Espelkamp Interview mit neuem Grünen-Ratsherr Florian Craig: "Mobilität neu überdenken"

Interview: Der 29-Jährige übernimmt das Ratsmandat vom ausscheidenden Johannes Schlösser von Bündnis 90/Die Grünen. ÖPNV, bedingungsloses Grundeinkommen und Waldfreibad sind seine Themen

Karsten Schulz

Espelkamp. Deutliche Verjüngung in der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Espelkamper Rat: In der letzten Sitzung 2017 des höchsten kommunalpolitischen Gremiums wurde Johannes Schlösser, langjähriges Ratsmitglied, aus dem Rat verabschiedet. Nun ist Florian Craig für Johannes Schlösser nachgerückt. Er ist damit nach Domini Noch von der SPD, der 21 Jahr alt ist, das zweitjüngste Ratsmitglied überhaupt. Der 29-jährige Gestringer, der sich als Trainer und Vorstandsmitglied im Taekwon-Do Verein Espelkamp engagiert, ist seit 2010 Mitglied bei den Grünen. Den Ortsverbandsvorsitz der Grünen hat er seit drei Jahren inne. Zu seinem Amtsantritt als neues Ratsmitglied nimmt er im Gespräch mit der NW Stellung. Herr Craig, womit befassen Sie sich aktuell in der Espelkamper Kommunalpolitik? Florian Craig: Aktuell geht es uns Grünen darum, die Radwege in Espelkamp unter die Lupe zu nehmen und zu verbessern. Es geht uns darum, dafür Sorge zu tragen, dass ein Radwegenetz entsteht, das die Menschen dazu animiert, umzusteigen und häufiger für ihren Alltag das Rad zu nutzen. Was ist am Fahrrad besser als an anderen Verkehrsmitteln? Craig: Um zur Schule, zum Einkaufen oder zur Arbeit zu fahren, ist das Fahrrad eine gute Alternative zum Auto. Häufig ist man mit dem Rad sogar schneller. Das ist nicht nur eine Frage des Klimas, sondern auch der Lebensqualität in Wohnquartieren. Ein gutes Radwegenetz reduziert den Lärm und Abgase im direkten Wohn- und Lebensbereich der Menschen. Welche Hindernisse stellen sich einem Fahrradfan wie Ihnen noch entgegen? Craig: Ein Problem sind auch Poller und Schranken für Räder. Man kommt mit dem Fahrradanhänger oder Lastenrad kaum durch. Das entmutigt und frustriert auf Dauer. Mobilität insgesamt ist ein wichtiger Bereich im Ausgleich von Stadt und Land. Wie könnte der ÖPNV für Espelkamp aussehen? Craig: Wer einmal den ÖPNV in Bonn, Bielefeld oder einer anderen Großstadt genossen hat, weiß, dass es in Espelkamp dringend geboten ist, Mobilität neu zu überdenken. Dazu gehören autonome E-Busse, die unsere Dörfer mit der Stadt rund um die Uhr verbinden, Fahrradschnellwege zwischen den Städten im Altkreis bis nach Minden oder Herford sind ebenfalls sehr wichtig. Es muss für jeden auch ohne Auto möglich werden, sein Ziel zu erreichen. Das ist auch eine soziale Frage. Was ist für Sie in Espelkamp noch wichtig? Craig: Auch das Freibad ist für mich ein wichtiger Bezugspunkt in Espelkamp. Es ist der letzte Hort des Sozialismus. Als ein großer Freund des Freibades und des Lebensgefühls, das ein Freibad vermittelt, vertrete ich die Grünen im Arbeitskreis Waldfreibad. Gemeinsam mit den anderen Fraktionen des Espelkamper Rates begrüßen die Grünen die europaweite Ausschreibung für einen Wettbewerb, um ein Freibad für alle Bürger zu erhalten. Was sind Ihre persönlichen politischen Vorstellungen? Craig: Meine persönlichen und politischen Vorstellungen sehe ich in einer Ausrichtung auf eine Gemeinwohlökonomie und ein bedingungsloses Grundeinkommen. Wo wir auch hinschauen, müssen wir erkennen, dass unsere sozialen Kennziffern absinken, Kinderarmut steigt, Wohnungslosigkeit steigt, Erwerbsarmut steigt, Arbeitsbefristungen nehmen zu, Depressionen nehmen zu, jüngere Menschen arbeiten mehr und bekommen weniger Gehalt, Leiharbeit nimmt zu, das Ehrenamt altert und stagniert. Was kann man gegen die zunehmende Armut denn tun? Craig: Wir sollten hier gegensteuern mit Investitionen in unser Gemeinwohl, Genossenschaften, sozialen Ausgleich und Teilhabe. Wir müssen auch vom Dorf aus Mobilität schaffen. Man muss auch ohne Auto zum Markt kommen, um "nen Schnack" halten zu können und einzukaufen. Wie sehen Sie die Zukunft in Espelkamp? Craig: Als Grüner in Espelkamp will ich den Menschen eine positive Utopie der Mobilität aufzeigen, in der alle gemeinsam besser durch ein gutes Radwegenetz leben, mehr Mobilität mit weniger Autos, mehr Lebensqualität, weniger Lärm und Luftverschmutzung.

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