Endlich angekommen: Im Juni 2017 konnte Familie Khairkhowa mit Hilfe der Stadt Lübbecke eine eigene Wohnung beziehen. In Frankfurt und Belgien leben seit vielen Jahren Verwandte. So wie es in Afghanistan üblich ist, kamen alle, halfen beim Umzug und brachten Geschenke für den Neuanfang. In Lübbecke fühlen sich Shahmahmud Khairkhowa, seine Frau Nahida und die Kinder (v.l.) Salim, Soliman, Arash, Benafscha und Tamana wohl. - © Foto: Heike von Schulz
Endlich angekommen: Im Juni 2017 konnte Familie Khairkhowa mit Hilfe der Stadt Lübbecke eine eigene Wohnung beziehen. In Frankfurt und Belgien leben seit vielen Jahren Verwandte. So wie es in Afghanistan üblich ist, kamen alle, halfen beim Umzug und brachten Geschenke für den Neuanfang. In Lübbecke fühlen sich Shahmahmud Khairkhowa, seine Frau Nahida und die Kinder (v.l.) Salim, Soliman, Arash, Benafscha und Tamana wohl. | © Foto: Heike von Schulz

Lübbecke Ein neues Leben fern der Angst

Schwerpunktthema Flüchtlinge (I): Familie Khairkhowa flüchtete vor den Taliban und hofft für immer in Deutschland bleiben zu können. Vater Shahmahmud (43) sucht eine Arbeitsstelle oder ein Praktikum

