Am Ort des Geschehens: An der Ecke Fabbenstedter Straße/Kurzenhülsen wurde Anfang Januar vorigen Jahres das Lichtgutachten erstellt. Sven Knollmann und Florian Tischer von der Dekra stellten dafür auf der Fahrbahn der Fabbenstedter Straße eine Puppe auf. - © Foto: Archiv Joern Spreen-Ledebur
Am Ort des Geschehens: An der Ecke Fabbenstedter Straße/Kurzenhülsen wurde Anfang Januar vorigen Jahres das Lichtgutachten erstellt. Sven Knollmann und Florian Tischer von der Dekra stellten dafür auf der Fahrbahn der Fabbenstedter Straße eine Puppe auf. | © Foto: Archiv Joern Spreen-Ledebur

Rahden Amtsgericht Rahden ahndet tödlichen Verkehrsunfall

Am Totensonntag 2016 war ein Senior (79) auf der Fabbenstedter Straße ums Leben gekommen

Joern Spreen-Ledebur

Rahden/Espelkamp-Fabbenstedt. An jene Momente denken die Zeugen immer wieder. Erneut wurde die Erinnerung nun  ganz deutlich an einen Verkehrsunfall, bei dem am Totensonntag des Jahres 2016 ein Senior (79) auf der Fabbenstedter Straße ums Leben gekommen war. Wegen fahrlässiger Tötung stand ein 27-jähriger Autofahrer aus Espelkamp in Rahden vor Gericht. Auf dem betreffenden Abschnitt der Fabbenstedter Straße nördlich von Fiestel gilt ein Limit von 70 Stundenkilometern. Laut Anklage soll der Mann am 20. November 2016 gegen 17.30 Uhr auf der Fabbenstedter Straße mit deutlich erhöhtem Tempo den Senior erfasst haben. Der Mann wurde auf die Gegenfahrbahn geschleudert und dort von einem entgegenkommenden Auto überrollt. Seine Erinnerung sei nach dem Unfall "wie weggeblasen", erklärte der Angeklagte, der nach eigenen Angaben nach dem Unfall zwei Monate in der offenen Psychiatrie in Lübbecke war. Auf dem Rückweg von einem Verwandtschaftsbesuch sei er gewesen und habe noch einen Freund in Espelkamp besuchen wollen, sagte der Angeklagte. Ob er eine Erklärung für den Unfall habe, fragte Richter Schebitz den 27-Jährigen. Nein, nicht wirklich, sagte der Mann, der die weitere Verhandlung sehr still verfolgte. »Kommt man an der Stelle vorbei, denkt man daran« Dem Auto des Espelkampers kam in jenem Moment am 20. November 2016 ein Ehepaar aus Lübbecke entgegen. Im Licht der Scheinwerfer seien Beine zu sehen gewesen, sagten die beiden Lübbecker. "Da habe ich gedacht, dass da jemand ist." In diesem Moment habe das entgegenkommende Auto in ihre Richtung gezogen, touchierte den Spiegel ihres Autos. Sie seien sofort angehalten - und hätten gewusst, "dass da was war", erinnerte sich die Zeugin. Sie sei auf das Unfallopfer zugekommen und habe den Notruf gewählt. "Da liegt einer", habe seine Frau zu ihm gerufen, sagte der Mann. "Wie geht es Ihnen heute?", fragte Richter Schebitz das Paar aus Lübbecke. "Kommt man an der Stelle vorbei, denkt man daran", antworteten die beiden. Notfallseelsorger verweigerten Überbringen der Nachricht Auch die junge Frau, deren Auto den Körper überrollte, sagte als Zeugin aus. Sie könne sich nur noch daran erinnern, dass der Körper auf einmal vor ihr auf der Fahrbahn lag und sie noch versuchte habe, auszuweichen. Das sei nicht gelungen, sagte die 22-jährige Lübbeckerin. Wie es ihr heute gehe, fragte Amtsanwalt Hartmann. "In den ersten Tagen war es heftig, nun geht es", antwortete ihm die junge Frau. Er habe etwas auf der Straße liegen sehen und angehalten, erklärte ein 44-jähriger Espelkamper im Zeugenstand. Er berichtete von "abgerissenen Teilen", die auf der