Pakete von den Amerikanern: Hans-Günter Boldt war 13 Jahre alt, als er einen amerikanischen Soldaten zum Waschen mit nach Hause brachte.
Pakete von den Amerikanern: Hans-Günter Boldt war 13 Jahre alt, als er einen amerikanischen Soldaten zum Waschen mit nach Hause brachte.

Bad Oeynhausen Amerikaner räumten Schlafzimmer aus

Zeitzeugen: Hans-Günter Boldt wohnte 1945 direkt an der Autobahn

Nicole Sielermann
Kolonne: Die US-Armee übernahm Anfang April 1945 die Herrschaft in vielen Städten Ostwestfalens. - © Foto: Stadtarchiv Salzuflen
Kolonne: Die US-Armee übernahm Anfang April 1945 die Herrschaft in vielen Städten Ostwestfalens. | © Foto: Stadtarchiv Salzuflen

Bad Oeynhausen. Eine kilometerlange Panzerkolonne, dann plötzlich scheren zwei aus. Bleiben defekt liegen. In nächster Nähe: Hans-Günter Boldt. Der damals 13-Jährige wohnte schließlich direkt neben der Autobahn. Und brachte im April 1945 letztlich die amerikanischen Soldaten mit nach Hause. "Die wollten sich waschen", erinnert sich Boldt. Doch dann blieben die Soldaten über Nacht. Und hinterließen am nächsten Tag noch einen Gruß.

Es war im April 1945, wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkrieges, als sich die amerikanischen Soldaten aus der Region zurückzogen und als Kolonne mit den Panzern über die Autobahn rollten. Nur wenige Meter daneben: Hans-Günter Boldt. Mit Mutter, Großeltern und der elfjährigen Schwester wohnte er an der damaligen Oberbecksener Straße 73 (heute zwischen Autobahnbrücke und Hellberge). Und brachte gleich zwei amerikanische Soldaten zum Waschen mit nach Hause. "Wenn Blicke hätten töten können", sagt der 83-Jährige rückblickend, wenn er an das Gesicht seiner Mutter denkt. Der Dank aber war ihnen gewiss: "Meine Schwester bekam eine dicke Tafel Blockschokolade und meine Mutter Kernseife. Das war eine Sensation damals", erinnert er sich.

Nur zwei Stunden später kehrten die Amerikaner zurück. Und fragten nach einem Nachtquartier. "Sieben Soldaten haben bei uns geschlafen, drei in der Wohnung unten und vier im Nachbarhaus." Sie hätten das Schlafzimmer ausgeräumt, die Matratzen hochgestellt und ihre Schlafsäcke ausgerollt.

Großzügige Geschenke der amerikanischen Soldaten

"Der Kommandant hatte ein Gemüsegeschäft in New York - und hat erst einmal unsere Lebensmittelvorräte inspiziert." Sieben Soldaten schleppten dann am anderen Morgen jeder eine Kiste ins Haus. Kaffee, Corned Beef oder Käse - in Dosen verpackt. Sechs pro Paket. "Sie haben ausgiebig gefrühstückt, alles wieder aufgeräumt und uns dann 35 Dosen dagelassen." Hans-Günter Boldt hat noch die Überraschung und Freude der Familie vor Augen. Denn Essen war knapp in Kriegszeiten.

"Nach zwei Monaten haben wir eine Karte bekommen. Die Amerikaner kamen aus Wilhelmshaven zurück." Und kündigten per Post Tag und Uhrzeit an, wann sie Bad Oeynhausen passierten. "Die haben schon von weitem aus ihren Panzern raus gewinkt", erinnert er sich lächelnd.

Das war aber nicht Hans-Günter Boldts erste Begegnung mit der Besatzungsmacht. Schon einige Wochen vorher, Anfang April 1945, stand er den ersten GIs gegenüber. "Wir wohnten direkt an der Autobahn. Im Umkreis von 150 Metern waren drei Brücken. Und alle drei sollten gesprengt werden", erinnert sich der 83-Jährige. Und zwar von den Nazis. "Es kam eine deutsche Einheit, grub Ein-Mann-Löcher, buddelte zwei große Geschütze ein und richtete sie zur Lohe und zu den Autobahnbrücken aus."

Flucht vor Gefecht nach Oberbecksen

Am Osterdienstag, 3. April 1945, Gefechtslärm. Zwei deutsche Offiziere und der Nachbar, ein Oberfeldwebel, standen auf der Weserstraßenbrücke über die Autobahn. "Mein Opa ging hin und wollte sie aufhalten. Aber als sie ihm drohten, kehrte er um." Zurück in der Wohnung habe er gesagt, es werde brenzlig, man müsse weg. Es bleibe kein Stein auf dem anderen, wenn gesprengt werde. "Aber dann nahmen die deutschen Einheiten plötzlich ihre Sachen und hauten ab." Alles Gerät, Panzerfäuste und Handgranaten ließen sie liegen. Die beiden Geschütze wurden gesprengt. "Unsere Familie, jeder mit einer kleinen Tasche oder einem Karton, ging ins Dorf Oberbecksen. Durch den Kerksiek bis zur Kohlenhandlung Thies. Im Keller dort haben wir eine Bleibe gefunden." Mit ihnen auch zwei russische Zwangsarbeiter und ein NSDAP-Parteimitglied.

Als der Gefechtslärm ruhiger wurde, schickte die Mutter den 13-jährigen Hans-Günter los. Er sollte nach dem Haus schauen. Er machte sich auf den Weg. Und stand plötzlich zwei amerikanischen Soldaten gegenüber. "Das waren Schlote", sagt er schmunzelnd. "Der Stahlhelm saß schief, die Ärmel waren aufgekrempelt, die Schuhe völlig mit Erde beschmiert." Mit einer Landkarte, eine Art Luftbild, auf dem jedes Haus und jeder Schuppen klar zu erkennen gewesen seien, fragten sie den Jungen nach ihrem Standort und wie weit es bis zur Weser wäre. "Thank you und weg waren sie."

Die Wohnung war nicht mehr bewohnbar

Doch an der Autobahnböschung lagen weitere 300 Soldaten. "Nur Autos, Autos, Autos" seien zu sehen gewesen.

Der Junge lief zurück und erstattete Bericht. Einige Stunden später, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, ordnete der Opa den Heimweg an. "Wir hatten alle weiße Armbinden", erinnert sich Hans-Günter Boldt. In der Wohnung waren nahezu alle Fensterscheiben zerschossen, die Haustür stand offen, die Schubladen waren aus den Schränken gerissen und ausgeschüttet. "Ein Saustall." Die Oma wollte nicht bleiben. "Also beluden wir den Handwagen mit Matratzen und Polstern und zogen runter zum Borstenbach."

Dort seien sie zwei Tage bei einer Schwester der Oma geblieben.

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