Schilder - © Thomas Löhrig
Schilder | © Thomas Löhrig

Lübbecker Land Platt kommt wieder zur Sprache

Neu: Städte und Gemeinden im Kreis Minden-Lübbecke können nun Ortsschilder um mundartliche Namen ergänzen. Initiativen gehen häufig von Heimatvereinen aus

Sebastian Radermacher
Kirsten Tirre

Sandra Spieker-Beutler

Lübbecker Land. Städte und Gemeinden in NRW dürfen in Zukunft auf Ortsschildern ihren plattdeutschen Namen ergänzen. Das haben CDU und FDP im Landtag beschlossen. Lange war dies abgelehnt worden mit dem Argument, dass solche Schilder für Autofahrer schwerer zu lesen seien. Rund acht Millionen Menschen in Deutschland beherrschen laut CDU/FDP die niederdeutsche Sprache. Vermehrt bestehe vor Ort der Wunsch, diese kulturelle Vielfalt auch auf Ortseingangstafeln zu dokumentieren, hieß es in dem Antrag. Kurz vor Weihnachten war der Herzenswunsch vieler Heimatliebhaber wahr geworden: Das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung hat einen Erlass an die Bezirksregierungen verschickt, der Zusatzbezeichnungen - etwa in Plattdeutsch - auf Ortsschildern zulässt. Jetzt können die Räte der Gemeinden und Städte in NRW die Ergänzungen mit Dreiviertelmehrheit beschließen, die dann noch vom Ministerium geprüft werden müssen, erklärt ein Sprecher des Ministeriums. Voraussetzungen für die Genehmigung seien außerdem die korrekte Übersetzung und die richtige Schreibweise der Namen auf den Ortsschildern. »Häufig geht die Initiative von Heimatvereinen aus« Hinsichtlich der Eingangsschilder von Ortsteilen oder Stadtbezirken können Räte im Rahmen des Ortsrechts selbst entscheiden, ob Sie Zusatzbezeichnungen auf Ortsschildern umsetzen wollen. Häufig gehe die Initiative für solche Vorhaben von Heimatvereinen aus, so der Ministeriumssprecher. Da die kommunalen Gremien die Umsetzung befürworten müssten, lägen aktuell noch keine Anträge ans Ministerium vor. "Wir rechnen aber in Kürze damit", heißt es. Margrit Graefen (68) und Helmut Altvater (79) vom Verein zur Förderung der plattdeutschen Sprache im Mühlenkreis denken gerne an ihre Kindheit zurück, als zu Hause noch Platt gesprochen wurde. So war es auf den Dörfern zumeist üblich. Plattdeutsch war dabei keine einheitliche Sprache im Kreis. Es bildeten sich zahlreiche Mundarten heraus. Altvater und Graefen schätzen, dass es 20 bis 25 im Mühlenkreis gibt. Die Mundarten ähnelten sich, seien aber zumeist an bestimmten dominierenden Lauten zu unterscheiden. Doch wenn man sich etwas anstrenge, könne man alles verstehen. Beide bedauern sehr, dass die niederdeutsche Sprache auch im Kreisgebiet vom Aussterben bedroht ist. Besonders in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts nahm das Interesse an Platt stetig ab. Amtssprache war Hochdeutsch. Sie galt als vornehm, Plattdeutsch hingegen als Sprache der einfachen Leute und Bauern. Es wurde nicht als Sprache an die Kinder weitergegeben und in den Schulen wurde es erst recht nicht gesprochen. "Man muss sagen, dass mit der Zeit eine gesamte Generation weggebrochen ist", fasst Margrit Graefen die Entwicklung zusammen. Viele Menschen verstünden zwar noch Platt, hätten aber keinen aktiven Wortschatz mehr. Der Verein hat seit seiner Gründung im Jahr 2008 bereits 50 Mitstreiter gefunden, die sich dafür stark machen, dass die niederdeutsche Sprache nicht komplett von der