Lübbecke Belastendes Industrie-Erbe

Auf dem Gelände der Lieber-Werke sind offenbar nicht nur große Mengen Wasser versickert

Das Gelände der Lieber-Werke befindet sich zwischen der Westerbachstraße und der Steubenstraße. Nach übereinstimmenden Angaben von ehemaligen Mitarbeitern wurden dort jahrzehntelang Umweltsünden begangen. Die Erbengemeinschaft erklärt sich inzwischen für mittellos. - © FOTO: TYLER LARKIN
Das Gelände der Lieber-Werke befindet sich zwischen der Westerbachstraße und der Steubenstraße. Nach übereinstimmenden Angaben von ehemaligen Mitarbeitern wurden dort jahrzehntelang Umweltsünden begangen. Die Erbengemeinschaft erklärt sich inzwischen für mittellos. | © FOTO: TYLER LARKIN

Lübbecke. Dass die ehemaligen Lieber-Werke an der Steubenstraße kein ausgewiesenes Naturschutzgebiet sind, ist in Lübbecke kein Geheimnis. Die drastischen Schilderungen früherer Mitarbeiter, wie sehr dort die Umwelt offenbar mit Füßen getreten wurde, überraschen dennoch. Dazu kommen offene Rechnungen der Stadtwerke an die Erbengemeinschaft. Die gibt vor, mittellos zu sein.

Konkret geht es um den Wasserverbrauch auf dem Lieber-Gelände, wo bis in die 1990-er Jahre Werkzeugmaschinen und später auch Boote gefertigt wurden. Der Neuen Westfälischen liegen Informationen vor, dass dort im vergangenen Jahr 9.000 Kubikmeter Wasser verbraucht wurden. Das sind rund fünf Prozent des gesamten Wasserverbrauchs in Lübbecke. Die Rechnung der Stadtwerke beläuft sich auf 14.500 Euro, doch mit einer Begleichung durch die Erbengemeinschaft ist offenbar nicht zu rechnen.

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Wie kann auf einem Gelände, das weitestgehend brach liegt, so viel Wasser verbraucht werden? Stadtwerke-Mitarbeiter vermuten marode Leitungen als Ursache. Trifft diese Annahme zu, versickern dort nicht erst seit 2011 große Mengen an Trinkwasser. Eine Auskunft darüber war von den Stadtwerken nicht zu bekommen. Die Stadtverwaltung verweist wiederum auf die Zuständigkeit der Stadtwerke.

"Wenn du bei Lieber einen Spaten in den Boden steckst, kommt nur der Stiel wieder raus. Der Rest ist weggeätzt." Diese Aussage stammt nicht von den Grünen, sondern von einem Insider, der eher dem konservativem Lager zugeordnet werden kann. Ein Lieber-Mitarbeiter aus den 1980-er Jahren, der anonym bleiben möchte, schildert detailliert, wie er die Toiletten mit Salzsäure reinigen musste. Das war nicht die einzige Umweltsünde: "Das Kühlwasser, ein Öl-Wasser-Gemisch, das für Arbeiten mit Stahl an Drehmaschinen gebraucht wurde, haben wir einfach auf dem Gelände entsorgt. In der Gießerei wurde über Jahrzehnte ohne Schutzmaske gearbeitet. Der gelbe Schwefel ist einfach so rausgepustet worden."

Anfang der 90-er Jahre zwang man die Firma, eine Filteranlage einzubauen. "Rund um das Dieselaggregat für die eigene Stromversorgung stand der Treibstoff knöchelhoch. Da gab es keine Ölwanne, nichts wurde aufgefangen", sagt der ehemalige Mitarbeiter. "Das Gelände ist eine tickende Zeitbombe."Seine Aussagen decken sich mit Schilderungen aus den 70-er Jahren, die den Schluss zulassen, dass die Umweltverschmutzungen über Jahrzehnte andauerten.

Das Kreis-Umweltamt hat seit mehr als 20 Jahren ein gespanntes Verhältnis zu dem Gelände ("Belastete Vergangenheit"). Die Problematik sei auch Anlass für zahlreiche Diskussionen im Stadtrat gewesen, berichtet ein früherer Ratsherr. Das könnte bald wieder der Fall sein.

Wenn das Bauvorhaben an der Strubbergstraße realisiert wird und die Filiale des Toom-Baumarktes dort hinzieht, entsteht zwischen Westerbachstraße und Steubenstraße ein immenser Leerstand. "Die Verwaltung ist an einer sinnvollen städtebaulichen Entwicklung des Geländes interessiert", sagte Stadtsprecher Peter Schmüser auf Anfrage. Das belastete Erdreich liege in der Verantwortung des Kreis-Umweltamtes.

Mit einer Kooperation der Erbengemeinschaft ist nicht zu rechnen. Im politischen Raum wird spekuliert, dass die Erben niemanden auf dem Gelände haben wollen, damit die Umweltsünden nicht zum Thema werden. Eine Entsorgung des vermutlich verseuchten Erdreichs wäre kostspielig. "Wer die Wasserrechnung nicht zahlt, kommt auch nicht für die Entsorgung auf", sagt ein Ratsherr.

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