Bomben auf Rehme: Horst Jäcker zeigt eine alte Luftaufnahme eines Aufklärers der Royal Air Force vom 22. März 1945. Auf dem Foto sichtbar sind die zahlreichen Bombenkrater. Horst Jäcker hat bestimmte Bereiche von Rehme mit Zahlen gekennzeichnet und unter dem Bild erklärt - weil die Aufnahme jahrelang in seinem Autohaus hing. - © Foto: Nicole Sielermann
Bomben auf Rehme: Horst Jäcker zeigt eine alte Luftaufnahme eines Aufklärers der Royal Air Force vom 22. März 1945. Auf dem Foto sichtbar sind die zahlreichen Bombenkrater. Horst Jäcker hat bestimmte Bereiche von Rehme mit Zahlen gekennzeichnet und unter dem Bild erklärt - weil die Aufnahme jahrelang in seinem Autohaus hing. | © Foto: Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen "Mein Vater hat das Auto im Wald versteckt"

Zeitzeugen: Der Rehmer Horst Jäcker war mit Eltern und Geschwistern ein Jahr im Oberbecksener Forsthaus evakuiert

Nicole Sielermann
Zeitungsbericht aus einer englischen Zeitung: Dort wird über den Wiederaufbau der Rehmer Weserbrücke berichtet. - © Foto: Stadtarchiv
Zeitungsbericht aus einer englischen Zeitung: Dort wird über den Wiederaufbau der Rehmer Weserbrücke berichtet. | © Foto: Stadtarchiv

Bad Oeynhausen. In die Stadt kam Horst Jäcker früher nur selten. "Das war für uns Kinder eine ganz andere Welt", sagt der 77-Jährige. Sein Lebensmittelpunkt sei Rehme gewesen. Und der wurde Ende März 1945 schwer erschüttert. Der schlimmste Bombenangriff auf die Kurstadt traf den kleinen Ort Rehme und die Weserhütte. Im Abstand von nur einer Woche wurde vieles in Schutt und Asche gelegt. Aber, so erinnert sich Horst Jäcker, es habe in den harten Kriegsjahren auch Menschlichkeit gegeben.

Mit seiner Schwester Ursel war der damals siebenjährige Horst Schlitten fahren. Während die Kinder im Schnee tollten, näherten sich aus der Luft die Kampfflieger. "Eine englische Maschine", erinnert sich Jäcker. Die Kinder schmissen sich lang aufs Feld, um möglichst unsichtbar zu sein - die beiden Piloten sahen sie trotzdem. "Die waren so tief, dass ich ihre Gesichter sehen konnte", sagt Jäcker. Doch statt Bomben abzuwerfen, haben die beiden Piloten gelacht und sich über die Kinder im Schnee gefreut. "Ich sehe noch heute die Gesichter der beiden vor mir - es hat also auch Menschlichkeit gegeben."

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An der Vlothoer Straße, dort wo heute der VW Trade-Port ist, stand einst Jäckers Elternhaus. Von dort aus machten sich die Kinder oft auf zur Erkundungstour. "In der Nähe der Autobahn, in den Weserwiesen, gab es ein russisches Lager", erzählt Jäcker. "Die Russen haben immer Spielzeug für uns gebaut." Im Gegenzug sorgten die Kinder für so manches Butterbrot, das sie dorthin brachten. "Es gab damals ja nur eine Autobahnbrücke. Und zwar Fahrtrichtung Hannover."

"Das Ende bewusst miterlebt"

Der Hauptverkehr über die Weser sei per Fähre geregelt worden. "Obwohl das möglich war, hat es hier im Umkreis aber keinen Bauern gegeben, der Land auf der anderen Weserseite hatte." Damals sei Vennebeck eine Behelfsabfahrt gewesen für die Engländer. "Damit Montgomery zum Gut Rothenhof kam." Einst Behelf, wurde später eine richtige Autobahnabfahrt daraus.

Sieben Jahre war Horst Jäcker alt, als sich das Ende des Zweiten Weltkrieges näherte. "Ich habe das Ende schon bewusst miterlebt", sagt der Rehmer Heimatfreund. Nach dem Bombenangriff auf Rehme und die Weserhütte sei er mit einem Freund in einer Scheune in Babbenhausen gewesen. "Da lagen die toten Flakhelfer im Stroh."

Gut ein Jahr hat Horst Jäcker mit seinen Eltern, seinem sechs Jahre älteren Bruder Walter und seiner Schwester Ursel (die jüngste Schwester Annegret wurde erst im August 1945 geboren) im Forsthaus Oberbecksen gelebt. "Wir wurden evakuiert, weil Rehme ständig bombardiert wurde", sagt er. Jeden Tag sei die Oma zu Fuß nach Rehme gegangen, um die Schafe zu melken. "Die Milch brachte sie mit hoch."

Autos wurden versteckt

Während der Kriegsjahre wurde das familieneigene Opel-Autohaus an der Mindener Straße zum Rüstungsbetrieb. "Normale Autos gab's nicht", sagt Horst Jäcker. Also haben Jäckers Trippel Schwimmwagen gewatet und auf der Weser Probe gefahren. "Die Menschen haben ihre Autos versteckt, damit sie nicht für den Krieg eingezogen wurden." Auch der Vater von Horst Jäcker: Er parkte seinen Opel im Oberbecksener Forst in einem Loch und deckte ihn mit Laub und Zweigen ab.

Als im Mai 1945 die Engländer Bad Oeynhausen besetzten, war auch das Autohaus Jäcker betroffen. "Unser Betrieb an der Mindener Straße wurde beschlagnahmt." Kurzzeitig war der benachbarte Schlachthof Heimat des Autohauses, dann die Möbelfabrik Böker, bevor Jäckers Eltern in Babbenhausen neu bauten. "Nach der Freigabe der Stadt haben wir das Gelände an der Mindener als Verkauf genutzt." Und in Rehme ein neues, moderneres Autohaus gebaut.

Dass er in der besetzten Stadt war, daran kann sich Horst Jäcker kaum erinnern. "Einmal bin ich mit meinem Vater mitgefahren. Der hatte Bronchitis und musste zum Inhalieren in die Kuranlagen." Der kleine Horst durfte nach langem Hin und Her mit den Wachposten an den Innenstadt-Zugängen mit hinein. "Man brauchte ja eine Erlaubnis für das Betreten der Stadt." Aber: "Eigentlich haben die Engländer und die Deutschen gut zusammengelebt. Es sind sogar Freundschaften entstanden."

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