Kirsten Tirre

Lübbecke. Shahmahmud Khairkhowa (43), seine Frau Nahida und ihre fünf Kinder sitzen um den Tisch in ihrem Wohnzimmer. Der Vater zeigt seine Diplome. Er ist studierter Techniker und war in Afghanistan Mitgesellschafter einer Firma für den An- und Verkauf von Industrieölen. Auch ein Foto geht herum. Es zeigt das Haus der Khairkhowas in Kabul, ihrer Heimat, die nicht mehr ihre Heimat ist. Denn im April 2016 ergriff die Familie die Flucht. "Wir hatten alles, es ging uns gut", erzählt Nahida (39). Wenn sie von ihrem früheren Leben in Kabul spricht, füllen sich ihre Augen mit Tränen. "Mama weint oft, wenn sie daran denkt", sagt Tochter Tamana (14). Sie besucht wie ihr Bruder Salim (17) das Lübbecker Wittekind-Gymnasium. "Wir hatten alles, es ging uns gut" Die beiden sprechen schon sehr gut Deutsch, übersetzen für ihre Mutter, die fleißig Sprachkurse im Mehrgenerationenhaus besucht. Hier hat auch Irmgard Schmidt Nahida kennengelernt. "Es ist so eine nette Familie", sagt die Ehrenamtliche vom "Runden Tisch Lübbecker Flüchtlingshilfe". Für die Khairkhowas hat Irmgard Schmidt eine Art Patenschaft übernommen, hilft bei Alltagsangelegenheiten aber auch Formalitäten wie dem Schreiben von Bewerbungen. Denn Shahmahmud Khairkhowa möchte unbedingt arbeiten, Auf zwei Stellen in Autowerkstätten hat er sich schon beworben. Ohne Erfolg. Als Flüchtlinge sind die Khairkhowas auf die finanzielle Hilfe durch den Staat angewiesen. "Ich möchte meine Familie aber selbst ernähren", sagt der 43-Jährige. In Kabul war er ein erfolgreicher Geschäftsmann, hatte durch den An- und Verkauf und die Aufbereitung von Industrieölen Kontakt zu internationalen Firmen sowie der Regierung. Das wollte die radikalislamische Taliban für sich nutzten, die Shahmahmud Khairkhowa erpresste. Über die Lieferwege des Öls sollte er Bomben und Mitglieder der Taliban in den Firmen-Lkw transportieren. Weil Khairkhowa ablehnte, hätten die Taliban mit der Entführung seiner Kinder und sogar Mord gedroht. "Die Polizei konnte nicht helfen. Sie ist machtlos. Alle wissen, es ist Krieg." Aus Angst vor Tod und Terror entschloss sich die Familie, das Land über die Türkei zu verlassen. Das Datum wissen sie noch ganz genau: Es war der 17. Mai 2016. Nur das Nötigste konnten die Khairkhowas mitnehmen. Denn von der Türkei aus flüchtete die Familie mit Hilfe von Schleusern zu Fuß über Bulgarien, Serbien und weiter nach Ungarn. "Wir hatten jeder nur einen Rucksack. Nachts liefen wir durch die Wälder. Am Tag mussten wir uns verstecken oder wurden in Lieferwagen gefahren", erzählen die beiden ältesten Kinder. Über Stunden seien sie mit anderen Menschen in einen Laderaum gepfercht worden. "Wir bekamen kaum noch Luft." »Es wird dort nie wieder gut werden« Kurz hinter der ungarischen Grenze wurde die Familie von der Polizei aufgespürt. Sein Vater und sein achtjähriger Bruder Soliman seien geschlagen worden, erzählt Salim. Auch Tränengas sei zum Einsatz gekommen. Fünf Tage waren sie in einem Auffanglager an der ungarischen Grenze. Dort trafen sie wieder auf Schleuser. "Wir kannten die Männer nicht, sie waren einfach plötzlich da." In einem Wald in Passau endete die Flucht, die ganze 27 Tage dauerte. "Wir wurden dort ausgesetzt." Die Khairkhowas waren in Sicherheit, auf deutschem Boden, doch ihre Odyssee noch nicht zu Ende. Zwei Monate lebte die Familie in der zentralen Unterbringungseinrichtung in Burbach, dann vier Monate in der Flüchtlingsunterkunft Soest bevor sie im November 2016 in Lübbecke ankam. In der zur Flüchtlingsunterkunft umfunktionierten Jahn-Realschule hatte die Familie ein Zimmer für sieben Personen. "Aber es war groß", sagt Mutter Nahida dankbar. Seit Juni 2017 bewohnen die Khairkhowas eine von der Stadt Lübbecke angemietete Wohnung. Die Kinder besuchen die Schule, Arash (3) den Kindergarten. Sie haben Freunde gefunden, fühlen sich in Deutschland wohl. Salim spielt Fußball in der A-Jugend des BSC-Blasheim. Wenn er über Fußball spricht, dann leuchten seine Augen. Auch in Kabul war er im Fußballverein. An Turnieren aber durfte er nicht teilnehmen. Weil seine Mutter Angst vor Anschlägen hatte. Direkt neben seiner Schule sei einmal eine Bombe explodiert, erzählt Salim. Zwei Wochen sei die Schule daraufhin geschlossen worden. Abends musste er vor dem Dunkelwerden daheim sein. Die Khairkhowas denken oft an ihr Leben in Kabul. Doch zurück wollen sie auf keinen Fall: "Es wird dort nie wieder gut werden", ist Salim überzeugt. 2017 erschütterten gleich mehrere tödliche Sprengstoffanschläge das Land. Die Khairkhowas warten seit mehr als einem Jahr auf ihre Anerkennung als Flüchtlinge durch das Bundesamt für Migration (BAMF). "Normal" nennt das Angel San Roman Fiol von der mobilen Flüchtlingsberatung des Espelkamper Hexenhauses. Der Anwalt hält im Kreisgebiet für Asylsuchende Beratungsstunden ab und kennt auch diesen Fall. Im September schickte er eine Mitteilung an das BAMF. Eine Antwort blieb aus. "Die Ämter sind extrem überbelastet" "Die Ämter sind extrem überlastet", sagt er. Im ersten Halbjahr 2017 erhielten Medienberichten zufolge nur 44,1 Prozent der Flüchtlinge aus Afghanistan Asyl. Dann könne aber der Klageweg beschritten werden. Der Anwalt rät zu weiteren Sprachkursen, einer Berufsausbildung oder einem Arbeitsplatz, das sei wichtig für die Aufenthaltsgestattung in Deutschland. Shahmahmud Khairkhowa hätte auch an einem längeren Praktikum großes Interesse. Und Tochter Tamana (14) denkt bereits ebenfalls über ihre berufliche Zukunft nach. Sie möchte nach dem Abitur gerne Medizin studieren. In Deutschland? Sie nickt. Denn Deutschland ist für sie und ihre ganze Familie zur neuen Heimat geworden ist.

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