Warnen vor dem Abrutschen in den „braunen Sumpf“: Extremismus-Experte Sebastian Ramnitz und Ex-Neonazi Manuel Bauer. (v. l.) - © Stephan Pfeiffer
Warnen vor dem Abrutschen in den „braunen Sumpf“: Extremismus-Experte Sebastian Ramnitz und Ex-Neonazi Manuel Bauer. (v. l.) | © Stephan Pfeiffer

Espelkamp Diskussion über den "braunen Sumpf" brachte Vieles ans Tageslicht

Zu Vortrag und Diskussion eingeladen hatte die Jugendförderung und das Jugendzentrum, deren Geschäftsführer, Stadtjugendpfleger Frank Engelhardt, nach einer kurzen Begrüßungsrede den beiden Aufklärern das Wort ließ. Anfangs war alles in Ordnung. „Ich hatte eine behütete Kindheit, komme aus einem guten Elternhaus“, so der Aussteiger, aber mit Mauerfall und Wende `89 fing alles an. Da war auf einmal alles anders. Viele Freunde zogen weg, der Vater verlor nach 35 Jahren seine Arbeit und zusammen mit Frust und Hoffnungslosigkeit ging es mit häuslicher Gewalt los. Das schlimmste aber war der fehlende Zusammenhalt, denn die DDR-Pionierorganisationen hörten bald auf zu existieren. „Dieser Kameradschaftsgeist und das Dazugehören habe ich erst wieder bei den Rechtsradikalen gefunden – und das war mir so wichtig“, erinnert sich Bauer. Und er rutscht tiefer und tiefer in den braunen Sumpf. Es ist bedrückend still, als der 37-Jährige auch einen Teil seiner Straftaten schonungslos und offen erzählt. Vom Überfall auf eine Dönerbude, Erpressung, dem brutalen Zusammentreten eines fünfjährigen indischen Mädchens oder von Prügelopfern, die aufgrund dessen heute noch arbeitsunfähig und wegen erlittener Traumata in psychologischer Behandlung sind. Erlebnisse während der Haftstrafe, beginnende Zweifel an seinem Verhalten und eine Liebesbeziehung führen den Gewalttäter schließlich über das Aussteigerprogramm „Exit Deutschland“ und diverse Therapien nach und nach raus aus seiner verdrehten Gedankenwelt. 2008 lernt er Sebastian Ramnitz kennen, der den pädagogisch-theoretischen Teil des Partnervortrages übernimmt. Der gelernte Erzieher, Extremismus- und Präventionsexperte erläutert zusammen mit Bauer krudes Menschenbild und Indoktrinationsversuche der ultrarechten Szene. Gezielt wende man Psychologie an, um Kinder und Jugendliche zusammenzuschweißen und sie von der Überlegenheit der arischen Rasse zu überzeugen. Ferienlager mit Lagerfeuerromantik und vor allem Musik spielt dabei eine große Rolle – gemeinsames Singen, gemeinsam rechten Punkrock hören verbindet. Verschwiegenheit vor all denen, die nicht „dazugehören“ wird dabei ganz groß geschrieben. Die wahnwitzige Ideologie ziehe in allen gesellschaftlichen Schichten ihre Kreise. Es gebe Gruppen für einfacher gestrickte, aber auch für intellektuelle Nazis. Gezielt suche man unter anderem auch nach rechtsaffinen Lehrern oder Anwälten, um sich stärker zu vernetzen. Bauer kann gut reden und man hängt an seinen Lippen. Er tritt auf, um vor allem junge Leute davor zu bewahren, dieser Szene beizutreten und erzählt dabei verständlich und detailreich, ehrlich und teilweise auch mit Witz. Kein Zweifel, der Aussteiger ist ein netter Kumpeltyp, mit dem man gerne ein Bier trinken mag. Der bärige, gemütlich wirkende Mann ist sympathisch. Die Sachen, die er über sich erzählt, die Brutalität, zu der er fähig war, machen allerdings fassungslos. Darf man so einen Kerl sympathisch finden? Manuel Bauer hat seine Geschichte auch aufgeschrieben. Sein Buch heißt „Unter Staatsfeinden“.

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