Meisterwerke: Der intellektuelle Rock-Poet ist mit neuen Programmen unterwegs. - © Jim Rakete
Meisterwerke: Der intellektuelle Rock-Poet ist mit neuen Programmen unterwegs. | © Jim Rakete

Espelkamp/Hannover Gespräch mit Heinz-Rudolf Kunze zum 60. Geburtstag

Kaum Erinnerungen an Espelkamp

Karsten Schulz

Espelkamp/Hannover. Nur die ersten drei Monate seines Lebens habe er im damaligen Flüchtlingslager Espelkamp verbracht. Danach seien seine Eltern nach Osnabrück gezogen "Da können Sie sich sicherlich vorstellen, dass ich kaum noch Erinnerungen an diese Stadt habe", sagt einer der bekannten Söhne der Industriestadt im Grünen: Heinz-Rudolf Kunze. Gestern feierte der Rock-Poet einen runden Geburtstag. 60 Jahre wurde er alt, ist aber immer noch kein bisschen leiser geworden. Im Gegenteil: Er steckt voller neuer Ideen, sowohl in literarischer wie in musikalischer Hinsicht. So auch sein neuestes Buch "Ich will hier nicht das letzte Wort". Es handelt sich um ein Gespräch, dass er mit einem der letzten bekannten DDR-Funktionäre, Egon Krenz, geführt hat. Ebenso ist er mit seinem neuesten Album "Meisterwerke - Verbeugungen" auf Tour. Gerne würde er sowohl aus dem Buch im Lübbecker Land vorlesen als auch mit Band, Orchester und vielleicht sogar Chor auf einer der heimischen Bühnen auftreten, betonte er im Gespräch mit der NW. Kunze: "Wenn ich gefragt werde und entsprechend nachgefragt bin, dann mache ich das auch möglich". Er erinnert sich zwar nicht mehr so sehr an die Stadt, allerdings an einen Auftritt, den er vor vielen Jahren in Espelkamp im Bürgerhaus hatte. Dabei handelte es sich um eine Lesung mit Gitarrenbegleitung. Mitte August 2006 präsentierte Kunze sein damaliges literarisch-musikalisches Programm "Bockwurst und Schadenfreude" während des Kreiskirchentages. Etwas ähnliches würde er gerne wieder mit seinem neuen Programm in seiner Geburtsstadt präsentieren - ja, wenn er denn gefragt würde . . . Wie immer legt Kunze seine Finger in gesellschaftliche Wunden, zeigt bestimmte Entwicklungen auf und weist auch auf Fehlentwicklungen hin. Das Gespräch mit Egon Krenz, so macht er jetzt im NW-Gespräch deutlich, sei aufgrund seiner guten Beziehungen zustande gekommen. Er habe noch zu DDR-Zeiten zu den "wenigen ausgewählten Künstlern" aus West-Deutschland gehört, die in der damaligen DDR auftreten durften. So seien auch die Kontakte zu Egon Krenz zustande gekommen, die auf beiden Seiten immer gepflegt wurden. Der Funktionär und der Künstler, ein brisantes Duett. Der Liedermacher Kunze stellt dem ehemaligen Staatschef der DDR Fragen eines Querdenkers, hart und solidarisch. Ihm geht es nicht um oberflächliche Schuldzuweisungen, sondern um persönliche und historische Erkenntnis. Was hat Krenz? Generation falsch gemacht im Sozialismus? Hätte einer wie Kunze in der DDR Musik machen können - oder wäre es ihm wie Biermann ergangen? Zwei wache Geister nehmen sich die deutsche Mentalität zur Brust und liefern Zündstoff für aktuelle Debatten. Typisch Kunze. Ein Künstler, der sich in die deutsche Gesellschaft einmischt - mit kritischen Tönen zumeist, aber auch mit nachdenklich-poetischen, die vor allem in seiner Musik deutlich werden. Seinen 60. Geburtstag hat er im kleinen Familien- und Freundeskreis gefeiert. Schließlich wolle er sich um seine Gäste auch persönlich kümmern und selbst etwas davon haben. Die aktuelle Deutschland-Tournee beendete er am 30. Oktober. Dabei habe er eine neue Form des Auftritts gewählt: ein Solo-Konzert. "Da habe ich zum ersten Mal bemerkt, dass ich auch alleine einen ganzen Abend und einen ganzen Konzertsaal füllen kann." Im kommenden Jahr, ab März etwa, werde er mit seiner Meisterwerke-Tour weitermachen. Da werde es allerdings wieder mehr Menschen auf der Bühne geben. Und auch eine Neuerung: "Vielleicht kommen auch Chöre dazu und machen bei meinem Programm mit." Natürlich sei die Rockmusik insgesamt auch "in die Jahre gekommen." Ans Aufhören denke er deshalb allerdings nicht. "Ich richte mich da nach meinen Kollegen in der Szene und arbeite mich an ihnen ab."

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