Viktor Müller zeigt stolz eine Geige, die er und sein Vater Leonard zusammen gebaut haben. Bei dieser Violine ist die Holzmaserung besonders schön. Geigenbauer nennen die abwechselnd hellen und dunklen Streifen Flamme, weil sie im Licht lebendig aussehen. - © FOTO: TYLER LARKIN
Viktor Müller zeigt stolz eine Geige, die er und sein Vater Leonard zusammen gebaut haben. Bei dieser Violine ist die Holzmaserung besonders schön. Geigenbauer nennen die abwechselnd hellen und dunklen Streifen Flamme, weil sie im Licht lebendig aussehen. | © FOTO: TYLER LARKIN

Minden "Eine Geige ist wie
ein eigenes Kind"

Leonard und Viktor Müller bauen acht bis zwölf Geigen pro Jahr / Jeder Span weniger verändert den Klang

VON ANNE WEBLER

Minden. Einmal im Jahr fährt Leonard Müller ins bayerische Bubenreuth zum Instrumentenholzhändler Gleissner. Auf der Suche nach schön klingendem Holz klopft der Geigenbauer an die Holzstücke. Klingen sie dumpf, lässt er sie liegen, schwingt das Holz nach dem Schlag und klingt, kauft er es. Acht bis zwölf Geigen stellt Müller pro Jahr in seiner Geigenbauwerkstatt in Minden her, in Handarbeit und zusammen mit seinem Sohn Viktor.

Leonard Müller spannt ein flaches Stück Holz in die Werkbank. Mit einem Hobel schält er dicke Locken aus dem Holz und formt den Boden einer Geige. Die spätere Unterseite wölbt sich wie ein flacher Schiffsrumpf.

Wie Puppenwerkzeug

Eine Geige zu bauen bedeutet viel Handarbeit. Leonard Müller formt mit einem Stecheisen den Geigenboden. - © FOTO: TYLER LARKIN
Eine Geige zu bauen bedeutet viel Handarbeit. Leonard Müller formt mit einem Stecheisen den Geigenboden. | © FOTO: TYLER LARKIN

Müller öffnet die Klemme, dreht das Holzstück und beginnt, den Boden auszuhöhlen. Jeder Span, den er abhobelt, lässt die Geige tiefer klingen. Vater und Sohn bieten Geigen zwischen 450 und 10.000 Euro an, von in anderen Werkstätten gefertigten Instrumenten bis zur Solisten-Geige.

Müller nimmt die Ziehklinge, ein flaches Metallblatt, und glättet das angeraute Holz des Geigenbodens. Zwischendurch greift er hinter sich ins Regal und nimmt einen der 42 verschieden großen Hobel. Auch sie hat Müller selbst hergestellt. Der Kleinste gleicht einem Puppenwerkzeug und ist gerade einen Zentimeter lang, der Größte liegt schwer in der Hand, Müller zieht ihn mit beiden Händen über das Holz. Der Tischler- und Geigenbaumeister hat für den Instrumentenbau sein eigenes Werkzeug entwickelt.

Leonard Müller bearbeitet den späteren Geigenboden mit einem Stecheisen. - © FOTO: TYLER LARKIN
Leonard Müller bearbeitet den späteren Geigenboden mit einem Stecheisen. | © FOTO: TYLER LARKIN

Geblieben ist ihm nur ein Foto
Geigen baut der 52-Jährige seit mehr als 25 Jahren. Schon mit vier Jahren wollte er diesen Beruf lernen. "Mein Vater spielte Geige", erzählt Müller. "Sie hing immer über meinem Bett, aber ich durfte sie nicht anfassen." Damals habe er sich geschworen, seine eigene Geige zu bauen, auf der er so viel spielen könne wie er wolle. Diesen Traum erfüllte er sich mit 15 Jahren. Damals baute er seine erste Geige. Aus Büchern hatte er sich angelesen, wie es geht. "Aber sie ist nicht so gut gelungen."

In Sibirien geboren, lebte Müller mit seinen Eltern fünf Jahre am Schwarzen Meer, bevor sie nach Kirgisien zogen. Von dort aus besuchte er mit Ende 20 das 3.000 Kilometer entfernte Konservatorium in Moldawien und studierte die Geigenbaukunst, 1987 erhielt er seinen Meistertitel. Ein Jahr später kam er nach Deutschland, seine Geige konnte er nicht mitnehmen. An Gepäck war nur das Nötigste erlaubt. Bewahren konnte Müller ein Foto von sich, wie er auf seiner ersten Geige spielt.

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