Engagiert: Hermann Nagel ist zweiter Vorsitzender des Naturschutzbundes Kreisverband Minden-Lübbecke und in dieser Funktion häufiger am Moorhus anzutreffen. Das Besucherzentrum mit der idyllischen Moorlandschaft steht unter Trägerschaft des NABU. - © Heike von Schulz
Engagiert: Hermann Nagel ist zweiter Vorsitzender des Naturschutzbundes Kreisverband Minden-Lübbecke und in dieser Funktion häufiger am Moorhus anzutreffen. Das Besucherzentrum mit der idyllischen Moorlandschaft steht unter Trägerschaft des NABU. | © Heike von Schulz

Lübbecker Land Nabu-Experte Hermann Nagel im Interview über das massive Vogel- und Insektensterben

Interview: Der stellvertretende Vorsitzende des Naturschutzbundes Minden-Lübbecke, über seine Einschätzung zum Insekten- und Vogelsterben und der Frage, was Gesetzgebung, Kommunen und jeder Einzelne dagegen tun können.

Lübbecke. Umwelt- und Naturschutzverbände beklagen einen Rückgang der Insekten- und Vogelpopulation in Deutschland. Über das Phänomen, Ursachen und Folgen sprach die Neue Westfälische mit Hermann Nagel, stellvertretender Vorsitzender des Naturschutzbundes Minden-Lübbecke und zertifizierter Natur- und Landschaftsführer. Herr Nagel, welche Indizien haben Sie dafür, dass die Zahl der Insekten und Vögel rapide abnimmt? Hermann Nagel: Eine Forschergruppe aus Krefeld hat seit 1985 gemeinsam mit Engländern und Niederländern dazu Untersuchungen angestellt, und es hat sich bestätigt, dass der Rückgang keine bloße Vermutung ist. Der NABU führt auch selbst Vogelzählungen durch? Nagel: Die Bevölkerung wird zweimal im Jahr vom NABU aufgerufen, im eigenen Garten Vogelzählungen durchzuführen. Im Januar zur Stunde der Wintervögel, im Mai zur Stunde der Gartenvögel. Es beteiligen sich auch immer mehr Menschen daran. Eine Stunde lang wird dabei die Anzahl der beobachteten Vögel notiert. Ganz vorne liegt immer der Haussperling, dann kommt die Schwarzdrossel. Auch wenn die Zählungen der Bürger nicht so genau sind wie die des Forscherteams, können Veränderungen bei den einzelnen Beständen in die wissenschaftliche Überlegung miteinfließen. In der offenen Landschaft sind gravierende Rückgänge beim Kiebitz und bei der Feldlerche zu beobachten. Der Kiebitz braucht Feuchtwiesen. Es werden aber immer mehr Landschaftsräume entwässert und Wiesen umbrochen. Abgenommen hat aber auch der Bestand an Feldsperling Goldammer, Bluthänfling, Stieglitz und Star. Was sind die Hauptursachen? Nagel: Dazu zählt sicher die intensive Landwirtschaft mit dem Einsatz von Insektiziden und Pestiziden. Ich möchte an dieser Stelle aber nicht die Landwirtschaft zum Sündenbock machen. Die Gründe dafür liegen im allgemeinen Preisverfall für landwirtschaftliche Produkte sowie an EU-Agrarsubventionen je Hektar und Jahr von insgesamt 60 Milliarden Euro. Hierdurch ist der Landwirt gezwungen, die Betriebsgröße auf Wirtschaftlichkeit zu prüfen und mehr Ackerland zu kaufen oder zu pachten. Auch vor Ackerrandstreifen und Feldwegen macht die intensive Nutzung der Äcker mit der Vielfalt an Wildkräutern nicht Halt. Nur über Menge und Fläche lässt sich in der Landwirtschaft wenigstens noch ein auskömmlicher Preis erzielen. Hinzu kommen die Monokulturen wie Mais und Raps. Mais dient keinem Tier als Lebensraum - höchstens den Wildschweinen als Versteck und Nahrung. Die EU hat es in der Hand, die Gesetze so abzuändern, dass auch der kleine Landwirt und Biobauer überleben kann. Das gilt auch für den Einsatz von Glyphosat, das in Verdacht steht, krebserregend zu sein und auch für das Bienensterben mitverantwortlich zu sein, und dessen Zulassung als Spritzmittel von der EU gerade um fünf Jahre verlängert wurde. Die Naturschutzverbände fordern in einer Petition die Rücknahme der Verlängerung. »Fachleute raten zu ganzjährigen Futterquellen« Was ist mit den Naturschutzräumen für Flora und Fauna? Nagel: Die Forscher aus Krefeld, die den dramatischen Insektenrückgang festgestellt haben, haben ihre Zelte in Naturschutzgebieten aufgestellt und bei den Insektenzählungen mit Fangnetzen gearbeitet. Da die Naturschutzgebiete von Landwirtschaftsflächen umgeben sind, macht sich der Rückgang der Insekten natürlich auch bis in die Schutzgebiete hinein bemerkbar. Wenn Sie das Insektensterben auf einer Skala von eins bis zehn einordnen würden, wo stehen wir dann aktuell? Nagel: Ohne eine Einordnung vornehmen zu wollen, kann man sagen, dass innerhalb von zehn Jahren 70 Prozent der