Bildfläche verschwindet. Es gebe Bücherkisten, die von Kindergärten und Schul-AGs ausgeliehen werden könnten. Die möglichen Ortsschilder seien schon ein Thema, das polarisiert, sagt Graefen. Allein schon, weil es viele unterschiedliche Schreibweisen gebe. Sie will das Thema erst im Verein diskutieren, bevor man einen Vorstoß wagt. "Da brauchen wir noch Bedenkzeit." Auch andernorts im Lübbecker Land gibt es Initiativen zum Erhalt der plattdeutschen Sprache: plattdeutsche Gottesdienste, Vorlesewettbewerbe oder auch Theaterstücke auf Platt wie in Lashorst oder auf der Freilichtbühne Kahle Wart in Oberbauerschaft. Nach Auskunft von Andreas Püfke, Pressesprecher der Stadt Lübbecke, liegt der Lübbecker Verwaltung noch kein Antrag auf Namenszusätze für Lübbecke vor. Lübbecke würde auf Platt "Lübbcke" heißen oder auch "Lübke", sagt Stadtarchivarin Christel Droste. Dass verschiedene Schreibweisen denkbar wären, liege daran, dass es ja im Plattdeutschen keine festgelegte Schriftsprache gebe. "Es ist gelebte Sprache."Dass auch in Stemwede die plattdeutsche Sprache hochgehalten wird, beweist der Name des Nahversorgers in Haldem. Der heißt "Hahme-Markt". "Haldem heißt auf Platt Hahme", erklärt Stemwedes Bürgermeister Kai Abruszat den Ursprung. Er findet es gut, dass die Landesregierung den Kommunen die Möglichkeit gibt, auf die Besonderheit der niederdeutschen Sprache in den Regionen hinzuweisen. Grundsätzlich halte er einen Namenszusatz auch in Stemwede für möglich. Abruszat: "Wir empfinden uns als Standort, der im Lübbecker Land in besonderer Weise High Tech und Heimat miteinander verbindet." Wenn es aus der Mitte der Gemeindeorte und Ortsheimatpfleger eine Initiative gebe, sei er offen dafür. Denn im ländlichen Raum spiele Platt immer noch eine große Rolle. Er selbst spreche es nicht fließend, könne es aber gut verstehen. »Bestandteil unserer Geschichte und Heimat« Auch Kai Abruszat kennt die niederdeutsche Sprache von Kindesbeinen an. Er ist in einem Haushalt mit mehreren Generationen aufgewachsen. "Wenn meine Großmutter auf Platt geschimpft hat, konnte man das nicht übel nehmen. Das klang immer so charmant." Es gebe eine Art Renaissance für die Mundart, die in den Dörfern unterschiedliche Nuancen habe. "Plattdeutsch ist Bestandteil unserer Geschichte und Heimat. Ob das dann auf Ortsschildern oder in anderer Form zum Tragen kommt, könne im Einzelfall diskutiert werden. Ewald Harre ist Vorsitzender des Heimatvereins Isenstedt und gleichzeitig Ortsheimatpfleger. Er ist von der Idee begeistert und hat das Thema plattdeutsche Ortsschilder auf die Tagesordnung im Heimatverein gesetzt. Dazu will er es auch an die Dorfgemeinschaft herantragen. "Auf Plattdeutsch heißt Isenstedt Isenstiee. Das bedeutet "Eisenstätte", sagt er. Auf die unterschiedlichen Mundarten des Plattdeutschen im Mühlenkreis hat auch schon das Buch "Dat graute Geschenk" des Arbeitskreises "Plattdütsk in de Kerken" um Pastor Wilhelm Dullweber 2015 aufmerksam gemacht. Aktuell hat auch der Verein zur Förderung der plattdeutschen Sprache im Kreis Minden-Lübbecke ein Jahrbuch "Platt in usen Müählnkreis Minden-Lübbecke" herausgebracht. Margret Graefen, die Vereinsvorsitzende, wohnt in Petershagen, Tel. (05707) 958 26. Weitere Infos gibt es online unter www.platt-ev.de

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