Bahnübergang Maschweg, Juli 2014: Eberhard Anton (v.l.), Daniel Leifke und Sam Kodra beim Aufbringen der Rüttelmarkierung - © Roth/Kreis Minden-Lübbecke
Bahnübergang Maschweg, Juli 2014: Eberhard Anton (v.l.), Daniel Leifke und Sam Kodra beim Aufbringen der Rüttelmarkierung | © Roth/Kreis Minden-Lübbecke

Lübbecke Ein tödlicher Unfall - viele Opfer

Frank Hartmann

Die Berichterstattung über schwere Unglücksfälle mit Toten und Verletzten gehören zu den Pflichtaufgaben einer Lokalredaktion. Wir erfüllen diese Pflicht, denn unsere Leser wollen und müssen erfahren, was passiert ist. Im Blatt und online. Wir wollen diese Aufgabe auch nicht irgendwelchen Gaffern überlassen, die zufällig am Ort des Geschehens sind, womöglich die Einsatzkräfte behindern, Videos mit dem Smartphone drehen und diese dann so schnell wie möglich in sozialen Netzwerken verbreiten. Das löst nämlich oft genug wilde Spekulationen und Schuldzuweisungen aus, die vollkommen unpassend sind.

Einer muss den Job machen

Schlimmstenfalls erfahren Angehörige der Opfer die schlimme Nachricht auf diese Weise - bevor sie ihnen auf offiziellem Weg überbracht wird. Deshalb warten wir immer auf ein entsprechendes Zeichen der Polizei. Erst dann geht die Nachricht online: sachlich, streng an den uns bekannten Fakten orientiert und stilistisch angemessen, wie wir hoffen.

Über Verkehrsunfälle, Brände, Naturkatastrophen und Verbrechen zu berichten, die wir zusammengefasst als "Blaulicht" bezeichnen, danach drängt sich niemand von uns. Aber einer muss den Job machen. Mindestens. Eigene Befindlichkeiten spielen dabei keine Rolle.

 Welche Fotos können wir zeigen?

Wenn die Fakten vorliegen und die Bilder, oder auch ein Video, überlegen wir, wie wir damit umgehen: Aufmachung mit einem großen Bild und mehreren kleinen, oder kurzer Bericht mit einem Foto? Was und welche Details dürfen die Bilder zeigen? Welche Überschrift ist angemessen? ...

Es gibt Leser, die uns vorhalten - bei aller gebotenen Zurückhaltung, wie wir meinen - wir wären nicht besser als eine überregional erscheinende Boulevardzeitung. Über Pietät und journalistische Informationspflicht ließe sich lange diskutieren. Wir meinen, dass die Blaulicht-Berichterstattung, die wir jedes Mal wieder neu diskutieren und für die wir uns entscheiden, vertretbar ist. Zumal wir nur Überbringer schlechten Nachricht sind, von Nachrichten, die sich keiner von uns wünscht. Um Gottes willen! Aber es gibt eben wenige Themen, die so sehr für Aufmerksamkeit und für Gesprächsstoff sorgen. Wer mitreden will, sollte aber die Fakten kennen, und die liefern wir.

Manche Kommentare sind immer unpassend

Nehmen wir den jüngsten Todesfall nach dem Zusammenstoß eines Pkw mit der Eurobahn am Bahnübergang Maschweg. Die Ursache scheint zweifelsfrei geklärt. Was manche Leute sich an Kommentaren im Netz über Versäumnisse, Verantwortung und Schuld erlauben, ist so kurz nach dem Unglück absolut unpassend. Manche Kommentare bleiben es für immer.

Gleichwohl haben wir selbst heute über einen speziellen Punkt diskutiert: Ein Bahnsprecher hat auf unsere Frage nach Kontakt zur Familie der tödlich verunglückten Frau folgendes geantwortet: Das geschehe nur dann, „wenn das Verschulden für einen Unfall bei der Bahn liegt".

Sollte die Bahn ihr Beileid aussprechen?

Sollte die Deutsche Bahn bzw. die DB Netz AG den Angehörigen nicht trotzdem ihr Beileid aussprechen? Darüber gehen die Meinungen in der Redaktion auseinander. Ich gehöre zu denen, die ein Kondolenzschreiben richtig finden - und zwar unabhängig von der Frage, wer den Unfall verursacht hat. Denn wenn ein Mensch ums Leben kommt, kann Anteilnahme niemals ein Fehler sein. Aber natürlich kann man mit guten Argumenten auch anderer Auffassung sein.

"Tragisch", wie der Bahnsprecher sagte, ist das Geschehen ohnehin. Der Unfall passierte 16 Jahre, nachdem die SPD-Fraktion den Antrag gestellt hatte, die Sicherheit an diesem Bahnübergang zu erhöhen. Und passiert ist der tödliche und leider nicht einzige Unfall an dieser Stelle, gerade jetzt, nachdem die Bauarbeiten für eine Schrankenanlage begonnen haben. Das ist nicht nur tragisch, das ist unfassbar tragisch.

Kampf gegen die schrecklichen Bilder

Nicht vergessen sollten wir auch, dass dieser Unfall weitere Opfer zur Folge hat: Den Zugführer, dessen Warnsignale den Zusammenprall nicht verhindern konnten, die Bauarbeiterin, die helfen wollte und in den verunglückten Wagen geschaut hat, ihr Kollege, den Trümmerteile getroffen haben, die vielen Einsatzkräfte, die Augenzeugen in ihren Autos auf der anderen Seite der Gleise, die Fahrgäste ... - sie alle werden noch lange mit den schrecklichen Bildern zu kämpfen haben und verdienen unser Mitgefühl.

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