Panzer vor der Haustür: Karl-Heinz Böker erinnert sich noch genau an den Einmarsch der Amerikaner. 80 bis 100 Soldaten verbrachten eine Nacht in seinem Elternhaus. - © Nicole Sielermann
Panzer vor der Haustür: Karl-Heinz Böker erinnert sich noch genau an den Einmarsch der Amerikaner. 80 bis 100 Soldaten verbrachten eine Nacht in seinem Elternhaus. | © Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen 17 Panzer im Vorgarten

Zeitzeugen: Im Elternhaus von Karl-Heinz Böker (82) übernachteten an die 100 Soldaten

Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen. Es gab einen Ruck, knallte zweimal, dann hatten die amerikanischen Soldaten das Schloss aus der Tür geschossen. „Mein Vater wollte das eigentlich als Erinnerung aufbewahren“, erinnert sich Karl-Heinz Böker. Doch dazu kam es nicht. Der 82-jährige Loher weiß noch ganz genau, wie sich die amerikanischen Panzer am 3. April 1945 seinem Elternhaus näherten. Nachmittags standen dann an die 17 Panzer um das Bauernhaus auf der Lohe herum.

Karl-Heinz Böker war damals zwölf Jahre alt, als die Amerikaner vor 70 Jahren in Bad Oeynhausen einmarschierten. „Wir konnten von hier oben bis zur Kirche gucken und sahen die Panzer über die Loher Straße fahren“, erzählt Böker, der noch immer am Grenzweg auf der Lohe wohnt. Zusammen mit den Eltern und einer Tante verfolgte der Junge das Geschehen. Als plötzlich die Amerikaner mit Artilleriegeschütz schossen. „Das waren Geschosse, die in der Luft zerplatzten. Ähnlich einem Silvesterfeuerwerk – nur nicht so bunt.“

So schnell es ging lief die Familie aus dem Garten ins Haus. „Die Amerikaner wollten vermutlich die Flak auf der Steinegge treffen“, sagt Böker. Leider lag das Haus am Grenzweg in der Schusslinie. „Die haben sogar Äste an unseren Bäumen abgeschossen.“ Später dann sammelte die Familie mit dem Kartoffelkorb die Überreste der Geschosse ein.

Erster Spähtrupp am Tag vorher

Schon den ganzen Oster-Dienstag hätte damals die Flak – stehend auf dem höchsten Punkt – auf Exteraner Seite geschossen. „Aber wohl keinen Panzer erwischt.“ Dafür fielen fünf Soldaten, deren Gräber auf dem Friedhof in Exter seien. „Es wurde erzählt, dass wohl schon am Ostersamstag oder Ostersonntag erste Panzer in Exter gewesen sein sollen, um zu gucken“, berichtet Karl-Heinz Böker. Während die Panzer am Vormittag des 3. April 1945 gen Bad Oeynhausen rollten, machten sie nachmittags kehrt und kamen zurück. „Ich weiß noch, dass die Soldaten, die eigentlich an der Flak standen, sich auf dem Acker direkt gegenüber unseres Hauses ergeben haben.“ Die hätten alles abgeben müssen. „Das waren ältere Männer, deren Enkel in Russland waren, oder ganz junge Kerle“, sagt der 82-Jährige. „Zwei amerikanische Panzer standen dicht vor der Haustür, einer neben dem Haus, die restlichen gut 14 auf dem Acker gegenüber.“

Die Familie hatte sich währenddessen im Keller versteckt. „Die Haustür war bei uns immer abgeschlossen“, erinnert sich der Loher. Aber nicht weil die Eltern Angst vor den Amerikanern gehabt hätten, sondern vor Hamsterungen. „Als die Amerikaner dann die Tür aufgeschossen haben, waren die im Nu im ganzen Haus.“ Stroh hatten die Eltern, die Tante, ein evakuierter Junge aus Gelsenkirchen und der junge Karl-Heinz auf die Kohlen im Kohlenkeller gedeckt und sich dorthin geflüchtet. „Aber die haben ja in jeden Winkel geguckt.“ Alle wurden gefunden und nach oben gebracht. Bis die Soldaten sicher waren, dass niemand im Haus versteckt war, stand die Familie mit erhobenen Händen an der Wand. Dann erklärte ein amerikanischer Soldat: „Für Euch Krieg fertig.“

"Für euch Krieg fertig."

Doch die Soldaten zogen nicht ab. Im Gegenteil. Sie zogen ein. „Wir mussten den nahezu leeren Kornboden mit Stroh auslegen.“ 80 bis 100 Soldaten und der Kommandeur hätten dann am Grenzweg die Nacht verbracht. „Wir selbst waren im Keller.“ Auch viele der Nachbarn hätten ihre Häuser verlassen müssen.

„Obwohl sie uns so überfallen haben, kann ich nichts Schlechtes sagen. Die amerikanischen Soldaten haben sich meiner Familie gegenüber gut benommen“, betont Karl-Heinz Böker. Die Amerikaner hätten den Kindern sogar geholfen. „Wir hatten drei Kühe und die mussten zum Wasserloch hinterm Haus gebracht werden“, erinnert er sich. „Bei den Soldaten waren ein Farmer und einer, dessen Eltern aus Stuttgart stammten – die haben uns beiden Jungs geholfen.“ Und natürlich auch Kaugummi und Schokolade an die Kinder verteilt. Eine Nacht, dann waren die Soldaten wieder weg. Zurück blieben Flurschäden. „Die Ackerflächen waren ja eingesät. Und durch die Panzer komplett aufgewühlt. Wir haben versucht, per Hand noch etwas zu retten.“ Damit im Sommer 1945 wenigstens ein bisschen Korn geerntet werden konnte.

Von der Übergabe an die englischen Soldaten und der eigentlichen Besatzungszeit blieben die Loher verschont: „Später haben wir hier oben nur noch englische Offiziere gesehen, die spazieren geritten sind.“

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