Dicht: Sollten die Stadt und der CVJM sich weiterhin finanziell nicht einigen, bleibt der Jugendtreff Court 5 vermutlich dauerhaft geschlossen - © Frank Hartmann
Dicht: Sollten die Stadt und der CVJM sich weiterhin finanziell nicht einigen, bleibt der Jugendtreff Court 5 vermutlich dauerhaft geschlossen | © Frank Hartmann

Lübbecke Court 5 - ein Jugendtreff weniger

Frank Hartmann

Für die Lübecker Jugendlichen, die 15 Jahre oder älter sind und im Court 5 im alten Amtsgericht eine zweite "Familie" gefunden haben, wie manche von ihnen schreiben, hat das neue Jahr richtig schlecht angefangen. Denn der Jugendtreff ist - wenn zunächst auch nur vorübergehend - geschlossen.

Ob die Verwaltung und die Fraktionen von SPD, WL und FDP das bewusst riskiert haben, als sie den erhöhten Jahreszuschuss verweigerten? Oder haben sie geglaubt, CVJM-Jugendreferent Bodo Borchard blufft nur, als er im Jugendausschuss sagte, der Verein könne das Fehlen eines qualifizierten Sozialarbeiters nicht länger ausgleichen und werde die Trägerschaft für das Court 5 zum Jahresende 2016 abgeben?

Wer kann Qualifikation besser beurteilen?

Zwei Argumente wollen sich mir nicht erschließen. Woher weiß ein Ausschussmitglied wie Karl-Hermann Blaue (WL), dass ein Erzieher die Arbeit mit den hoch problematischen Jugendlichen genau so gut leisten kann wie ein Sozialarbeiter? Nachdem der höchst erfahrene Borchard erläutert hatte, dass ein Sozialarbeiter qualifizierter für diese Arbeit im Court 5 sei als ein Erzieher. Wer von den beiden kann das besser beurteilen?

Ich habe mich selbst auch erkundigt bei einem Freund, der seit Jahrzehnten Einrichtungen für problematische Jugendliche leitet und dem keine Familien- und Teenagertragödie fremd ist. Er sagt: Es kann sein, dass ein sehr engagierter und erfahrener Erzieher die Aufgabe besser bewältigen kann als ein weniger engagierter oder praxisunerfahrener Sozialarbeiter. Aber das sei nicht die Regel. Damit würde man Sozialarbeitern, die unstrittig umfassender und intensiver ausgebildet sind, also Unrecht tun, oder nicht?

Ökonomie siegt über Betreuungsqualität

Zweiter Punkt: Das Court 5 ist zweifellos notwendig - sonst hätte man es weder gründen (als Jugendbistro Selfmade Diner), noch den Betrieb aufrecht erhalten müssen. Es kann doch nicht sein, dass dann die Fortführung der Einrichtung von ein paar Tausend Euro Zuschuss mehr abhängig gemacht wird. Genau so aber haben Verwaltung und die Mehrheit des Jugendausschusses argumentiert: Der CVJM muss mit dem zur Verfügung gestellten Geld auskommen - ein Sieg der Ökonomie über die Qualität der Betreuung. Der Betreuung von J-u-g-e-n-d-l-i-c-h-e-n im Alter von 15+.

Wenn die jetzt keine Anlaufstelle im alten Amtsgericht mehr haben - ins Jugendzentrums am Markt gehen sie ja nicht, denn da treffen sich die Jüngeren - wohin sollen sie sich wenden? Wie lassen sie sich erreichen, wenn ein Sammelpunkt fehlt? Von einem geschützten Raum der intensiven Betreuung ganz zu schweigen.

Mit Problemfällen überfordert

Ein Erzieher sei auf Dauer überfordert mit den „teilweise echten Problemfällen". Die durch jemanden betreuen zu lassen, der lediglich eine Erzieherqualifikation besitze, „dieses Risiko können wir nicht mehr tragen" hat Bodo Borchard eindringlich argumentiert. Aber bekanntlich gilt der Prophet im eigenen Lande ja nichts.

Das eigentliche Risiko besteht darin, dass ein echter Problemfall auch mal echte Probleme machen kann. Große Probleme, die nicht mehr mit gutem Zureden zu lösen sind. Dann folgt der Aufschrei und die Frage: Warum wurde nicht früher eingegriffen? Aber dann ist es zu spät.

Immer auf der richtigen Seite?

Noch besteht ja die Hoffnung, dass unter Vermittlung des zweiten Zuschussgebers für das Court 5- des Kreises Minden-Lübbecke - ein Kompromiss zwischen der Stadt und dem CVJM möglich ist. Dass es überhaupt so weit kommen musste, macht allerdings ratlos. Denn wer bei Jugendlichen spart, spart an der Zukunft. In diesem Punkt hat die Stadt, die ja mit "Immer auf der richtigen Seite" für sich wirbt, was sich nicht nur auf den Mittellandkanal bezieht, sich jedenfalls für die falsche Seite entschieden.

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