Fahrbahn lagen. Der Angeklagte habe aus seiner Sicht ziemlich unter Schock gestanden. An jenem Sonntag habe er fast Feierabend gehabt und sei wegen der Erkrankung zweier Kollegen allein auf der Wache Lübbecke gewesen, erklärte ein Polizeibeamter. Sofort sei er nach der Alarmierung ausgerückt, habe an der unbeleuchteten Unfallstelle zwei Kollegen der Wache Espelkamp getroffen. Der Beamte übernahm die Einsatzleitung und erhielt Verstärkung aus Petershagen und Bad Oeynhausen. Die Feuerwehr leuchtete den Unfallort aus. Anfangs sei die Situation etwas chaotisch gewesen. Mehrere Fahrzeuge hätten am Unfallort gestanden, Menschen seien herumgelaufen. Ein Kollege der Kripo sei zufällig vorbeigekommen und habe das Opfer identifiziert, sagte der Beamte. Mit seinem Kollegen habe er den Angehörigen die Todesnachricht überbracht - zwei Notfallseelsorger hätten sich geweigert, dies zu tun. Die beiden hätten auch nicht an dem toten Körper vorbeigehen wollen. »Zeitlich wäre der Unfall vermeidbar gewesen« Ein Gutachter rekonstruierte den Unfall - dafür hatte es Anfang Januar vorigen Jahres an Ort und Stelle bei vergleichbaren Licht- und Witterungsverhältnissen auch ein sogenanntes Lichtgutachten gegeben. Zum Zeitpunkt der Kollision sei der Angeklagte mit seinem Opel 108 bis 118 Stundenkilometer gefahren. Auf ein hohes Tempo deuteten laut Gutachter nicht nur die Schäden am Opel hin. "Wenn Organe durch eine Kollision zerreißen und Gliedmaßen abreißen, dann muss es eine Geschwindigkeit von über 100 Stundenkilometer gewesen sein." Wegen der hohen Geschwindigkeit des Angeklagten sei der Körper des Fußgängers unmittelbar vor das Auto der 22-jährigen Lübbeckerin geschleudert worden. Auto als gefährlichstes Werkzeug bewertet Bei Tempo 70 hätte der Angeklagte laut Gutachter den Fußgänger bei einer Entfernung von 45 Metern "partiell" und bei 35 Metern klar erkennen können. Räumlich sei ein rechtzeitiges Anhalten nicht mehr möglich gewesen. "Aber zeitlich wäre der Unfall vermeidbar gewesen": Wäre der Angeklagte Tempo 70 gefahren, wäre der Unfall laut Gutachter vermeidbar gewesen, weil der Senior die Fahrbahn schon verlassen hätte. Jeden Tag fahre er diese Strecke und kenne das Tempolimit, sagte der Angeklagte auf Nachfrage von Amtsanwalt Hartmann. Der forderte neben 3.000 Euro Geldstrafe auch zehn Monate Haft - ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Unfall mit Mofafahrer verursacht Das Auto sei das gefährlichste Werkzeug, das ein Mensch in die Hand nehme. Fahrlässige Tötung werde immer wieder verhandelt, tragische Fälle seien dabei. "Aber Sie fuhren mit 108 statt der erlaubten 70 - und das bei Dunkelheit." Das sei keine Unaufmerksamkeit, sondern Raserei. Es gebe keine Mitschuld eines anderen. "Sie allein waren schuld an dem Unfall." Erschwerend kommt hinzu, dass der Angeklagte wenige Monate vor der tragischen Fahrt an der Kreuzung L 770/Fabbenstedter Straße einem Mofafahrer die Vorfahrt nahm. Dabei waren der Zweiradfahrer und seine Mitfahrerin verletzt worden, der Angeklagte wurde zu einer Geldstraße verurteilt. Richter Schebitz verhängte eine Geldbuße von 3.600 Euro zugunsten einer gemeinnützigen Organisation und neun Monate Haft. Die werden für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Schebitz zum Angeklagten: "Ohne Ihr Verhalten wäre der Tod nicht eingetreten."

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