Josef Kramer (v.l.,KZ-Kommandant in Auschwitz-Birkenau), KZ-Lagerarzt Josef Mengele, Richard Baer (KZ-Kommandant in Auschwitz), Adjutant Karl Höcker und Walter Schmidetzki (SS-Obersturmführer). - © United States Holocaust Memorial Museum
Josef Kramer (v.l.,KZ-Kommandant in Auschwitz-Birkenau), KZ-Lagerarzt Josef Mengele, Richard Baer (KZ-Kommandant in Auschwitz), Adjutant Karl Höcker und Walter Schmidetzki (SS-Obersturmführer). | © United States Holocaust Memorial Museum

Lübbecke Fotoalbum von Karl-Friedrich Höcker über Auschwitz ist jetzt auf Deutsch erschienen

Bilder aus der Mordfabrik

Reinhard Günnewig

Lübbecke. Der Mann, der sich im Dezember 2006 brieflich an das United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) in Washington wendet und ein Fotoalbum aus seinem Besitz anbietet, nennt dafür nur eine Bedingung. Er wolle anonym bleiben. Was die Mitarbeiter wenige Wochen danach in Händen halten, macht ihnen die Zustimmung leicht - und bringt das übergebene Dokument weltweit in die Schlagzeilen. Denn mehr als 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges hatten sie eine einzigartige Sammlung bekommen: 116 Schwarz-Weiß-Fotos aus der Todesfabrik Auschwitz, allesamt aufgenommen zwischen Juni und Dezember 1944. Gefunden hatte das Album der Amerikaner, ein ehemaliger US-Nachrichtenoffizier, Mitarbeiter des Counter Intelligence Corps (CIC), nach eigenen Angaben Mitte 1945 in einem verlassenen Apartment in Frankfurt. Nach seiner Rückkehr in die Heimat bewahrte er es im Keller seines Hauses in Virginia auf. Ein paar Monate vor seinem Tod wollte der Lieutnant Colonel (Oberstleutnant) die Bilder in sichere Obhut geben und hatte deshalb das USHMM angeschrieben. Dort wurde der Wert der Fotos und ihre singuläre Bedeutung rasch erkannt: Es ist die zweite überhaupt bekannte Bildersammlung aus dem größten nationalsozialistischen KZ. Es zeigt das "Alltagsleben" der Mörder und ihrer Helfershelfer jenseits der Verbrechen - bei Geselligkeit und Entspannung, in der Freizeit und bei Ausflügen, beim Sonnenbad im Liegestuhl und in fröhlich-lachender Runde. Fast zehn Jahre nach der Übergabe an das USHMM ist das vollständige Album ("Auschwitz durch die Linse der SS") jetzt erstmals in einer von internationalen Autoren wissenschaftlich aufbereiteten und kommentierten Ausgabe auf Deutsch erschienen. Bald nach der Überprüfung identifizieren die USHMM-Fachleute auch den (letzten) Eigentümer der 116 Aufnahmen, die mutmaßlich von (unbekannt gebliebenen) Profi- und Amateurfotografen gemacht worden sind. Sein Name: Karl-Friedrich Höcker, seit Mai 1944 Adjutant des letzten Kommandanten in Auschwitz, Richard Baer. Denn auf den meisten, maximal etwa postkartengroßen Fotos, ist Höcker selbst zu sehen. Eine Reihe der Bilder hat der SS-Mann, der in Engershausen (heute Preußisch Oldendorf, Kreis Minden-Lübbecke) zur Welt kam, in Lübbecke gewohnt und gearbeitet hat und hier gestorben ist, selbst beschriftet. "Mein Schäferhund Favorit" heißt es etwa unter einer Fotoreihe, auf der Höcker lachend mit seinem geliebten Vierbeiner zu sehen ist. Spezialisten untersuchten Bilder In aufwendiger Kleinarbeit und mit Hilfe vieler Spezialisten konnten in Washington auch die zahlreichen NS-Größen namentlich bestimmt werden, in deren Kreis auf vielen Fotos zu erkennen ist. Etwa Josef Mengele, der als Lagerarzt in Auschwitz Selektionen vornahm, die Vergasungen der Opfer überwachte und medizinische Experimente mit Häftlingen durchführte. Oder Anton Thumann, Schutzhaftlagerführer in Majdanek, ebenso Franz Hößler, Schutzhaftlagerführer in Auschwitz-Birkenau. Dutzende SS-Männer, und damit einen großen Teil des verantwortlichen Lagerpersonals in Auschwitz, versammelt eine Aufnahme, die zum Abschied von Kommandant Rudolf Höß, vermutlich am 15. Juli 1944, vor