Gute Aussichten: Brauerei-Chef Christoph Barre sieht die Lübbecker Brauerei gut aufgestellt. Am Wochenende wird hier gefeiert und dafür sind auch die Kessel extra noch einmal blank poliert worden. - © Joern Spreen-Ledebur
Gute Aussichten: Brauerei-Chef Christoph Barre sieht die Lübbecker Brauerei gut aufgestellt. Am Wochenende wird hier gefeiert und dafür sind auch die Kessel extra noch einmal blank poliert worden. | © Joern Spreen-Ledebur

Lübbecke Interview: „Barre soll eine Familienbrauerei bleiben“

Brauereichef Christoph Barre sieht das Lübbecker Unternehmen in einem schwierigen Markt sehr gut aufgestellt

Joern Spreen-Ledebur

Herr Barre, wie lange dauerten für Vorbereitungen für das Jubiläum? Christoph Barre:Es ist ein Jubiläumsjahr, die Feier ist ein Teil davon. Die Vorbereitungen der Ausstellung „Mythos Louis Barre" laufen schon seit drei bis vier Jahren, weil auch eine umfangreiche Recherche dazu gehört. Das Brauerei-Fest hatte rund ein Jahr Vorbereitung; die ersten Arbeitssitzungen zum Jubiläumsjahr gab es vor rund zwei Jahren. Was gehörte zu den besonders überraschenden Erkenntnissen bei den Recherchen zu Louis Barre? Barre: Die Chronik zum 100. Brauereijubiläum aus dem Jahr 1942 ist eine Grundlage, das scheint die erste Chronik zu sein. Die Bilder sind da übrigens noch von Hand eingeklebt worden. Bei Louis Barre konzentriert sich diese Chronik auf die technischen Innovationen. Louis Barre war ein echter Pionier. Die Kältemaschine wurde 1876 von Carl von Linde erfunden und bereits 1881 hat Louis Barre sie in Lübbecke installiert – angetrieben von einer Dampfmaschine. Barre war nach der Spaten-Brauerei in München die zweite deutsche Brauerei, die über eine Kältemaschine verfügte. Die Brauereien waren Wegbereiter für die Entwicklung der Kältemaschine. Man war damit nicht mehr abhängig vom Natureis. Wie entscheidend war die Installation der Kältemaschine für Barre? Barre: Das war ein ganz wichtiger Grundpfeiler, weil die ganzjährige Herstellung von untergärigem Bier mit langer Haltbarkeit und einer bis dahin nicht gekannten Qualität entscheidend war für die Belieferung des Norddeutschen Lloyd ab 1885. Das ist ein Punkt der Recherche, der zweite Punkt ist die familiäre Verbindung. Denn Louis Barres Ehefrau Charlotte Amalie stammte aus Bremen und über sie kam der Kontakt zum Norddeutschen Lloyd zustande. Was weiß man denn heute mehr? Barre: Der Onkel von Louis Barres Frau war „Chefberater" beim Norddeutschen Lloyd. Johann Georg Poppe war ein sehr bekannter Gründerzeit-Architekt, baute maßgebliche öffentliche Gebäude in Bremen, unter anderem die riesige Hauptverwaltung des Norddeutschen Lloyd. Zudem entwarf er die großen Dampfer des Norddeutschen Lloyd, darunter die legendäre „Kaiser Wilhelm II.". Poppe war befreundet mit dem damaligen Generaldirektor des Norddeutschen Lloyd und für ihn war es eine kleine Nummer, den Kontakt zwischen Barre und dem Norddeutschen Lloyd herzustellen. Die Leistung als Pionier und der Kontakt zum Norddeutschen Lloyd waren also die entscheidenden Grundlagen für diese langjährige Erfolgsgeschichte, die in Lübbecke für gute Umsätze und Wohlstand sorgten. Ein in den USA lebender 80-jähriger Nachfahre Poppes hat uns viel erzählt – auch dass es für alle Zeit zu Weihnachten immer eine Lieferung Barre-Bier gab. Wie steht die Brauerei im 175. Jahr ihres Bestehens dar? Barre: Wir befinden uns zwar in einem schwierigen Marktumfeld, geprägt von Absatzrückgang und Konzentration. Diesem Gesamttrend konnten auch wir uns nicht vollständig entziehen. Wir haben allerdings unsere Hausaufgaben gemacht und das Unternehmen an seine Herausforderungen angepasst. Wir bearbeiten den Biermarkt offensiv und waren Vorreiter für viele Entwicklungen in der Brauwirtschaft. Dazu kommt, dass das Unternehmen wirtschaftlich gut aufgestellt ist. Barre gehört zu den modernsten deutschen Brauereien. Es gibt keinen Investitionsstau und dennoch arbeitet das Unternehmen mit nur sehr wenig Fremdkapital, ist also finanziell solide aufgestellt. Diese Kombination ist in der Bierbranche schon ungewöhnlich. Die Hauptphase der Konzentrationen auf dem Brauereimarkt dürfte nun durch sein. Die Brauereien in der Größenordnung von Barre, die jetzt noch bestehen, die haben harte Zeiten durchgemacht und solche Resistenz entwickelt, dass sie auch in Zukunft gute Überlebenschancen haben. Ob sie Chancen zum Erhalt der