Gefragtes Produkt: Kai Büntemeyer, geschäftsführender Kolbus-Gesellschafter, betrachtet einen Buchdeckelautomaten des Typs DA 260. Dieser Maschinen-Typ könnte aus Sicht Büntemeyers angesichts der Nachfrage zu einem Kolbus-Bestseller werden. - © Foto: Joern Spreen-Ledebur||
Gefragtes Produkt: Kai Büntemeyer, geschäftsführender Kolbus-Gesellschafter, betrachtet einen Buchdeckelautomaten des Typs DA 260. Dieser Maschinen-Typ könnte aus Sicht Büntemeyers angesichts der Nachfrage zu einem Kolbus-Bestseller werden. | © Foto: Joern Spreen-Ledebur||

Rahden Gesellschafter Büntemeyer über Verkauf der Kolbus-Sparte

Interview: Kai Büntemeyer ist geschäftsführender Kolbus-Gesellschafter und nimmt zum Verkauf der Sparte Buchbindesystem Stellung. Der Verkauf dieses Schwergewichts sei sehr schwer gefallen, sagt er

Joern Spreen-Ledebur

Rahden. Der Verkauf des Kolbus-Geschäftsfeldes Buchbindesysteme an das Schweizer Familien-Unternehmen Müller-Martini sorgt für Gesprächsstoff im Lübbecker Land. Mit dem Verkauf der Sparte wechseln 250 Mitarbeiter von Kolbus zu Müller-Martini. Gegenüber der Neuen Westfälischen äußerte sich Kai Büntemeyer jetzt zu den Gründen für den Verkauf. Der geschäftsführende Gesellschafter des Rahdener Traditionsunternehmens sagt auch, warum das Schicksal von Krause Ringbuchtechnik in Espelkamp kein Vergleich für Rahden ist, warum ein alternativer Weg zum Verkauf doch keine Alternative war und warum die Mitarbeiter des Traditions-Unternehmens nun ihre Guthaben ausgezahlt bekommen. Herr Büntemeyer, seit wann gab es Gespräche mit Müller Martini? KAI BÜNTEMEYER: Es gab Konsultationen seit 2012 und konkrete Arbeit an dem Projekt seit 2016. Wie ergab sich der Kontakt? BÜNTEMEYER: In so einer kleinen Industrie ist es selbstverständlich, dass sich die obersten Chefs kennen und gegenseitig auch Gespräche führen. Was gab den Ausschlag für den Verkauf an Müller-Martini? BÜNTEMEYER: An erster Stelle gab es die Suche nach einer Lösung, weil ein Festhalten am Status Quo für beide Seiten nicht nachhaltig war. Die jetzt gefundene Lösung war schließlich die einzige, die alle Anforderungen der Inhaber und die Interessen der Mitarbeiter und der Kunden abdecken konnte. Warum passt Müller-Martini zu Kolbus? BÜNTEMEYER: Wir sind in der gleichen Industrie tätig und es sind beides Familienunternehmen. Wir haben daraus ähnliche Traditionen. Welchen Anteil hatte die Sparte Buchbindesysteme zuletzt im gesamten Betrieb bei Kolbus? BÜNTEMEYER: Der Anteil am Umsatz der deutschen Werke war bei etwa 50 Prozent. Das ist schon ein Kernstück, ein Schwergewicht. BÜNTEMEYER: Ja, das ist schon eine ganze Menge. Fiel es schwer, ein solches Schwergewicht aus der Hand zu geben? BÜNTEMEYER: Ja, auf jeden Fall. Das ist der längste und der mühevollste Entscheidungsprozess, den ich in meinem Leben erlebt habe. Wie steht die Buchbindesystem-Sparte zurzeit wirtschaftlich da? BÜNTEMEYER: Sie hat seit mehreren Jahren nicht so viel Geld erwirtschaftet wie in den Erhalt der technologischen Marktposition gesteckt werden musste. Das Herzstück von Kolbus geht an einen Konkurrenten. Bei Krause Ringbuchtechnik in Espelkamp war ebenfalls ein Konkurrent eingestiegen. Nur wollte diese Wiener Investorengruppe den Konkurrenten vom Markt verdrängen und dessen Patente haben. Was die Investoren auch durchsetzten. An das Aus für Krause erinnern sich derzeit viele Bürger. Was sagen Sie ihnen, warum das bei Kolbus anders laufen wird? BÜNTEMEYER: Es gibt zwei Gründe. Zum einen habe ich begründetes Vertrauen in die Käuferseite. Sie sind an der Möglichkeit, auf Kosten von Mitarbeitern und Kunden Kasse zu machen, ebenso wenig interessiert wie wir. Und als Kenner der entstandenen Strukturen weiß ich, dass nichts als ein nachhaltiger Erfolg für Müller Martini in Rahden wirtschaftlich interessant ist. Ein Verkauf an eine Heuschrecke wäre kein Thema gewesen. Sind Familienunternehmen verlässlichere Partner als Investoren wie im Fall Krause? BÜNTEMEYER: Ich kann nicht beurteilen, was das im Fall Krause für Leute gewesen sind. Die Kritik kommt von Ihnen. Aber hier sehe ich eine große Zahl von Gründen, warum das anders läuft. Der Chef Bruno Müller stand