Im Krankenhaus Lübbecke: Zwischen den Einsätzen werden Protokolle geschrieben - und Berliner gegessen. - © Sandra Knauthe
Im Krankenhaus Lübbecke: Zwischen den Einsätzen werden Protokolle geschrieben - und Berliner gegessen. | © Sandra Knauthe

Lübbecker Land Eine Silvester-Schicht mit dem Rettungsdienst

Silvester zwischen Notarzteinsatz und persönlicher Tragödie. Erst zum Schichtwechsel am Morgen kann die Rakete gezündet werden

Sandra Knauthe

Lübbecker Land. Wehe, wenn sie losgelassen: Silvester ist ein Tag im Jahr, wo viele Menschen ihre Schranken fallen lassen und sich bei Partys die Kante geben. Des einen Freud ist oftmals des anderen Leid. Damit sind vor allem diejenigen gemeint, die an solchen Tagen Not- und Wachdienste schieben müssen. NW-Mitarbeiterin Sandra Knauthe wollte wissen, wie eine solche Nacht bei ihnen aussieht. Sie hat sie eine Schicht lang begleitet und erlebt, wie Silvester zwischen Notarzteinsatz und persönlichen Tragödien aussieht. Während andere ausgelassen ins neue Jahr feiern, stehen sie rufbereit auf der Wache an der Osnabrücker Straße, um den Menschen zu helfen, deren Party entweder aus dem Ruder gelaufen ist oder die anderweitig medizinische Hilfe benötigen. Die Teams der Rettungsassistenten und Notfallsanitäter arbeiten im 24-Stunden-Schicht-System. Die Schicht an diesem letzten Tag im Jahr 2017 beginnt für Kai Dammeyer und seine Kollegen um 8 Uhr morgens. Die in der Fahrzeughalle stehenden Rettungswagen und ein Notarzteinsatzfahrzeug werden noch einmal überprüft, ob alles für den Notfall, egal welcher Art, vorhanden ist. Und dann heißt es warten. Warten, dass jemand den Notruf wählt und die Leitstelle Minden-Lübbecke die jeweiligen Rettungswagenbesatzungen alarmiert. Das erfolgt sowohl über Pager, als auch über einen unüberhörbaren Gong im Gebäude der Feuer- und Rettungswache. Es ist nie absehbar, wann eine Alarmierung erfolgt. Der Vormittag verläuft in der Tat sehr ruhig, einige Krankentransporte sind zu absolvieren. Doch schließlich klingeln Pieper und Gong, und das Fax der Leitstelle informiert über den Einsatz. Kurzzeitige Bewusstlosigkeit bei einem Patienten in einem Altenheim. Schon die Anfahrt ist eine Herausforderung, es geht bis nach Rahden. Vor Ort Unsicherheit. Kein Mitarbeiter des Heimes erwartet die Retter. Eine aufwendige Suche beginnt, bis man das richtige Haus mit dem Patienten gefunden hat. Der alte Mann ist dehydriert und wird zur weiteren Behandlung ins Krankenhaus nach Lübbecke verbracht. Bei lebensbedrohlichen Indikationen wird immer zusätzlich ein Notarzt alarmiert, den das Notarzteinsatzfahrzeug, kurz NEF, direkt vom Krankenhaus abholt. An diesem Tag hat Kerstin Köster Dienst. Später am Abend ist sie wieder gefordert. NEF-Fahrer Kai Dammeyer holt sie direkt vom Krankenhaus ab und rast mit über 140 Stundenkilometer über die Landstraßen durch die Dunkelheit, Blaulicht und Martinshorn inklusive. Ein Mann ist gestürzt und seither bewusstlos. Vor Ort angekommen, sind die Notfallsanitäter aus Haldem bereits mit der Reanimation des 72-Jährigen beschäftigt. Rettungsassistent Kai Dammeyer löst ab und Kerstin Köster lässt sich über das Geschehene informieren. Die Ehefrau des Verunglückten sieht fassungslos zu und erzählt immer wieder, sie habe doch grade noch mit ihrem Mann ein Bier getrunken, und dann sei er einfach umgefallen. Sie seien doch schon seit 50 Jahren verheiratet. Die anwesenden Retter geben alles Die anwesenden Retter geben alles, doch nach einer halben Stunde erfolgloser Reanimation müssen sie feststellen: Der Mann ist nicht mehr zu retten, er ist tot. Das bringt die Notärztin nun behutsam der Ehefrau bei. Nun heißt es wieder warten, auf die Kinder der alten Dame und die Polizei, die bei solchen Todesfällen immer benachrichtigt werden muss. Dann können die Einsatzkräfte wieder abrücken. Auf der Rückfahrt herrscht Stille im Auto. Um kurz vor 24 Uhr treffen alle am Krankenhaus Lübbecke ein. Es ist kurz Zeit, mit den Kollegen aus dem Krankenhaus das neue Jahr zu begrüßen und das Feuerwerk über Lübbecke, Espelkamp und das Umland von oben zu bewundern. Doch schon folgt der nächste Einsatz. Der Betreffende möchte nicht ins Krankenhaus Eine Partygesellschaft hat angerufen, weil eine der Feiernden einen Krampfanfall bekommen habe. Vor Ort besorgte Gesichter, die Betreffende selbst möchte gar nicht mit ins Krankenhaus, lässt sich dann aber doch von der Ärztin überzeugen. Noch im RTW wird ihr Blut abgenommen zur genaueren Diagnose. Auch der nächste Notruf führt die Einsatzkräfte zu einer Party. Dort hat jemand einen Böller ins Auge bekommen und klagt nun über Schmerzen und eingeschränktes Sehvermögen. Carsten Langeleh, Notfallsanitäter auf dem RTW 2, spült das Auge und untersucht es. Man könne zwar heute Nacht noch in die Augenklinik nach Bielefeld fahren, doch das lehnt der Patient ab. Also kühlen und abwarten. Letzter Einsatz der Nacht ist eine völlig betrunkene 17-Jährige, die nach "Genuss" einer fast vollen Flasche Wodka und diverser Medikamente sich exzessiv in der Küche ihrer Freunde erbricht. Nach Absprache mit den Erziehungsberechtigten, die nur am Telefon erreichbar sind, wird die Jugendliche ins JWK Minden und ins dortige Elki gebracht. Der Rest der Nacht ist ruhig, die befürchteten Feuerwerk- oder Alkohol-Opfer bleiben aus, und so können die Einsatzkräfte bis zum Morgen schlafen. Dann lassen sie zum Schichtwechsel eine Rakete vor der Wache in den Himmel steigen. Frohes, neues Jahr, Lübbecke.

realisiert durch evolver group