstes Rahden und für eine wehrhafte Demokratie. Das sei auch die Botschaft der Platz-Benennung. Erste Initiativen hatten Bürger um Monika Büntemeyer im Jahr 2011 ergriffen - für diese beharrliche Arbeit dankte Bürgermeister Honsel Monika Büntemeyer und dem gesamten Arbeitskreis "Jüdisches Leben in Rahden". Vieles habe sich entwickelt, vieles sei aufgearbeitet worden und vieles sei zur Aufarbeitung der jüdischen Geschichte und Kultur getan worden, sagte Monika Büntemeyer. Lange Zeit habe man sich in Rahden nicht mit der Thematik befasst. Erinnerung an Walter Heine Endlich aber sei etwas gemacht worden. Sie würdigte auch die Gestaltung des Platzes und die Installation des Stahlbandes direkt neben dem Rathaus, das im Pflaster die Umrisse der Synagoge verdeutlicht. Rathaus und Synagoge seien nun zumindest optisch wieder vereint. Monika Büntemeyer erinnerte daran, das der aus Rahden stammende Walter Heine am 7. November im Alter von 92 Jahren in den USA verstorben sei. Walter Heine musste vor den Nazis flüchten. Seine Tochter Ellen Hines hatte im November vorigen Jahres an der Verlegung von Stolpersteinen in der Bahnhofstraße teilgenommen. Die Wiederherstellung des Familiengrabes habe Walter Hines leider nicht mehr erleben können, sagte Büntemeyer und deutete Probleme mit dem Denkmalschutz an. Gegen das Vergessen stemmten sich die Bürger Rahdens durch die Platz-Benennung und mit den Stolpersteinen, betonte Giora Zwilling. Er lud die Menschen ein, sich von den Schicksalen derer berühren zu lassen, die einst in die Synagoge gegangen waren. So bleibe Gedenken lebendig und werde nicht zum reinen Ritual. Mitgestaltet wurde die Gedenkfeier durch Michael Streich und Schüler des Gymnasiums - mit Musik, aber auch mit Texten. Eigenen Biografien stellten die Jugendlichen die Biografien von Jugendlichen jüdischen Glaubens aus der Nazi-Zeit gegenüber. Junge Menschen, die von den Nazis entrechtet wurden und krank vor Angst waren. Sigrid Lindemann und Heidi Gronemeier vom Arbeitskreis "Jüdisches Leben" erinnerten an das Wirken des früheren Rahdener Pfarrers Werner Milstein und der im vorigen Jahr verstorbenen Lehrerin Ursula Ester-Hartke. Beide seien in den 1990er Jahren die Wegbereiter für die Aufarbeitung in Rahden gewesen.

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