vorigen Freitag hier vor 1.000 Menschen und sicherte zu, dass er sich langfristig in Rahden engagieren will. Ich kenne Bruno Müller als einen Mann, dem es schwerfallen würde, wenn er sich dem Vorwurf stellen müsste, den Worten keine Taten folgen zu lassen. Was hätte die Geschäftsführung in den vergangenen Jahren anders machen können, damit es nicht zum Verkauf gekommen wäre? BÜNTEMEYER: Ein alternativer Weg hätte darin bestanden, die Buchbindesysteme auf einen kleineren Markt zu fokussieren. Das hätte bedeutet, das Produktprogramm zu verkleinern und mit einem verkleinerten Produktprogramm ein Segment zu bedienen, wo die erzielbaren Margen etwas besser sind. Man muss aber dazu sagen, dass das Risiko groß gewesen wäre und dass wir auf jeden Fall heute, also Stand Ende Januar 2018, weniger Arbeitsplätze in Rahden hätten. Welchen Anteil hat die Gießerei am Geschäftsbetrieb und wie hat sich das auch wirtschaftlich in den vergangenen Jahren entwickelt? BÜNTEMEYER: Der Anteil am Umsatz der Maschinenfabrik, der mit der Gießerei zu tun hat, liegt bei zehn Prozent. Da ist die Entwicklung sehr, sehr positiv. Die Gießerei selbst arbeitet an der Kapazitätsgrenze. Aber wir hoffen, das Geschäftsfeld, was insgesamt damit zu tun hat, ausbauen zu können. Der hochspezialisierte Maschinenbauer, der auf Gusszulieferung für einzelne Maschinen angewiesen ist, hat kaum Alternativen zu Kolbus. Da haben wir Wertsteigerungs-Möglichkeiten, indem wir den Markt weiter durcharbeiten und uns auf diese Kunden spezialisieren. Welchen Anteil hat die Verpackungssparte? BÜNTEMEYER: Verpackungen/Buchdeckelautomaten haben derzeit einen Anteil von 20 Prozent. Das reine Packmittelgeschäft hat sich seit 2014 in Rahden fast verdreifacht. Es ist ein nennenswertes Geschäftsfeld und es hat Perspektive, weiter zu wachsen. In der neuen Aufstellung von Kolbus hat unsere Sparte Maschinenbau die Chance, nachhaltig zweistellig zu wachsen. Es war im Juni 2016 von knapp 1.000 Mitarbeitern die Rede. Am Freitag wurden in der Mitteilung 900 genannt. Wie kommt es zu diesem Unterschied? BÜNTEMEYER: Wir hatten einen Tiefpunkt, aber die Zahl der Mitarbeiter ist wieder gestiegen. Zum Schluss waren wir bei 1.150 Mitarbeitern. Von ihnen gaben wir am Donnerstag 250 an Müller Martini ab. Nun sind es 750 Kolbus-Mitarbeiter in Rahden und 150 in Niederlassungen und weiteren Betrieben. Aus welchen Gründen wird die Regelung praktiziert, Urlaubsgeld nicht auszuzahlen, sondern auf einem Konto zu parken - und nur im Fall einer Kündigung auszuzahlen? BÜNTEMEYER: Kolbus ist das einzige Unternehmen in der deutschen Druck- und Papierindustrie, das heute mehr Mitarbeiter hat als 1996, dem Jahr, in dem ich Geschäftsführer wurde. Verloren hat die Industrie 50 Prozent der Arbeitsplätze. Das wir es schafften, den Mitarbeiter-Stamm zu erhöhen, hat drei Säulen. Unsere technische Entwicklung sorgte dafür, dass sich unsere Wettbewerbsposition gegenüber Mitspielern am Markt verbessert hat.Die Gesellschafter haben seit mehr als 25 Jahren auf Ausschüttungen aus dem Unternehmen verzichtet - auch in Zeiten, als wir sehr viel Geld verdienten. Die dritte Säule sind Solidaritätsopfer der Mitarbeiter gewesen. Und dazu gehört die Urlaubsgeld-Regelung. Die Regelung besagt, dass zusätzliche Zahlungen in Höhe des üblichen Urlaubsgeldes nur entsprechend der Gewinnsituation des Unternehmens ausgeschüttet werden und sonst auf einem Guthabenkonto gutgeschrieben werden. Darüber hat jeder einzelne Mitarbeiter eine Vereinbarung mit dem Unternehmen unterschrieben. Scheidet man aus dem Unternehmen aus, profitiert man nicht mehr von der Arbeitsplatzsicherung und bekommt das Guthaben ausgezahlt. Das heißt: Man bekommt das Guthaben auf jeden Fall ausgezahlt, wenn man kündigt, gekündigt wird oder in Rente geht. Alle Mitarbeiter, die demnächst Müller Martini-Buchbindesysteme bedienen, sind zwar noch hier auf dem Gelände tätig, aber bei Kolbus ausgeschieden. Deswegen bekommen sie alle automatisch durch ihre Vereinbarung das Geld ausgezahlt. Um Ungerechtigkeiten zu vermeiden, wird das Unternehmen jedem Mitarbeiter sein Guthaben auszahlen.

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