Minden Mord am Arbeitsplatz: Tod eines Chemiefacharbeiters in Minden bleibt Rätsel

Kein brauchbarer Hinweis seit sechs Jahren

BASF-Arbeiter starb durch vergiftete Limo - © Minden
BASF-Arbeiter starb durch vergiftete Limo | © Minden

Minden (nw). Wenn Kollegen Mörder werden: Nicht erst die Schüsse von Hilden lassen den Arbeitsplatz als gefährliches Pflaster erscheinen. Seit sechs Jahren weiß nur der Täter, warum sein Opfer - ein Chemiefacharbeiter bei der BASF in Minden - in der Nachtschicht sterben musste.

Nach dem Ende der Ermittlungen im Mai 2007 kam kein Hinweis mehr bei der Polizei an. "Wir haben die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben, dass der Mörder doch noch gefunden wird", erklärte am Montag die Schwester des unter mysteriösen Umständen Verstorbenen. Vor allem die Eltern hätten dann endlich Gewissheit, denn sie litten am meisten unter dem, was vorgefallen sei.

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Während der Nachtschicht vom 18. auf den 19. Dezember 2006 hatte der damals 44 Jahre alte BASF-Chemiefacharbeiter im Aufenthaltsraum des Mehr-Produkte-Betriebes in Minden seine Limonadenflasche aus dem Kühlschrank genommen und davon getrunken. Er brach zusammen und starb kurz danach im Klinikum.

Ermittler brachten vor sechs Jahren die Flaschen mit dem Blausäure-Cocktail in blauen Sicherheitsgefäßen in das Untersuchungslabor. - © Archivfoto: Stefan Koch
Ermittler brachten vor sechs Jahren die Flaschen mit dem Blausäure-Cocktail in blauen Sicherheitsgefäßen in das Untersuchungslabor. | © Archivfoto: Stefan Koch

Noch in der Nacht fand die Polizei heraus, dass das Opfer einige Tage zuvor Limonadenflaschen in den allen Kollegen zugänglichen Kühlschrank gestellt hatte.

Als zwei Ermittler eine zweite Flasche im Gebäude der Hauptwache öffneten, schlug ihnen Giftdampf entgegen. Ein 37-jähriger Kriminalhauptkommissar verlor das Bewusstsein - seinem 48-jährigen Kollegen wurde schlecht. Blausäure war in der Limo.

Pausenlos versuchte in den folgenden Tagen und Wochen eine Mordkommission aus Bielefeld zu ermitteln, wer das Gift in die Flaschen getan hat. Ihr Titel: "MK Kühlschrank". War es Selbstmord? War das Gift für einen Anderen bestimmt? Wer hatte ein Motiv, den 44-Jährigen am Arbeitsplatz zu töten? Diese und viele andere Fragen waren zu klären. Das Opfer galt als fröhlicher, hilfsbereiter Mensch. Es fand sich kein Grund für eine Selbsttötung. Und auch die Vernehmungen im Kollegen- und Bekanntenkreis brachten keine Fortschritte.

Angst vor dem Täter in der Belegschaft

Währenddessen wuchs die Angst in der Belegschaft des BASF-Werkes in Minden. Dass der unbekannte Mörder aus den eigenen Reihen kam, galt als sehr wahrscheinlich. Allein 200 Getränkeflaschen wurden auf dem Betriebsgelände untersucht. Die Kantine blieb geschlossen und sämtliche Lebensmittel wurden vorsorglich vernichtet. Mitarbeiter begegneten ihnen weniger bekannten Kollegen mit großem Misstrauen. Schließlich setzte nach MT-Informationen die Geschäftsleitung einen Psychologen zur Betreuung der Belegschaft ein.

Offenbar mit Erfolg. "Beim betrieblichen Alltag spielt der Vorfall keine Rolle mehr", meint Rainer Strauch, vor sechs Jahren Betriebsratsvorsitzender bei der BASF in Minden und heute in stellvertretender Position.

Konsequenzen zog das Unternehmen auch bei den Sicherheitsvorkehrungen. Mutmaßlich stammte nämlich das Gift in den Limonadeflaschen aus einem Lager für Natriumcyanid. Die BASF ließ anschließend den Bereich durch Schlösser und eine Videoüberwachungsanlage sichern. Zudem wurden zusätzliche Zugangskontrollen eingeführt, wie Jörg Schmidt, Einheitsleiter Sicherheit, Gesundheit und Umwelt gestern bestätigte.

Als fünf Monate nach dem Gifttod konkrete Hinweise auf den Täter immer noch nicht greifbar waren, beendete die MK Kühlschrank 2007 ihre Arbeit. Seitdem ruhen die Akten bei der Staatsanwaltschaft Bielefeld.

"Bislang hat es auch keine weiteren Ermittlungsansätze mehr gegeben", erklärte gestern Christoph Mackel, Sprecher der Behörde.

Laut einer bundesweiten Statistik werden mehr als 90 Prozent aller Mordfälle aufgeklärt. Mackel schätzt, dass diese Quote auch auf den Bereich der Staatsanwaltschaft Bielefeld zutreffe; eine entsprechende Erhebung gebe es nicht.

Vernichtet werden die Untersuchungsakten übrigens nicht. Da Mord nicht verjährt, können die Ermittlungen jederzeit wieder aufgenommen werden. Mackel: "Wir behalten die Akten ewig."

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