in diesem Haus am Faulensiek in Hausberge geschah der Mord. - © Symbolbild: MT-Archiv
in diesem Haus am Faulensiek in Hausberge geschah der Mord. | © Symbolbild: MT-Archiv

Porta Westfalica Schwester erwürgt: Gericht verurteilt Hausberger zu drei Jahren Haft

Porta Westfalica/Bielefeld (nim/dh). Am dritten Verhandlungstag wurden die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung  gesprochen. Es bereitet ihm etwas Mühe, doch für sein letztes Wort steht der hagere, 80 Jahre alte Mann von seinem Stuhl auf. „Ich war noch nie in einem Gerichtssaal. Ich bedanke mich für die faire Behandlung. Das hat mich wirklich beeindruckt", sagt Peter O. (Namen aller Betroffenen geändert). Er hat bereits am ersten Verhandlungstag gestanden, seine Schwester Verena in deren Wohnung erwürgt zu haben. Die X. Große Strafkammer des Bielefelder Landgerichts hat sich am Mittwochmittag zur Beratung zurückgezogen. Am Nachmittag folgte die Entscheidung: Peter O. wird wegen Totschlags in einem minderschweren Fall zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Dagegen ist Revision vor dem Bundesgerichtshof möglich. Strafmildernd wertet das Gericht die Belastungssituation des Mannes Strafmildernd wertet das Gericht neben dem Geständnis auch das Alter und die „Haftempfindlichkeit" sowie die zur Tatzeit hohe Belastungssituation des gesundheitlich angeschlagenen Mannes. Das Strafmaß entspricht der Forderung der Staatsanwaltschaft. Dieser Fall ist auch für erfahrene Juristen nicht alltäglich. Es ist die Geschichte zweier Geschwister, die geprägt ist von Abhängigkeit und Pflichtbewusstsein. „Der Dreh- und Angelpunkt der Familiengeschichte ist der frühe Tod der Mutter des Angeklagten und seiner Geschwister", sagt Staatsanwalt Benjamin Scheffler. Als Peter O. fünf Jahre alt ist, übernimmt noch während des Zweiten Weltkriegs notgedrungen seine acht Jahre ältere Schwester Verena die Rolle der Mutter im Haushalt, der Vater befindet sich an der Front. Die ständig überforderte Schwester, die nach einem Schulabbruch nicht richtig lesen und schreiben kann, führt ein rigides Regiment. Dies bekommt vor allem Peter O. zu spüren, der ständig von ihr verprügelt wird. Nachbarn drohen, die Polizei zu informieren, sollte Verena nicht mit den Misshandlungen aufhören. Vater nimmt dem Sohn Versprechen ab, sich um seine Schwester zu kümmern Peter O. besucht trotz der schwierigen Startbedingungen die Höhere Handelsschule, absolviert eine Banklehre und ist beruflich erfolgreich. Sein Leben nimmt 1968 eine entscheidende Wende, als sein Vater im Sterben liegt: Dieser nimmt seinem Sohn das Versprechen ab, er möge sich um Verena kümmern. Aus Pflichtgefühl lässt Peter O. – mittlerweile verheiratet und Vater von zwei Kindern – seine Schwester in die Vierzimmerwohnung in Beckum einziehen. Als die Familie später zurück nach Hausberge zieht, folgt auch Verena in eine Wohnung im selben Gebäude. Verena O. war offenbar kein einfacher Mensch. Dominant, aggressiv, streitlustig – so beschreiben sie sowohl der Angeklagte als auch Zeugen vor Gericht. „Es war schon beeindruckend, wie einig sich sämtliche Zeugen bei der Beschreibung ihres Wesens waren", sagt der psychiatrische Sachverständige Carl-Ernst von Schönfeld. Peter O. holte seine Schwester aus dem Heim wieder nach Hause 2016 kommt die Ehefrau von Peter O. in ein Pflegeheim, im Februar 2017 auch seine Schwester. Sie hält es dort nicht lange aus. Am 18. Februar 2017 holt der mittlerweile schwer depressive Peter O. seine Schwester nach Hause, obwohl er sie offenbar lieber im Heim sähe. Bereits auf dem Weg zum Faulensiek kommt es zum Streit. Seine Schwester habe ihn mehrfach aufgefordert, sie umzubringen, berichtet O. in der Verhandlung. Das Gericht verneint jedoch eine Tötung auf Verlangen. Der Abschiedsbrief des Angeklagten und Äußerungen nach der Tat sprächen dagegen. Peter O. erdrosselt seine Schwester, vermutlich mit einem Kabel. Sein anschließender Suizidversuch schlägt fehl. „Ein Mensch ist tot, mag er auch noch so unsympathisch gewesen sein", sagt Verteidiger Detlev Binder in seinem Plädoyer. Das sei eine schwere Schuld, die auf den Schultern von Peter O. liege. Da es sich jedoch bei der Tat um ein „einmaliges Versagen" gehandelt habe, plädiert Binder für eine Bewährungsstrafe. Das Gericht folgt dem nicht.

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