Wilhelm-Kern-Platz: Keine 100 Protestler kamen zusammen, um gegen die AfD zu demonstrieren und für ein buntes Zusammenleben in Espelkamp zu werben - © Karsten Schulz
Wilhelm-Kern-Platz: Keine 100 Protestler kamen zusammen, um gegen die AfD zu demonstrieren und für ein buntes Zusammenleben in Espelkamp zu werben | © Karsten Schulz

Espelkamp Bürgerprotest gegen die AfD - eine ganz schwache Vorstellung

Frank Hartmann

Die AfD Minden-Lübbecke und ihre Redner haben ihre Hetzveranstaltungen gegen Flüchtlinge, Muslime und alles, was sie für nichtdeutsch halten, am Montagabend im Bürgerhaus in Espelkamp fortgesetzt. Und wie reagierten die 25.000 Bürger Espelkamps, die Mitglieder der etablierten Parteien, die Jusos, die grüne Jugend und die linke Szene aus Minden? So gut wie gar nicht. Die meisten von ihnen überließen den stillen Protest mit bunten Luftballons und ein paar handbemalten Plakaten einer Gruppe von Einwohnern, die gerade einmal 100 Personen stark war. Kinder eingerechnet.

Bedarf es etwa eines für seine rassistischen Ausfälle bekannten AfD-Promiredners wie Alexander Gauland, damit mehr Demonstranten zusammenkommen? In Hüllhorst hat das vor knapp zwei Wochen rund 250 Menschen zur Ilex-Halle getrieben, die mit Trillerpfeifen, Tröten, Pauken und Sprechchören ausdrückten, was sie von Versammlungen der Rechtspopulisten in ihrer Gemeinde halten. Obwohl ein paar von ihnen übertrieben aggressiv auftraten, hat der Protest doch deutlich gezeigt: Wir lehnen Euch ab und wollen Euch nicht bei uns haben.

Ein bunte Stadtgesellschaft muss Flagge zeigen

Natürlich kann man Widerstand sehr gut ohne Worte und Getöse zeigen. Und die Aktion ist auch lobenswert: Aber dafür, dass die AfD aufgrund ihres Super-Landtagswahlergebnisses in Espelkamp - in einem Wahlbezirk bekam sie 23,5 Prozent der Stimmen - demnächst eine Ortsgruppe gründen will, waren die knapp 100 Leute am Wilhelm-Kern-Platz deutlich zu wenig und hätten mehr Unterstützung verdient gehabt. Eine bunte Stadtgesellschaft wie die in Espelkamp, die sich aus mehr als 60 Nationalitäten zusammensetzt und friedlich zusammenlebt, muss in so einer Situation doch deutlicher Flagge zeigen.

Gleichgültigkeit, Bequemlichkeit, Desinteresse, oder auch Kalkül - was immer die Beweggründe für die schwache Teilnahme an der Demo gewesen sein mögen: Die AfD wird den geringen Protest für sich ausschlachten und als Zustimmung für ihre Pläne werten. Sie ist im Landtag vertreten, sie wird in den Bundestag einziehen, und sie wird bei der Kommunalwahl im Herbst 2020 Kandidaten aufstellen, um im Espelkamper Stadtrat ihre Politik der Ausgrenzung, der Spaltung und der Hetze gegen alles Nichtdeutsche fortzusetzen.

Diesen verbalen Dreck wiederzugeben, verbietet sich

Jeder, der die widerlichen Sprüche im Bürgerhaus nicht mit angehört hat, kann sich glücklich schätzen. Man kann als Zuhörer gar nicht so heiß duschen, um den geistigen und verbalen Schmutz abgewaschen zu bekommen, mit dem die Redner phasenweise um sich geworfen haben. Sie an dieser Stelle wiederzugeben, verbietet sich. Nur so viel: Der aus Kasachstan stammende Eugen Schmidt und der im Ural geborene Dietrich Janzen, die von sich behaupten, gute, gottesgläubige Christen zu sein, haben sich am Montagabend im Bürgerhaus in Wort und Bildern mehrfach extrem unchristlich gezeigt. Wölfe im Schafspelz eben.

Sie und andere Redner der AfD betonten, ihr Deutschsein werde mit Dreck beworfen und sie wollten sich ihre Heimat nicht wegnehmen lassen. Die Antwort darauf kann nur lauten: Ihr seid es, die mit Dreck werfen, und wir lassen uns unsere Heimat nicht von Nationalisten und Rassisten wie Euch wegnehmen!

Es gibt viele Alternativen zur Scheinalternative

Ein letzter Gedanke: An der Bundestagswahl in diesem Jahr werden 42 Parteien teilnehmen. Man mag die Nase voll haben und sich für eine Protest-Stimmabgabe entscheiden. Aber es gibt genügend Alternativen für die Erst- und die Zweitstimme. Für echte Demokraten ist die AfD jedenfalls keine.                    frank.hartmann@nw.de

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