Bürokratischer Wahnsinn: Während seiner Zeit in Deutschland haben sich bei Humam Aljrf schon etliche Formulare und Briefe von Behörden angesammelt. Die muss er jedes Mal mitnehmen, wenn es um seinen Status geht. Bei dem Nachzug seiner Frau und Tochter hatte er bis jetzt keinen Erfolg. - © Angelina Kuhlmann
Bürokratischer Wahnsinn: Während seiner Zeit in Deutschland haben sich bei Humam Aljrf schon etliche Formulare und Briefe von Behörden angesammelt. Die muss er jedes Mal mitnehmen, wenn es um seinen Status geht. Bei dem Nachzug seiner Frau und Tochter hatte er bis jetzt keinen Erfolg. | © Angelina Kuhlmann

Lübbecke Humam (46) aus Syrien sehnt sich nach seiner Familie

Schwerpunktthema Flüchtlinge (3): Der Familiennachzug bleibt für viele weiter ausgesetzt. Das betrifft auch Geflüchtete, die in Lübbecke wohnen. Humam Aljrf ist einer davon

Angelina Kuhlmann

Lübbecke. „Ohne die Frauen läuft das hier bei uns zu Hause nicht so", sagt Humam Aljrf entschuldigend und lacht. Er hält die Tür zu seiner Wohnung in Lübbecke einladend auf. Nachdem er mit seinem Sohn Surin (17) schon zweimal umziehen musste, haben sie jetzt in einem Wohnblock eine dauerhafte Bleibe gefunden. Jedoch ohne Surins Zwillingsschwester Laila und Mutter Majdolin (45). Als der Krieg kam In ihrer Heimatstadt Damaskus in Syrien lief 2015 vieles aus dem Ruder. Einige Jahre zuvor konnte die vierköpfige Familie noch ein ganz normales Leben führen. Humam und Majdolin arbeiteten im Gesundheitsministerium, besaßen ein eigenes Haus und ihre Kinder gingen zur Schule. Von glücklicheren Zeiten erzählen die Bilder, die Humam auf seinem Smartphone gespeichert hat: Die Familie in einem Restaurant, Surin draußen im seltenen Schnee und die Großfamilie mit Tanten, Onkeln und Großeltern bei einer Geburtstagsfeier. „Da stand das alles noch", sagt der 46-jährige Familienvater mit Blick auf ein Restaurantbild. Er sitzt auf einem braunen Sofa im Wohnzimmer und wischt mit einem Finger über sein Smartphone. Auf dem Couchtisch steht eine selbst gebastelte Vase aus einer Plastikflasche, Surin sitzt ihm gegenüber. Einblicke in die Hauptstadt im Jahr 2010: Flucht vor der Armee Ihr Haus wurde vor fünf Jahren in Damaskus zerstört. Der Bürgerkrieg, der sich nach dem Arabischen Frühling 2011 entwickelt hatte, hatte auch die Hauptstadt Syriens erreicht. „Danach haben wir bei meinen Eltern oder bei denen meiner Frau gewohnt," erzählt Humam. Ein Jahr später seien sehr viele Menschen in Damaskus getötet worden. „Es wurden dann Leute gesucht, die gesund sind. Die sollten zur Armee gehen. Ich war da 43 und eigentlich zu alt. Aber ich war gesund. Also musste ich zu den Waffen." Auch sein Sohn sollte eingezogen werden: „In Syrien ist es kein Problem, mit 14 oder 16 Jahren in die Armee zu gehen. Mein Sohn konnte also Waffen holen und so. Ich hatte Angst davor. Dann habe ich mir gesagt: Ich muss von hier weggehen", erinnert er sich. Mutter und Tochter bleiben Ein bisschen Geld konnte er für die Flucht mit seinem Sohn aufbringen. Für die ganze Familie reichte es jedoch nicht. Majdolin hatte Angst vor dem gefährlichen Weg und der Flucht ins Ungewisse. Von Bekannten und aus dem Internet wussten sie aber, dass es in vielen europäischen Ländern die Möglichkeit gab, die engsten Familienangehörigen nachzuholen. Mit dieser Hoffnung machten sich Vater und Sohn auf in Richtung Europa. Majdolin und Laila blieben in Damaskus. Humam wird seitdem gesucht. Da er sich dem Armeedienst verweigerte, drohen ihm bei seiner Rückkehr drei Jahre Gefängnis. Kein Familiennachzug „Auf meine Frau und meine Tochter warten wir immer noch", sagt Humam ernst. Der Familiennachzug war für subsidiär