Hüllhorst Hilfe für Mutter und Kind: Das "Babykörbchen" in Hüllhorst gibt es seit 15 Jahren

Rund um die Uhr stehen Helfer bereit, um Neugeborene sofort zu versorgen

Ingrun Waschneck

Hüllhorst. Neun Mütter nutzten bisher die Chance, ihr neugeborenes Baby in der Stubenwagen des "Babykörbchens" zu legen. Acht Säuglinge wurden von Familien adoptiert, eine Mutter hat ihr Kind zu sich zurückgeholt. "Die Frauen, die sich dazu entscheiden, ihr Kind zu uns zu bringen, sind verzweifelt und leben oft in schwierigen sozialen Verhältnissen", weiß Annette Tietze. Die Frauen hoffen, dass ihre Kinder ein gutes Leben haben werden - ein Leben, das sie ihnen vielleicht nicht bieten könnten. Tietzes Haus steht in Alleinlage an der Hauptstraße 128 im Hüllhorster Ortsteil Ahlsen. Eine hohe Hecke verhindert Blicke von der Straße auf den Eingang, in dem der Stubenwagen steht. "Wird ein Baby in den Wagen gelegt, sorgt eine Lichtschranke dafür, dass zwei Minuten später die Haustür verriegelt wird", erklärt die Erzieherin. Im Anschluss werden das Telefon im Haus sowie weitere Handys angewählt. "Mit der Weiterleitung zu mehreren Anschlüssen wollen wir sicherstellen, dass sofort jemand da ist und sich um das Kind kümmert", erklärt Annette Tietze. Wer den Anruf als erstes annimmt, organisiert alles Weitere. Die Neugeborenen - "man kann davon ausgehen, dass es sich um Hausgeburten handelt" - seien in Handtücher gewickelt, manchmal auch angezogen. "Wir schauen als erstes, ob alles in Ordnung ist und fahren dann direkt in eines der umliegenden Krankenhäuser zur Untersuchung", so Tietze. Die Säuglinge blieben zwei oder drei Tage zur Beobachtung da. Zeitgleich wird über das Jugendamt eine Pflegefamilie informiert, die bereits in der Klinik den ersten Kontakt zum Baby aufnimmt. "Diese Besuchsfamilien haben auch immer eigene Kinder und wissen, wie man mit einem Neugeborenen umgeht", sagt die 60-Jährige. Und - was ganz wichtig sei - "sie können auch loslassen, wenn das Kind zurück zur Mutter oder nach acht Wochen in eine Adoptivpflegefamilie kommt." Die acht Wochen sind aber auch als Bedenkzeit für die Mutter gedacht. So lange hat sie Zeit zu überlegen, ob es für sie und ihr Kind nicht doch eine gemeinsame Lösung gibt. Unterstützung erhält sie dabei vom Kreisjugendamt im Minden. "Von den neun Babys, die bei uns abgegeben wurden, hat sich eine Mutter dazu entschieden, ihr Kind zurückzunehmen", sagt Annette Tietze. "Das ist ein besonderes Erfolgserlebnis, wenn ein Kind mit nach Hause geht", sagt Tietze und die Freude darüber steht ihr ins Gesicht geschrieben. Und es ist auch eines von drei Zielen. "Das erste und wichtigste ist, dem Kind zu helfen, das zweite, dass die Mutter ihr Kind annimmt und das dritte, dass das Kind adoptiert wird", erklärt Tietze. Seit 15 Jahren gibt es das "Babykörbchen" in Hüllhorst-Ahlsen und "neun abgegebene Kinder sind eigentlich viel, auch das Kreisjugendamt wundert sich über diese Zahl", sagt Tietze. In Minden und in Herford seien in einem ähnlichen Zeitraum jeweils zwei Kinder abgegeben worden. Ein Grund könnte die Alleinlage an der Straße sein, vermutet sie. Meist werden die Kinder nachts in den Stubenwagen gelegt, nur einmal hat eine Mutter ihr Kind tagsüber gebracht. Wenn eine Mutter keine andere Lösung weiß, als ihr Neugeborenes anonym abzugeben, sei das "Babykörbchen" für beide eine gute Lösung. Mit drei Müttern hat Annette Tietze persönlich sprechen können. "Ich hab? das verstanden, wenn sie sagen ,Ich schaff? das nicht?." "Wir wollen den Müttern signalisieren, dass sie ihrem Kind etwas Gutes tun, wenn sie es in den Stubenwagen legen", so Tietze. Aber auch vorher könnten sie sich jederzeit melden, per Telefon oder per E-Mail. "Im Vorwege lassen sich viele Fragen klären." Im Stubenwagen liegt auch ein Brief an die Mutter. In sechs Sprachen steht dort, dass sie sich nicht strafbar mache und dass sie acht Wochen Zeit hat, sich zu melden, wenn sie ihr Kind doch behalten möchte.

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