Innenstadt Lübbecke - © Joern Spreen-Ledebur
Innenstadt Lübbecke | © Joern Spreen-Ledebur

Lübbecke Neue Geschäftsmodelle und alte Stärken

Innenstadt-Entwicklung: Der Absatz des weltweiten Online-Handels wächst jährlich. Auch die Lübbecker Einzelhändler wissen von der Entwicklung, sehen aber nicht nur Nachteile, sondern auch Chancen im Shopping 2.0

Alexander Lange

Modeboutique Christiane Levermann Kerstin Fleer ist Mitarbeiterin in der Modeboutique von Christiane Levermann. Sie sieht in Lübbecke eine gute Basis für den Einzelhandel: „Lübbecke ist eine Kleinstadt, da mache ich mir keine großen Sorgen. Denn hier kann sich jedes Geschäft gut positionieren und wenn es möchte, auch viel bieten, zum Beispiel durch Events oder 
besondere Marken – das 
kann durchaus auch eine Chance sein, die man in der Großstadt nicht unbedingt 
hat. Denn in der Großstadt ist jedes Geschäft nur eines von sehr sehr vielen." Die Kundschaft besteht aus allen Altersklassen. Dennoch seien es insbesondere die jungen Leute, die sich in der breiten Medienwelt aufhalten und auch maßgeblich online einkaufen, so Kerstin Fleer: „Und Kinder sind bekanntlich die Zukunft. Dieses Kaufverhalten, diese Entwicklung sollte uns durchaus bewusst sein." Ihre Kundschaft bestehe aus allen Altersklassen, es habe sich inzwischen eine Art Kundenstamm entwickelt, aber auch viele Neukunden finden den Weg zu ihr. Seit 35 beraten Christiane Levermann und ihre Mitarbeiterinnen Modefans aus dem Lübbecker Land: „Die Kunden wissen dann auch um die Qualität unseres Geschäftes und unserer Ware. Sie möchten die Ware sehen und fühlen und auch anprobieren, wie die Passform ist und wünschen einfach eine richtige Beratung. Dafür sind wir ein Fachgeschäft und kein Onlinehandel." Ebenso verkaufen Christiane Levermann und ihre Mitarbeiterinnen vor allem Designerware – die Preise seien allgemeingültige Empfehlungen, somit im Internet genau so hoch wie im Einzelhandel: „Es macht doch auch keinen Spaß, etwas zu bestellen und dann ist man, wenn das Paket ankommt, ganz enttäuscht, weil das Produkt auf dem Bild im Internet so toll aussah, zuhause aber gar nicht mehr gefällt." Doch ganz ohne Internetpräsenz geht es natürlich auch nicht, weiß Kerstin Fleer. Auch auf einer regionalen Internetplattform als Infozentrum und Forum für Lübbecker Geschäftskunden, Bürger, Gastronomen und Co, ist Christiane Levermann vertreten: Dort finden interessierte Kunden nicht nur einige ausgewählte Markennamen, sondern auch Bilder und Anregungen zu Produkten der Boutique.„Und wenn den Leuten dann etwas gefällt, dann kommen sie zu uns ins Geschäft. Ganz einfach", ergänzt Kerstin Fleer lachend. Feinkostgeschäft "Krichels Genuss Company" Sorgenvoll in die Zukunft schaut Angelo Krichel mit seinem Feinkostgeschäft „Krichels Genuss Company" nicht: „Nein, nein, ich bin da ganz positiv gestimmt. Der Einzelhandel hat sehr viele Vorteile." Denn insbesondere der direkte Kontakt zum Produkt sei es, den die Kunden von Angelo Krichel schätzen. Tabakwaren, Whiskeysorten, Brände und Zeitschriften „Im Internet kann ich nichts in die Hand nehmen, da kann ich mir das Produkt nur anschauen", erklärt Angelo Krichel, der in der Lübbecker Scharrnstraße vor allem Tabakwaren, Whiskeysorten, Brände und Zeitschriften verkauft. Anfang der 2000er habe er gemerkt, dass der Zeitschriftenmarkt zurückginge: „Von einer Messe habe