Pr. Oldendorf Eine Mahnung für die Nachwelt

Pfarrer Karrasch verfasst Broschüre zum Todestag des einzigen Holocaust-Überlebenden Pr. Oldendorfs

Von Sandra Spieker
Pfarrer i. R. Hans-Joachim Karrasch mit der Neuauflage der Broschüre. - © FOTO: SPIEKER
Pfarrer i. R. Hans-Joachim Karrasch mit der Neuauflage der Broschüre. | © FOTO: SPIEKER

Pr. Oldendorf. Er war der einzige Holocaust-Überlebende aus Pr. Oldendorf – und kehrte später in seine Heimatstadt zurück: Alfred Ehrlich. Pfarrer i. R. Hans-Joachim Karrasch verfasste eine Broschüre über das Schicksal der jüdischen Familie, die jetzt zum 30. Todestag Alfred Ehrlichs in überarbeiteter Auflage neu erschienen ist.

". . . dass dieses sich nie wiederholen möge." – Der Titel des Buches ist zugleich auch der letzte Wunsch von Alfred Ehrlich gewesen, erzählt Hans-Joachim Karrasch (80). Er hat Ehrlich persönlich kennengelernt. Dessen Garten grenzte an den der Kirchengemeinde. "Ich und viele Pr. Oldendorfer, besonders Ältere, haben ihm die allerhöchste Hochachtung entgegen gebracht", sagt Karrasch.

Die Erkenntnisse in der Broschüre hat er aus persönlichen Begegnungen mit Alfred Ehrlich, aus dem Stadtarchiv Pr. Oldendorf und dem Informationszentrum an der Holocaust-Gedenkstätte in Berlin zusammengetragen. Es sei unglaublich, welch unsägliches Leid dieser Mann durchgemacht habe. Alle seine Angehörigen habe er verloren. Sie alle sind in Konzentrationslagern umgebracht worden.

Die Ehrlichs besaßen als alteingesessene Familie eine Fleischerei in Pr. Oldendorf. Während andere jüdische Familien nach der Machtergreifung Hitlers aus Pr. Oldendorf flohen, blieben die Ehrlichs. 1938 war das Geschäft wegen der Boykotte nicht mehr zu halten. Alfred Ehrlichs Eltern zogen nach Frille, er selbst nach Hannover. Dort heiratete er 1940 die Jüdin Grete Cohn, ihr Sohn Gideon wurde später im Ghetto in Riga (Lettland)geboren.

Im Jahr 1941 wurde Alfred Ehrlich von Hannover zur Zwangsarbeit ins Arbeitslager Salaspils bei Riga deportiert und musste dort unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Später kam er ins Konzentrationslager Bergen-Belsen, wo er bis Kriegsende blieb. Am 23. Juni 1945 kehrte er in seinen Heimatort zurück. Er starb 1984 im Alter von 75 Jahren in Pr. Oldendorf.

In der Broschüre wird der Leidensweg Ehrlichs zwischen 1933 und 1945 geschildert. Er berichtet von unsäglichem Leid, Hunger, Elend. So musste Ehrlich unter anderem Leichen wegtragen und begraben. Auch hat Karrasch weitere Informationen über die Familie Ehrlich auf zehn Gedenkblättern für die Halle der Namen in Jerusalem zusammengetragen und eine Inschrift für einen möglichen Gedenkstein entworfen.

Fotos von Gegenständen aus dem Nachlass von Alfred Ehrlich – wie etwa dem geheimnisvollen Chanukka-Leuchter, Urkunden sowie Briefe illustrieren die Ausführungen

Denn das ist es, wofür Karrasch sich vor allem seit Jahren einsetzt: ein Gedenkstein mit Namen der jüdischen Opfer aus Pr. Oldendorf. "Dass die Namen seiner Frau und seines Sohnes einmal auf einem Stein stehen, das habe ich ihm versprochen", sagt Karrasch.

Im September 2013 wurde im Haupt- und Finanzausschuss beschlossen, dass ein Gedenkstein am Bürgerhaus in Pr. Oldendorf, dem früheren Wohnhaus der Ehrlichs, aufgestellt werden soll – allerdings ohne die Namen der Opfer. Eine Einschränkung, die Hans-Joachim Karrasch nicht richtig findet. "Es geht doch um die einzelnen Schicksale dieser Menschen", führt er an. Schließlich seien die Namen wissenschaftlich belegt. Vielleicht sei die Liste nicht vollständig, aber wenn nötig, könnten weitere Namen später hinzugefügt werden. Ein Arbeitskreis berät derzeit weitere Einzelheiten.

"Auch auf der Rahdener und der Lübbecker Gedenktafel sind die Namen der jüdischen Opfer eingraviert", sagt Karrasch. Es ginge keineswegs um Schuldzuweisungen, sondern um die besondere Verantwortung, zu verhindern, dass so etwas jemals wieder geschehe. Es sei noch nicht zu spät, dieses Stück schrecklicher Vergangenheit aufzuarbeiten.

Die Broschüre ". . .dass dieses sich nie wiederholen möge. Zum Gedenken an Alfred Ehrlich" ist im Buchhandel unter der ISBN-Nr. 978-3-942685-35-1 (Edition raeber) und im Gemeindebüro der Evangelischen Kirchengemeinde erhältlich.

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