Selbstversorger mit Überschussvermarktung: Beate und Rainer Wagenfeld halten und züchten alte Nutztierrassen. Die Bresse und Mechelner Hühner liefern ihnen und anderen Eier und Fleisch. - © Sonja Rohlfing
Selbstversorger mit Überschussvermarktung: Beate und Rainer Wagenfeld halten und züchten alte Nutztierrassen. Die Bresse und Mechelner Hühner liefern ihnen und anderen Eier und Fleisch. | © Sonja Rohlfing

Rahden-Sielhorst/Varl Ehepaar Wagenfeld züchtet alte Nutztierrassen auf Bauernhof in Varl

Neben Hühnern halten sie auch Schafe und Schweine

Sonja Rohlfing

Rahden-Sielhorst/Varl. Autofahrer, die auf die Hofzufahrt abbiegen, müssen aufpassen. Hier laufen Hahn und Hennen frei herum. Beate und Rainer Wagenfeld schmunzeln. "Wir haben aufgehört, sie einzufangen." Dabei haben die Hühner eine große Weide, auf der sie herumlaufen, picken und im Sand baden können. Sie sind auch längst nicht die einzigen Tiere, die auf dem Hof in Sielhorst leben. Auf dem kleinen bäuerlichen Anwesen stehen die Zucht und artgerechte Haltung bedrohter Nutztierrassen im Vordergrund. "Ich hatte die Landwirtschaft schon fast aufgegeben", erzählt Rainer Wagenfeld. Nur noch Pferde und einige Hühner tummelten sich vor kurzem auf dem Anwesen an der Grenze zu Oppenwehe. Dann brachte Beate ihre nach VIEH-Richtlinien anerkannte Nutztier-Arche mit. "Gutes, preiswertes Fleisch bekommt man nur, nur wenn man es selber macht", erklärt die 46-Jährige. Aufgebaut hat sie die Arche "Aus dem Mühlenkreis" in Varl noch mit ihrem früheren Ehemann, der leider tödlich verunglückte. Bei der Nutztier-Arche hat alles mit Waldschafen angefangen. "Sie sind robuste Tiere mit dreifachem Nutzen: Wolle, Milch, Fleisch. Sie brauchen kein Kraftfutter, sondern lediglich Gras und Heu", berichtet Beate Wagenfeld. Das Lammfleisch sei fein, fettarm und besonders zart und hat nicht den für Schaffleisch sonst typischen Beigeschmack. "Wir sind mit fünf Muttertieren angefangen", erinnert sich Beate Wagenfeld, die inzwischen sowohl eine Herdbuchzucht mit Schafen als auch mit Bunten Bentheimer Schweinen vorweisen kann. "Die erste Sau hat noch mein Mann Torsten ausgesucht." "Bei uns kann man Schweine leasen", sagt Rainer Wagenfeld. Das ausgesuchte und an der Ohrmarke wiederzuerkennende Tier bleibt dabei zur weiteren tiergerechten Aufzucht bis zur Schlachtung auf der Nutztier-Arche. Als Gegenleistung wird ein monatlicher Betrag für Fütterung und Pflege gezahlt. "Die Schweine laufen bei uns auf Stroh, bekommen gedämpfte Kartoffeln und Gras. Außerdem dürfen sie nach draußen und wühlen." Kraftfutter lässt der 54-Jährige in einer Mühle in der Region mischen. "Wir verfüttern kein Sojaschrot und keinen genveränderten Mais." Die Mechelner Hühner auf dem Hof sind eine alte Fleischhuhnrasse, die dennoch eine beachtliche Menge Eier legt. "Das Fleisch ist schmackhaft und saftig, anders als die trockene Hähnchenbrust von Tieren aus Massenhaltung", erklärt Beate Wagenfeld. Inzwischen hat Beate Wagenfeld ein geübtes Auge entwickelt, um die Qualität der Tiere zu beurteilen und wirklich reinrassige Tiere zu erkennen. Nur die besten gingen in die Zucht. "Alles retten, alles behalten geht nicht." Ein guter Züchter selektiere streng nach Charakter und körperlichen Eigenschaften, erläutert die 46-Jährige, die sich nicht nur zur Fachfrau für alte Rassen sondern auch für alte und seltene Obst- und Gemüsesorten qualifiziert hat. "Sie haben nicht so den Ertrag, dafür aber einen unglaublich guten Geschmack." "Noch pendeln wir täglich zwischen den beiden Hofstellen in Varl und Sielhorst hin und her", erzählten Beate und Rainer Wagenfeld. Irgendwann sollen alle Tiere nach Sielhorst umgezogen sein. Sie hätten schon eine enge Beziehung zu den Tieren, verdeutlichen die beiden. "Alte Nutztierrassen können aber nur erhalten werden, wenn sie genutzt werden, sie also einen Platz auf unserem Speiseplan finden." Schlachten lassen sie bei einer Schlachterei in der Region. "Das geht ohne Stress und ganz schnell." Mit dem, was die Nutztier-Arche hergibt, versorgen sich Beate und Rainer Wagenfeld selbst. Überschüsse vermarkten sie. Anders als im Supermarkt ist nicht alles ganzjährig verfügbar, sondern so, wie es der Lauf der Natur vorsieht. "Das müssen die Kunden erst verstehen", meint Beate Wagenfeld. "Mit jeder alten Nutztierrasse, die verschwindet, geht wichtiges genetisches Potenzial verloren", macht sie deutlich. Mit ihrer Nutztier-Arche geben Beate und Rainer Wagenfeld den alten Rassen einen Platz in der Landwirtschaft. Setzen sich für den Erhalt alter Nutztierrassen ein Die „Vielfältige Initiative zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen" (VIEH) gibt es seit mehr als zehn Jahren. Um Höfe und Züchter zu unterstützen, die mindestens eine alte und gefährdete Nutztierrasse züchten, wurden neben einer Informationsplattform und einem Forum die Initiativen „Nutztier-Arche" und „Mit Genuss erhalten" ins Leben gerufen. Nach VIEH-Richtlinien anerkannte Nutztier-Archen werden regelmäßig kontrolliert auf artgerechte Tierhaltung und Fütterung. Daneben setzt sich auch die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) mit vielfältigen Aktivitäten zur Erhaltung der Biodiversität ein. Initiiert hat der 1981 gegründete Verein ebenfalls ein Arche-Hof-Projekt. Anschließen kann sich dem, wer mindestens drei bedrohte Nutzierrassen in sein Betriebskonzept integriert.

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