ich 2004 dann zwanzig Flaschen Whiskey mitgebracht und sie hier verkauft. Heute sind es knapp 350 verschiedene Sorten." Die verkauft er nicht nur im Laden selber, sondern auch über seine eigene Internetseite. Doch nur etwa ein Prozent seines Gewinns erzielt er über den Internetauftritt – „das war mal anders". Doch die Großhändler, die die gleichen Marken verkaufen, tun dies knapp 10 oder 15 Prozent günstiger. Ihr Geschäft sei auf Masse angelegt. Angelo Krichel sieht seinen Vorteil in der Individualität und Beratung: „Der Online-Handel kann natürlich zur Gefahr für den Einzelhandel werden, für mich sehe ich das aber nicht. Zu mir kommen die Kunden und können probieren und anschließend auswählen. Im Internet bestellen sie und sind schnell enttäuscht von dem jeweiligen Produkt." Modehaus Böckmann „Mode muss man erleben. Das ist ein Einkaufen mit den Sinnen", sagt Sabine Kolck-Pothe. Sie führt die Geschicke des Modehauses Böckmann in der Lübbecker Innenstadt. Sorgen, dass ein wachsender Online-Handel das Ende des Einzelhandels bedeutet, hat sie nicht: „Beim Händler vor Ort einkaufen zu gehen, hat viele Vorteile. Sobald der Kunde unser Haus betritt, sind wir in direkter Interaktion. Wir können auf die Wünsche des Kunden eingehen und können eine individuelle Typberatung geben. Das geht online nicht." Denn der Stammkunden-Anteil im Modehaus Böckmann sei hoch, so Kolck-Pothe. Damit das auch so bleibt, entwickelt sie mit ihrer Vertretung Jennifer Hillebrecht stets neue Ideen: „Wir haben zum Beispiel einen Kunden-Club gegründet." Die Kunden können bei jedem Einkauf Punkte auf einem Schlüsselanhänger sammeln und diese später in Prämien umwandeln. „Einen eigenen Online-Shop vom Modehaus Böckmann gibt es nicht", so Kolck-Pothe. Aber das brauche es nicht: „Wir können zum Beispiel bei den anderen Filialen von Modehaus Böckmann anrufen und Waren bestellen. Oder wenn sonst schon mal ein Produkt nicht da ist, dann bestellen wir es auch direkt beim Hersteller und können es auch direkt zum Kunden nach Hause schicken." Eine Innenstadt ohne Einzelhandel sei keine Innenstadt, so Jennifer Hillebrecht: „Händler an sich beleben eine Innenstadt ungemein. Wären hier keine Geschäfte, dann wären hier auch keine Menschen." Restaurants, Cafés und Bäckereien an sich könnten die Menschen nicht dauerhaft in der Fußgängerzone halten, so Hillebrecht. Dass der Online-Markt sich wieder zurück entwickelt, sei unwahrscheinlich so Hillebrecht: „Ich glaube, dass Einzelhandel und Online-Markt nebeneinander bestehen werden." Sabine Kolck-Pothe: „Wir machen uns keine Sorgen, denn wir arbeiten ja auch an einer guten Entwicklung. Es gibt beispielsweise Styleberater und wir veranstalten Events für unsere Kunden." Spielwaren Lorenz Kaum ein Einzelhändler lebt so sehr vom Weihnachtsgeschäft wie der Spielwarenhändler vor Ort. Das war einmal. „Es ist wirklich extrem geworden. Das Weihnachtsgeschäft hier ist längst nicht mehr das, was es früher war. Seit zwei oder drei Jahren wird es stetig weniger", sagt Uta Bracke: „Alles wird mit wenigen Klicks im Internet gekauft, das merken wir sehr stark." »Die Zeiten werden schwieriger« Uta Bracke ist Inhaberin von Spielwaren Lorenz in der Lübbecker Innenstadt. Seit mehr als 100 Jahren gibt es dort Spielwaren, doch die Zeiten werden schwieriger: „Uns tut der wachsende Online-Handel total weh. Es kommt sogar vor, dass