Dokument: Die heute 77 Jahre alte Gisela Jacke zeigt den Passierschein aus dem Jahr 1951. - © Foto: Nicole Sielermann
Dokument: Die heute 77 Jahre alte Gisela Jacke zeigt den Passierschein aus dem Jahr 1951. | © Foto: Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen Erinnerungen an das Kriegsende: Stacheldraht direkt vor der Tür

Zeitzeugen: Gisela Jacke (77) versteckte sich mit ihren Schwestern

Nicole Sielermann
Hinter Stacheldraht: Das Südhotel an der Ecke Bahnhofstraße/Weserstraße. - © Foto: Privat
Hinter Stacheldraht: Das Südhotel an der Ecke Bahnhofstraße/Weserstraße. | © Foto: Privat

Bad Oeynhausen. Sieben Jahre alt war Gisela Jacke, geborene Baudorff, als 1945 die letzten Kriegstage anbrachen. "Mit meiner Mutter und meinen beiden Schwestern wohnte ich im Hotel meiner Großeltern", erinnert sie sich. Das ehemalige Südhotel an der Ecke Bahnhofstraße/Weserstraße (heute Black Sabbath) hatte damals keine Gäste und bot somit genug Platz für die Familie.

An den Karfreitag, 30. März 1945, und den Bombenangriff auf die Weserhütte kann sich Gisela Jacke noch erinnern. "Als die Flieger kamen, haben wir uns im Keller verschanzt", sagt sie. Doch weil die Bomben auch über der Oeynhauser Schweiz abgeworfen wurden, verließ Familie Baudorff zwischen zwei Angriffen das Haus und flüchtete in einen Bunker unter der Detmolder Straße.

"Dort, wo heute der Wear-Valley-Platz ist, war damals eine kleine Schlucht", erinnert sich Gisela Jacke. "Von dort aus ging es am Hambkebach entlang zu einem Bunker unter der Detmolder Straße." Ein Ort, an dem sich die Familie sicherer fühlte. "Das Hotel grenzte ja unmittelbar an die Schweiz und dort gab es auch einige Bombenabwürfe." Viele Menschen, die dort Schutz gesucht hatten, überlebten den Angriff nicht. Auch zahlreiches Damwild wurde getötet.

Einmarsch der Amerikaner

Nur vier Tage später marschierten amerikanische Soldaten in die Kurstadt ein. "15 Minuten hatten wir, das Hotel zu verlassen." Das zumindest hat Gisela Jacke von ihrer Mutter erzählt bekommen. Erste Anlaufstation waren die Nachbarn Schröder. "Wir haben einige Sachen untergestellt und wir Mädchen haben auch eine Nacht bei der Familie verbracht." Eine Nacht, an die sich Gisela Jacke noch dunkel erinnert, die aber vor allem die Mutter, die im Hinterhaus Unterschlupf gefunden hatte, in Angst und Schrecken versetzte.

"Ein amerikanischer Soldat hat das Haus quasi überfallen. Meine beiden Schwestern und ich haben uns zusammen mit den Mädchen der Familie in einem Verschlag auf dem Dachbalkon versteckt und die ganze Nacht darin ausgeharrt." Am nächsten Tag war der Soldat weg - zurückgelassen hatte er einen Kasten Kekse.

Links zum Thema
Zeitzeugenbericht von Anni Behl-Harbsmeier

Zeitzeugenbericht von Hannelore Glahn

Zeitzeugenbericht von Helga Uhe

Zeitzeugenbericht von Horst Jäcker

Zeitzeugenbericht von Eberhard Schroiff

Zeitzeugenbericht von Luise Flottmann

Kurz durfte die Familie nach wenigen Tagen wieder ins Hotel zurück, bis Anfang Mai der Räumungsbefehl kam. "Wir hatten Verwandtschaft in Bünde, die uns mit einem großen Anhänger ausgeholfen haben." Und so packte die Familie mehr Sachen als erlaubt auf den Wagen - aber an der Kontrollstelle war Endstation. "Mein Großvater war damals schon schwer krank. Leberkrebs."

Hinter Stacheldraht

"Vorsicht TB" habe man vom Wagen gerufen. "Wir durften sofort durchfahren", erinnert sich Jacke mit einem kleinen Schmunzeln an die Notlüge. Der Großvater allerdings kehrte nie wieder in seine Heimatstadt zurück. Er starb wenige Tage später.

"Wir sind nach einigen Monaten in Bünde nach Bad Oeynhausen zurückgekehrt. Allerdings nicht ins Hotel." Dort lief der Stacheldraht ja direkt vor der Haustür entlang. In der Nähe des heutigen Herzzentrums fanden Mutter und Töchter eine kleine Wohnung. "Die Luisenschule war einige Jahre in Werste. Dorthin sind wir jeden Tag zu Fuß gegangen." Und zwar um die Stadt herum. Denn der Rest lag hinter Stacheldraht.

Copyright © Neue Westfälische 2017
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.

Kommentar abschicken
realisiert durch evolver group