Unabhängigkeit haben, das ist eine andere Frage. Wird eine Brauerei übernommen, verliert sie ihre Seele. Ich kenne keine Brauerei, die übernommen wurde und dabei ihre Identität erhalten konnte. Bei unserem Unternehmen ist die Unabhängigkeit das höchste Ziel. Barre soll Familienbrauerei bleiben. Wie sieht es denn bei Barre mit der nächsten Generation aus? Barre: Das Grundinteresse ist bei den drei Töchtern vorhanden. Ich hoffe, dass es bleibt und sich weiter entwickelt. das ist ja schwer vorherzusagen. Aber zunächst ist das Interesse da. Auf der anderen Seite sollen unsere Kinder die Chance haben, sich frei zu entwickeln. Druck ist sicherlich keine gutes Instrument, um Kinder für die Unternehmensnachfolge zu begeistern. Barre war Gründungsmitglied bei den „Freien Brauern". Welche Bedeutung hat diese Institution heute? Barre: Die Konzentration auf dem Brauereimarkt – mit all ihren Konsequenzen – ist die größte Herausforderung für die unabhängigen Brauer. Man kann Größennachteile kompensieren. Es ist gut, dass der Mittelstand zusammenarbeitet und Synergien nutzt, etwa beim Erfahrungsaustausch oder – wo sinnvoll und möglich – dem gemeinsamen Einkauf, etwa von Rohstoffen. Wie sieht es um die Zukunft der vorhandenen Gastronomie aus? Manches Gasthaus, das beim 125. oder 150. Jubiläum noch Barre ausschenkte, gibt es nicht mehr. Barre: In den Metropolregionen gibt es eine Zunahme in der Gastronomie, im ländlichen Raum hat die Gastronomie insbesondere als Folge des Bevölkerungsrückgangs Probleme. Ein erheblicher Anteil unserer Gastronomiekunden ist im ländlichen Raum beheimatet. Auf der anderen Seite haben wir seit Jahren eine insgesamt steigende Kundenzahl im Bereich der Gastronomie zu verzeichnen – und das sowohl in unserem Heimatmarkt als auch darüber hinaus. Wir sind heute auch in Regionen aktiv, in denen wir das früher weniger oder überhaupt nicht präsent waren, etwa im Schaumburger Land, an der Nordseeküste, im Emsland, in Hamburg oder in Brandenburg und Berlin. Wir haben heute insgesamt rund 4.500 Kunden, davon sind knapp 2.000 Gastronomiebetriebe. Vor rund 20 Jahren waren es lediglich 1.300 Gaststätten. Beliefert werden rund 1.100 Vereine und knapp 1.200 Lebensmittelgeschäfte oder Getränkeabholmärkte. Das Thema Export spielt auch eine Rolle, wenn auch untergeordnet. Fazit: Wir haben unseren Absatzmarkt Stück für Stück ausgeweitet und dadurch einiges an strukturellen Problemen in der Heimatregion kompensiert. Es gibt an vielen Orten ja kleine Brauereien, die neu ans Netz gehen. Zeigt das nicht auch, dass kleine Brauereien am Markt bestehen können? Barre: Man muss differenzieren. Hausbrauereien brauen primär für den eigenen Bedarf. Sie müssen sich nicht dem großen Markt stellen. Für deren Erfolg ist an erster Stelle die gastronomische Qualität wichtig, das eigene Bier ist ein „i-Tüpfelchen". Einige Neugründungen gab es auch im Bereich der sogenannten Craftbeer-Szene. Inzwischen wissen wir, dass dieser aus den USA stammende Trend überschätzt wurde. Das Volumen ist insgesamt überschaubar. Die erfolgreichsten Player im Bereich der Spezialbiere sind mittelständische Brauereien wie Barre, weil die glaubwürdig sind und die Kompetenz für die Herstellung solcher Bier haben. Sie sind die eigentlichen Treiber und auch Marktführer im Segment der Spezialbiere. Plant Barre ein neues Spezialbier? Barre: Momentan nicht. Wir sind ja mit „Louis Barre Imperial" gestartet und der Auftakt war sehr gut. „Louis Barre" ist ein äußerst aufwändig hergestelltes Bier auf Basis von vier Malzsorten, Mehrfach-Hopfung mit den besten Hopfensorten der Welt – darunter der legendäre Saphir-Hopfen – und sechs Wochen Kaltreifung. Das ist ein Highlight. Die Resonanz der Menschen ist enorm, die Nachfrage übertrifft unsere Erwartungen. „Louis Barre" ist genussvoll und außergewöhnlich im Geschmack. Und es ist ein Bier, das trotz der aufwändigen Herstellungsweise bezahlbar ist. Zudem ist es authentisch, weil es nicht von einer Werbeagentur erfunden wurde, sondern auf der Philosophie einer unserer Vorfahren beruht. Auf was freuen Sie sich am Wochenende beim Brauerei-fest besonders? Barre: Ich freue mich auf gutes Wetter und gute Resonanz. Und ich freue mich auf viele Gäste, die hoffentlich mit einer positiven Einstellung auf das Gelände kommen und dieses mit vielen schönen Impressionen verlassen.

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