die Kunden bei uns in den Laden kommen und sich durch unsere Mitarbeiter beraten lassen. Dann sagen sie, dass sie es sich noch einmal überlegen, gehen raus und kaufen es im Internet", ärgert sich Uta Bracke: „Eine wirkliche Beratung und individuellen Service gibt es im Internet nicht, das gibt es beim Händler vor Ort. Lediglich die ältere Käufer-Generation zieht den Laden dem Onlineshop noch vor." Mit der Angebotsvielfalt und den günstigen Preisen könne der örtliche Händler eben nicht mithalten: „Das wird immer schwieriger für uns. Die Mitarbeiter müssen bezahlt werden, die Miete muss gezahlt werden und wir haben ja auch eine Lagerhaltung. Wir können mit den Preisen nicht weiter runter gehen." »Leerstand in den Innenstädten kommt ja nicht von ungefähr« Wahrsagerin über die Zukunft des Einzelhandels spielen will Uta Bracke nicht. Doch mit Sorge blickt sie in ungewisse Zeiten, mahnt auch die Käufer, sich der momentanen Entwicklung bewusst zu werden: „Man sollte mal alle Schaufenster in der Innenstadt schwarz machen und dann daran schreiben ’So sehen die Städte bald aus, wenn Sie nur online kaufen’. Dann würden die Leute das mal sehen. So ein Leerstand in den Innenstädten kommt ja nicht von ungefähr. Ich bin gespannt, wie es weiter geht." Schreibwaren Steinkamp „Die Situation wird für uns Einzelhändler zunehmend schwieriger", erklärt Andreas Steinkamp mit Blick auf den wachsenden Online-Markt. Steinkamp verkauft Schreibwaren und Bürobedarf in Lübbecke. Insbesondere die junge Kundschaft sei es, die das Einkaufen am Computerbildschirm häufig dem Bummeln in der Einkaufsstraße vorziehe, so Steinkamp: „Aber nicht nur. Viele sind auch schnell unzufrieden, weil die bestellte Ware eben doch nicht passt oder gefällt. Dann kommen sie wieder zum Händler vor Ort." Nicht selten beobachtet Steinkamp, dass einige Kunden sich die Ware ihrer Vorstellung im Internet heraussuchen und dann in den Laden kommen und nach dem jeweiligen Produkt fragen. Steinkamp: „Denn das Internet sollte man nicht nur negativ sehen. Es gibt auch viele hilfreiche und positive Entwicklungen. Denn vor der Entwicklung können wir nicht weglaufen." Einen eigenen Online-Shop für Schreibwaren und Bürobedarf führt Andreas Steinkamp nicht. Das lohne sich auch nicht, sagt er. Es sei zu viel Aufwand, er wolle sich lieber auf das stationäre Geschäft konzentrieren. Mit vielen Preisen im Internet könne er sowieso nicht mithalten. Angst vor der persönlichen, aber auch vor der allgemeinen Zukunft des Einzelhandels, hat er nicht, Sorgen macht er sich trotzdem: „Der Online-Markt wird nur dort wachsen, wo Geschäfte aussterben. Wenn genug Angebot da ist und der Kunde Lust hat, dorthin zu gehen und auch weiß, was er dort erwarten kann, dann sind die Chancen des Einzelhandels viel viel besser. Wenn der Kunde aber weiß, dass es in den Geschäften vermutlich gar nicht das gibt, was er sucht, dann geht er natürlich eher ins Internet. Wir versuchen stetig, unser Sortiment zu erweitern, um Kunden zu binden." Fachkompetenz 
als Vorteil Direkte Fachkompetenz und die Möglichkeit, die Produkte in die Hand zu nehmen, seien klare Vorteile des Einzelhändlers gegenüber dem Online-Markt, so Steinkamp: „Oder auch bei Reklamationen oder Umtausch-Angelegenheiten. Da ist es persönlich im Geschäft doch einfach viel viel einfacher." ...

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