einem Erholungsheim ("Solahütte") in der Nähe von Auschwitz entstand. Sie zeigt neben Karl Höcker, Josef Mengele, Josef Kramer, Otto Moll, Leiter der Krematorien in Birkenau, viele SS-Unterführer und Helfer, die maßgeblich an der Ermordung von mehr als 320.000 Juden aus Ungarn mitgewirkt haben. Die Männer lauschen sichtlich vergnügt einem Ziehharmonikaspieler zur Verabschiedung von Rudolf Höß. Das Foto, so die Herausgeber des Höcker-Albums, "ist die einzig bekannte Gruppenaufnahme der über 70 Hauptbeteiligten" an dem Massenmord im Rahmen der sogenannten "Ungarn-Aktion" mit bis zu 10.000 Opfern täglich. Eine weitere Bedeutung des Höcker-Albums über Erkenntnisse des Personalsystems der SS hinaus, liegt nach Meinung der Fachleute in der "einzigartigen Perspektive auf diejenigen, die den Lagerbetrieb organisierten", schreibt Sara J. Bloomfield, Leiterin des United States Holocaust Memorial Museum. Denn während die Tötungsmaschine auf Hochtouren läuft, vergnügen sich die SS-Schergen und ihre Helferinnen in der Freizeit und am Wochenende. "Es erstaunt, wie augenscheinlich mühelos sie berufliche und private Belange in Einklang bringen", kommentiert Bloomfield die Aufnahmen. Keine Häftlinge zu erkennen "Für Höcker und seine Kameraden und Kameradinnen verschwand die für jeden fühlenden und denkenden Menschen widerwärtige Wirklichkeit von Auschwitz", so das Herausgeber-Team Busch, Hördler und van Pelt. So sind auf keiner Aufnahme KZ-Häftlinge zu erkennen. "Ganz bewusst hielt Höcker nur Erinnerungen an Dinge fest, die er in Auschwitz genossen hat", urteilen Judith Cohen und Rebecca Erbelding, Mitarbeiterinnen des USHMM. Dafür steht eine Fotoserie von der Solahütte. Da sitzen auf dem Terrassengeländer des Ferienheimes zwölf junge SS-Helferinnen, etwa 20 Jahre alt, und löffeln genießerisch und mit lachendem Blick in die Kamera Blaubeeren aus einem Schälchen. In ihrer Mitte, wie ein Hahn im Korb, ein gutaussehender Mann - Adjutant Karl-Friedrich Höcker. Unterhalten wird die Gruppe von einem Akkordeonspieler, während "gleichzeitig in Auschwitz Männer, Frauen und Kinder an Hunger, Krankheit und durch Gewalt der SS sterben", wie die Herausgeber in dem Bildtext erinnern. Oder drei Fotos zur "Julfeier 1944", so der handschriftliche Vermerk, auf denen Höcker beim Anzünden von Kerzen an einem Weihnachtsbaum zu sehen ist. Das Bild entstand am 16. oder 23. Dezember jenes Jahres. Mit dem "Julfest", das in der Regel zur Wintersonnenwende gefeiert wurde, sollte nach dem Willen der Nationalsozialisten das Weihnachtsfest abgelöst werden. Auch viele andere Motive rücken die "private" Seite und die persönlichen Interessen und Neigungen des später mehrfach verurteilten Adjutanten und der Männer der SS-Trupps in den Mittelpunkt: Höcker zufrieden schauend mit einem Glas Wein, bei einer abendlichen Gesellschaft zum Ende einer Jagd, beim Umtrunk im Anschluss an die Einweihung eines SS-Lazaretts in Auschwitz, bei Schießübungen oder im Liegestuhl auf der Terrasse der SS-Ferienhütte. Ganz im Sinne von SS-Oberscharführer Kurt Knittel in Auschwitz, der noch im letzten Kriegsjahr seine Aufgabe darin sah, "nach allen Richtungen durch eine vorbildliche Freizeitgestaltung den Männern nach beendigtem schwerem Dienst [!] Entspannung zu bringen". Die 116 Aufnahmen geben Einblick in eine als verstörend empfundene Parallelwelt, die wohl den Mördern die nötige "psychische Stabilität" (Sybille Steinbacher) verschaffen sollte für ihre unvorstellbaren Verbrechen. Das Höcker-Album, hoffen Cohen und Erbelding, lasse, auch wenn es allein das sorglose Leben der Täter zeige, "im Verborgenen die Gegenwart der Opfer ahnen." Aber es bleibe die Frage, wie diese beiden Welten nebeneinander existieren konnten. Sie ist unbeantwortet.

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