Gerade in kleinen Betrieben, etwa im Handwerk, bleibt so mancher Ausbildungsvertrag unausgefüllt. - © NGG
Gerade in kleinen Betrieben, etwa im Handwerk, bleibt so mancher Ausbildungsvertrag unausgefüllt. | © NGG

Kreis Minden-Lübbecke Fachkräftemangel - oft eine Frage der Einstellung

Frank Hartmann

Es ist erstaunlich, wie interessant Aussagen von Unternehmerinnen sein können, die zwischen den Zeilen des offiziellen Teils einer Pressekonferenz fallen. Zum Beispiel, wenn es um den seit Jahren von der Wirtschaft beklagten Fachkräftemangel geht.

Ein schönes Beispiel dafür waren am heutigen Donnerstag Margrit Harting ((Harting Electric, Espelkamp) und Brigitte Wischnewski (Schuhhaus Meyer, Lübbecke), die zusammen mit Karl-Ernst Hunting (IHK-Zweigstellenleiter, Minden) die Ergebnisse der IHK-Konjunkturumfrage Herbst 2017 vorstellten. Ein Ergebnis: Die befragten Unternehmen gaben an dritter Stelle der Risiken für ihren weiteren Erfolg den Fachkräftemangel an.

Abiturzeugnis - ein Papier ohne Wert

Margrit Harting meint, dass es sich dabei weniger um ein quantitatives Problem handelt, denn es würden genügend Kinder geboren. Sie hat vielmehr die Qualität des Nachwuchses im Blick und sagt, der Bildungssektor sei "hochgradig reformbedürftig". Angesichts der allgemeinen Anstrengungen, so viele junge Leute wie möglich am Gymnasium anzumelden, hält sie das Abiturzeugnis in manchen Fällen für "ein Papier ohne Wert".

Im Gegensatz dazu sei das Handwerk, genauer gesagt die Handwerkskunst, gesellschaftlich unterbewertet: "Wer will schon noch Koch werden?" Oder Bäcker, oder Schuhmacher? Das müsse sich unbedingt ändern.

Vielfach, sagt Margrit Harting, wollten die jungen Leute nach der Schule "erst mal leben". Jenseits von Pflichten und der Übernahme von Verantwortung. Das kann sie nicht nachvollziehen, sie hat "Freude an der Arbeit", für sie ist Arbeit "Lebenselexier". Für Margrit Harting hat der Fachkräftemangel gerade in handwerklichen Berufen deshalb viel mit der Einstellung zu tun.

Die Allgemeinbildung kommt zu kurz

Ein Punkt, der Brigitte Wischnewski zu kurz kommt, ist die Allgemeinbildung junger Leute. Die bezeichnet sie als "nicht ausreichend". Hinzu komme, dass viele junge Leute weder abends noch am Wochenende arbeiten wollten. Was in ihrem Metier, dem Schuhhandel, aber erforderlich ist. Erstens sei der Samstag der "umsatzstärkste Tag der Woche", da brauche sie jeden Mitarbeiter. Zweitens sei die Zeit zwischen 14 und 19 Uhr verkaufsintensiver als der Vormittag, an dem gerade Mütter ihre Kinder im Kindergarten oder in der Schule wüssten und deshalb lieber frühmorgens arbeiten wollten: "Sie müssten aber da sein, wenn unsere Kunden da sind." Bei Öffnungszeiten von 65 Stunden in der Woche, der eine reguläre Arbeitszeit von 37,5 Stunden gegenübersteht, eine Herausforderung für Geschäftsinhaber wie sie.

In der Industrie sieht Karl-Ernst Hunting, dass die Digitalisierung 4.0 einen Teil des Fachkräftemangels "auffängt, weil weniger Mitarbeiter gebraucht werden". Das Problem sei aber trotzdem vorhanden. Weniger für größere Unternehmen, die einen Namen haben: "Aber kleine Firmen bekommen oft keine Bewerbungen." Oder zu wenige. Als Beispiele nennt Hunting die Gastronomie, den Pflegebereich und die Fernfahrer-Branche.

Auch zwei weitere Gründe für den Fachkräftemangel hat Karl-Ernst Hunting parat: Die demografische Entwicklung und immer mehr Studenten. Das könnte daran liegen, meint Margrit Harting, dass die Gymnasien ihre Schüler "vor allem in Richtung Uni beraten und nicht in Richtung duale Ausbildung". Sie hingegen und Brigitte Wischnewski unterstützt sie sehr dabei, spricht sich klar für eine Lehre als berufliche Grundlage aus.

Mehr für den ländlichen Standort werben

Nach allen der aufgezählten Gründe für den Fachkräftemangel in Industrie, Handel und Dienstleistung im Mühlenkreis kommt Margrit Harting zum Schluss noch auf einen Punkt zu sprechen, der wiederum mit der Einstellung potentieller Bewerber zu tun hat: die Standortfrage. Viele Marktführer, das sei leider kaum bekannt, hätten ihren Sitz in wenig bekannten Orten. Ihre Forderung lautet deshalb: "Wir müssen uns was einfallen lassen und noch mehr für den ländlichen Standort werben."

Man darf also gespannt sein, was die Unternehmen im Lübbecker Land und im gesamten Mühlenkreis sich zusätzlich überlegen, um genügend junge Fachkräfte von außerhalb anzulocken und natürlich auch, um die hier lebenden Schulabgänger dazu zu bringen, sich bei einem heimischen Betrieb zu bewerben. Die Ergebnisse der IHK-Konjunkturumfragen in den nächsten Jahren werden zeigen, ob das gelingt und der Fachkräftemangel irgendwann von Risiko-Platz drei nach unten rutscht.

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