Schutzberechtigte, deren Aufenthalt erst nach dem 17. März 2016 erlaubt wurde, zunächst bis Mitte März 2018 ausgesetzt worden. Jetzt wurde der Termin noch einmal nach hinten verschoben. Erst Ende Juli soll es wieder möglich sein. Tritt das ein, was jetzt im Koalitionsvertrag verankert wurde, dann dürfen ab diesem Zeitpunkt nur noch 1.000 Angehörige im Monat kommen. Surin hat mittlerweile Angst, dass das für seine Mutter und Schwester nicht mehr ausreichen wird. „Noch leben sie, aber keiner weiß, was passiert", sagt der 17-jährige. „1.000 im Monat ist auch nicht sicher. Das sind keine 100 Prozent", sagt Humam. Erschwerend komme hinzu, dass die Zwillinge im Januar 2019 volljährig werden. Für Laila werde es dann noch schwieriger, nach Deutschland zu kommen. Für seinen Vater ist all das nur schwer zu verstehen: „Ich war hier in der Schule, habe Deutsch gelernt und habe eine Arbeit. Alles ist gut. Nur meine Familie darf nicht kommen." In Syrien flüchten sich seine Frau und Tochter zurzeit von Ort zu Ort. Sie bleiben nie länger „als 10 Tage, wechseln die ganze Zeit". Weil ihm eine Strafe droht, seien auch die beiden in Gefahr. Die Regierung versuche in solchen Fällen, Angehörige zu bedrängen und zu erpressen. Als Sunniten, eine Glaubensrichtung des Islams, seien sie auch nicht überall willkommen. Humam: „Es wäre hier sicherer für sie. Wenn sie kommen würden, hätten wir keinen Stress und keinen Druck mehr." Doch wann das sein wird, kann niemand so genau sagen. Wenig Hoffnung Bernd Porps, Ehrenamtlicher beim Runden Tisch für Flüchtlingshilfe, kennt die Situation der Familie Aljrf. „Wir haben in Lübbecke zwei weitere Väter mit jungen Söhnen, die dasselbe Problem haben", sagt er. Diejenigen, die den Status „subsidiärer Schutz" haben, müssten auf ihre nahen Angehörigen warten. Dabei würde es den Flüchtlingen hier in Deutschland helfen, wenn die hier wären: „Die Leute, die ich kennenlerne, versuchen den Kontakt zu halten. Sie wären deutlich stabiler, glücklicher und leistungsfähiger, wüssten sie zum Beispiel ihre Kinder in Sicherheit", so Porps. Die Geflüchteten kämen hier nicht zur Ruhe, stünden permanent unter Stress, da vieles in der Zukunft nicht sicher ist. „Surin war die ersten anderthalb Jahre nicht in der Lage, Deutsch zu lernen und sich zurechtzufinden. Er war sehr verschlossen. Ich glaube, er war sehr traurig. Erst als er hier einen guten Freund gefunden hatte, ging es ihm besser", sagt der Ehrenamtliche. Die Zusammenführung der Familie würde das noch unterstützen. "Ein Familiendrama" Das Problem mit der Familienzusammenführung führe verständlicherweise jedes Mal zu einem Familiendrama, sagt auch Angel San Roman Fiol von der mobilen Flüchtlingsberatung des Espelkamper Hexenhauses. Einzig weiterhelfen könnten da Belege für einen Härtefall. „Ich hatte einmal einen Fall mit einer Familie und einer schwerkranken Tochter, die wir dann nach Deutschland holen konnten", sagt er. Eine Ausnahme. Im Fall von Laila Aljrf komme, wie ihr Vater berichtet hat, die baldige Volljährigkeit nach deutschem Recht dazu. Fiol: „Der Nachzug ist nur für die Kernfamilie." Als Ansprechpartner empfiehlt er, auch für Angehörige, die sich noch im Heimatland oder auf der Flucht befinden, die Internationale Organisation für Migration (IOM). In über 100 Ländern bietet sie Beratung und Hilfe für Flüchtende an. Speziell für Lübbecke verweist Bernd Porps auf das Café International. Immer mittwochs von 14 bis 18 Uhr finde eine offene Beratung statt. Unter anderem auch mit Angel San Roman Fiol, der Anwalt ist. Von 19 bis 22 Uhr könnten sich danach Betroffene austauschen und Kontakte knüpfen.

realisiert durch evolver group