Biomasse an Insekten verschwunden ist. Das können Sie auch selbst feststellen. Früher mussten Sie auf einer Fahrt von mehreren hundert Kilometern mindestens drei Mal anhalten, um die Autoscheibe von Insekten zu befreien. Heute nicht mehr. Was bedeutet der Rückgang der Insekten für die Natur? Nagel: Zum einen fehlen die Insekten für die Bestäubung von Pflanzen. Aber wahrscheinlich wird der Mensch mit seiner Intelligenz irgendwann etwas erfinden, was auch diese Aufgabe übernimmt. Die Insekten dienen vielen Vogelarten als Nahrungsquelle und fast alle Jungvögel werden von ihren Eltern mit Insekten gefüttert. Weil die Vögel immer weniger Nahrung finden, raten Fachleute mittlerweile schon dazu, nicht nur im Winter, sondern ganzjährig Futterquellen im Garten zu schaffen. Am Beispiel der wieder wachsenden Storchenpopulation gerade in unserer Region zeigt sich ja, dass sich das Rad wieder zurückdrehen lässt, oder? Nagel: Ja, die Unterschutzstellung gefährdeter Arten und Maßnahmen zum Artenschutz tragen sicher Früchte. Das zeigt sich am Vorkommen des Seeadlers, des Storches, der Kraniche, des Uhus oder auch des Wanderfalken. Zwar gibt es beim Wiederanstieg der Storchenpopulation im Mühlenkreis auch andere Erklärungen wie die wärmeren Winter oder Revierverschiebungen, aber es stimmt. Der Mensch hat es in der Hand, in der Natur alles so zu richten, dass alle Individuen überleben können. Kommunen stehen in Konkurrenz mit anderen Kommunen Welche Rolle spielen da die Kommunen bei der Ausweisung neuer Bau- und Industriegebiete? Nagel: Die Kommunen befinden sich in Konkurrenz zu anderen Kommunen. Wird kein neues Gewerbegebiet ausgewiesen, wandern die Unternehmen vielleicht ab und es gehen Arbeitsplätze verloren. Es stellt sich aber trotzdem die Frage, ob immer mehr Flächen auch für die Wohnbebauung versiegelt werden müssen oder ob nicht auch innerstädtische Baulücken genutzt werden können. Auch sollten bei Bauleitverfahren noch stärker Experten aus dem Natur- und Umweltschutz mit herangezogen werden, um in intensiven Gesprächen Optionen auszuloten. Wird eine Fläche zur Bebauung freigegeben, verschwindet ja damit in der Regel der vorhandene Baumbestand, die Wiesen und Pflanzen und damit der gewohnte Lebensraum für die Tierwelt. Der ist damit aufgegeben, denn Ausgleichsflächen müssen nicht in unmittelbarer Nachbarschaft geschaffen werden, sondern können vom Gesetz her für ein Gewerbegebiet beispielsweise in Lübbecke oder Espelkamp auch in Porta Westfalica liegen. Wo könnten Kommunen gezielt im Naturschutz tätig werden? Nagel: Sie könnten beispielsweise Bauherren mit der Baugenehmigung Empfehlungen an die Hand geben, wie eine für die Natur optimale Gartengestaltung aussieht. Auch müssten städtische Grundstücke nicht unbedingt mehrfach im Jahr gemäht werden. Hier könnten Blumenwiesen für die Insektenwelt entstehen oder Streuobstwiesen angelegt werden. Das gilt auch für Weg- und Straßenränder. »Nicht nur der Mensch ist Teil des Ganzen« Und was kann der Einzelne tun? Nagel: Auf Spritzmittel gänzlich verzichten und den Garten naturnah gestalten. Das schließt Steinbeete mit Folie aus, unter denen es kein Leben mehr gibt. Statt Immergrün und Koniferen sollten Laub- und Beerengehölze wie zum Beispiel die Hasel, Holunder, Esche und Schneeball gepflanzt werden. Laub sollte auf die Beete verteilt werden, weil sich hier wichtige Mikroorganismen bilden können. Eine Ecke mit Totholz ist gut für die Tierwelt, ebenso Wildkräuter und eine Tränke für die Vögel. Wenn sich mehrere Privatpersonen zusammentun, könnte aus einer Siedlung sogar ein kleines Biotop werden. Der NABU gibt gerne Tipps zur naturnahen Gestaltung von Gärten. Wenn sich nichts ändert, was wird Ihrer Einschätzung nach irgendwann die Folge sein? Nagel: Ich bin kein Prophet, aber ich könnte mir vorstellen, dass es mittelfristig keine Insekten mehr geben wird und von den rund 280 Vogelarten in Deutschland nur noch die 30 Prozent überleben werden, die besonders anpassungsfähig sind. Und wenn wir im Frühling nicht mehr den tollen Vogelgesang hören, weil die Vogelwelt verstummt ist, dann betrifft uns das alle. Man sollte sich die Schöpfungsgeschichte vor Augen führen und dazu muss man auch gar nicht bibelfest sein. Nicht nur der Mensch ist Teil des Ganzen, sondern dazu gehören alle Lebewesen - auch die Vögel und Insekten. Das Interview führte Kirsten Tirre

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