Ohrenbetäubendes Pfeifkonzert: Als die Besucher die Hüllhorster Ilex-Halle Richtung Lienenkamp verlassen, müssen sie ein Spalier von Münsteraner Bereitschaftspolizisten passieren, das die Demonstranten auf Abstand hält. - © Joern Spreen-Ledebur
Ohrenbetäubendes Pfeifkonzert: Als die Besucher die Hüllhorster Ilex-Halle Richtung Lienenkamp verlassen, müssen sie ein Spalier von Münsteraner Bereitschaftspolizisten passieren, das die Demonstranten auf Abstand hält. | © Joern Spreen-Ledebur

Hüllhorst Wenn Altparteien die Bürger ernst nehmen, verschwindet die AfD

Joern Spreen-Ledebur

Anhänger der AfD waren am Donnerstag da, ebenso interessierte Bürger und zahlreiche Demonstranten. Jener Abend in Hüllhorst, er gibt in mancherlei Hinsicht zu denken.

Schön war, dass rund 250 Demonstranten friedlich gegen die AfD aufgezogen waren. Einige erhitzte Gemüter allerdings gab es bei den Demonstranten. Die sollten sich Gedanken darüber machen, dass nicht jeder, der an ihnen vorbei ging und sich nahe einer AfD-Veranstaltung bewegte, automatisch Nazi ist.

Es waren auch einfach interessierte Bürger darunter. Und Journalisten, denen die Heißsporne mit Trillerpfeifen das Trommelfell wegblasen wollten.

Gauland betreibt Geschichts-Klitterung

Zu denken gibt der Auftritt des Alexander Gauland. Dass er dabei Geschichts-Klitterung betreibt, das fiel in Hüllhorst den wenigsten auf. Angeblich will er nicht gegen Europa sein, ist es irgendwie aber doch. Als ob auch ein bisschen schwanger ginge.

Gauland behauptet, dass immer die kleinen Einheiten in der Geschichte Erfolg hatten. Als Beispiele nennt er die Auseinandersetzungen zwischen den Habsburgern und den Eidgenossen (zur einer Zeit, da sich Strukturen der heutigen Schweiz erst bildeten) und den Krieg zwischen Spanien und den Niederlanden.

Als Beispiel für den Freiheitskampf eines Volkes hatte Gauland zuvor die Schlacht bei Minden im siebenjährigen Krieg erwähnt. Die entschied letztlich zugunsten der Vormachtstellung der Briten in Nordamerika. Dass hier größere Einheiten - nämlich Preußen, Briten und ihre Verbündeten  -  gemeinsam gegen die Franzosen kämpften, das widersprach dem Geschichtsbild, das Gauland seinen Zuhörern anschließend verkaufen wollte.

Und das Zusammenleben der Christen in Europa ist alles andere als glorreich. Nicht nur im Namen der jeweiligen Religion wurde geraubt und gemordet - etwa im dreißigjährigen Krieg.

Angeblich unterwandert der Islam Europa

Zu denken geben sollte die Art und Weise der Rede Gaulands. Dass ein Volk von außen wie von innen bedroht sein soll, das kommt bekannt vor. Ab den 1920ern zogen Rechtsextreme gegen Juden und so genannte "Bolschewisten" zu Felde, die NS-Propaganda schürte das. Mit den bekannten Folgen.

Heute soll es also der Islam sein, der Europa angeblich unterwandern will, wie das osmanische Heer weiland 1683 die Mauern der Stadt Wien. Fundamentalistische Tendenzen gibt's nicht nur im Islam, sondern auch unter christlichen Zeichen. Dass auch hier Gesetze ignoriert werden - dazu verlor der AfD-Mann kein Wort. Das sollte zu denken geben - schließlich wird die AfD in Espelkamp aktiv.

Recht und Gesetz gelten für alle

Nebenbei: Recht und Gesetz in diesem Land gelten für alle. Wer sich nicht daran hält, hat das Gastrecht verwirkt. Dafür braucht niemand nach härteren Gesetzen zu rufen - man muss die bestehenden auf rechtsstaatlicher Grundlage anwenden.

Zu denken geben wird die Reaktion der Altparteien auf Gauland-Auftritte, wie den in Hüllhorst. Die Reaktion wird gegen Null tendieren.Die AfD hat nichts anzubieten außer Parolen und Schüren diffuser Ängste. Wenn sie aber eines kann, dann ist das die Opferrolle. Durch die Weigerung der Altparteien, sich der Auseinandersetzung mit der AfD zu stellen, wird diese rechte Gruppe gestärkt.

Parteien dürfen sich den Staat nicht zur Beute machen

So wie auch Verhaltensweisen von bekannten Politikern aus Altparteien den rechten Rattenfängern Menschen in die Arme treiben: Der Altkanzler etwa, der bei einem zweifelhaften russischen Konzern von Putins Gnaden anheuert. Oder der Ex-Bundespräsident, der trotz Ehrensold den Hals nicht vollkriegt und Prokurist in einem türkischen Konzern wird.

Altparteien nähren so den Vorbehalt, dass sie nicht, wie im Grundgesetz vorgesehen, an der Willensbildung mitwirken, sondern sich den Staat zur Beute machen.

Die Bürger mit all ihren Sorgen und Problemen ernst nehmen, sich ihnen stellen und zum Anwalt der Bürger werden - täten die Altparteien dies, dann wäre die AfD ganz schnell in der Versenkung verschwunden.

Warum machen die Altparteien das nicht endlich?

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