Hier lebt er noch: Naturfotograf Frank Marske hat festgehalten, wie einem der Storchenjungen das Genick gebrochen wurde. Kurz darauf tötete der Adebar noch ein weiteres Küken. - © Foto: Frank Marske
Hier lebt er noch: Naturfotograf Frank Marske hat festgehalten, wie einem der Storchenjungen das Genick gebrochen wurde. Kurz darauf tötete der Adebar noch ein weiteres Küken. | © Foto: Frank Marske

Hüllhorst Storch aus Tengern tötet Junge

Futternotstand: Im Storchennest in Tengern brach der Vater zweien seiner Jungtiere das Genick und verfütterte sie an die übrigen drei Küken. Welche Einflüsse zum Überleben der Tiere beitragen und was wir Menschen tun können

Jemima Wittig

Hüllhorst-Tengern. Sie waren gerade wenige Wochen alt, da wurde ihr Leben abrupt beendet. Von ihrem eigenen Vater. Zu Pfingsten brach der Storchenvater in dem Nest in Tengern zweien seiner fünf Jungen das Genick und verschlang sie - und hatte damit wieder Futter für die übrigen Jungtiere. "Der Storch stand erst ruhig da und hat sich geputzt. Dann nahm er den Kopf eines der Küken in den Schnabel und schleuderte es wild herum, um es zu töten", sagt Hans-Ulrich Watermann. Der Naturfotograf Frank Marske hatte den Vorgang beobachtet und ihn informiert. Am frühen Abend verfolgten Watermann und seine Frau dann selbst, wie der Storch sein Junges nach vielen Versuchen mit dem Kopf voran komplett verschluckte. "Er musste es ja mit dem Schnabel zuerst runter schlucken, damit sich die Federn nicht aufstellten." Dann habe der Vogel bereits verdautes Futter für seine übrigen vier Jungen ins Nest gespuckt. "Als sich die Jungvögel darauf gestürzt haben, hat er sich noch einen von ihnen gepackt und auch ihm das Genick gebrochen." Von klein auf für die Adebare interessiert Der Horst in Tengern steht in einem Getreidefeld von Watermann. Von klein auf interessierte sich Watermann, der auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, für die Adebare. "Ich bin mit meinem Vater im Trecker auf die Felder gefahren und die Störche standen nur drei Meter von uns entfernt. Das fand ich spannend", erinnert er sich. Deswegen trat er dem Mindener Aktionskomitee Rettet die Weißstörche bei und errichtete 2009 den Horst. Erst 2012 zog der erste Storch ein. Seitdem nisten aber jedes Jahr Störche dort. "Wenigstens ein Jungstorch verließ jedes Jahr gesund das Nest", sagt der Storchenfreund. Im vergangenen Jahr waren es dann sogar drei. Auch jetzt sitzen drei "fidele Jungstörche im sauberen Nest", so Watermann. Er wagte vergangene Woche einen Blick ins Nest. "Nur einer von ihnen wurde beringt, da die Vogelwarte Helgoland nur sehr begrenzt Ringe zur Verfügung stellt", sagt er. Im Nest fanden sie sogar noch ein Ei, das aber nicht befruchtet und ausgebrütet wurde. Sechs Jungstörche hätten also im August das Nest verlassen können. Nicht genug Nahrung für alle da Doch schon für die fünf ausgebrüteten Jungen war offensichtlich nicht genug Nahrung da. Die lange Trockenheit wirkt sich auch auf die Tiere aus. Sie finden zu wenig Futter. Damit wenigstens einige der Jungvögel überleben, ist das Töten und Verschlingen der Jungen eine Überlebensstrategie. "Die Nahrung ist zu kostbar, um sie ungenutzt aus dem Nest zu werfen", sagt Watermann. "Das Verhalten ist nicht ungewöhnlich", weiß er. "Man spricht vom Kronismus, nach dem griechischen Gott Kronos, der seine eigenen Kinder verschlang." Zur Zeit sei der Horst in Tengern der einzige im Kreis Minden-Lübbecke südlich des Wiehen mit Bruterfolg. Nördlich des Kanals gäbe es mehr Wiesen und damit mehr Futter. "In den Monokulturen hier finden sie keine Nahrung." Doch nicht nur das Futterproblem schade aber auf der Südseite des Kanals dem Bruterfolg. In dem Horst am Weserbogen beispielsweise niste seit zwei Jahren kein Storch. "Die frei laufenden Hunde dort verhindern, dass sich die Tiere dort niederlassen." Auch der Segelflugplatz könne die Tiere stören. Watermann appelliert deswegen an potenzielle Nachahmer, keine weiteren Horste in der Nähe aufzustellen. "Es kommen immer mehr Störche. Aber je mehr es sind, desto schwieriger bekommen sie ihre Jungen groß."

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