Erinnerungen: Helga Uhe wohnt jetzt in der Bad Oeynhausener Innenstadt. Die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges aber erlebte sie am Winkelweg - heute direkt neben der Aqua Magica. - © Foto: nisii
Erinnerungen: Helga Uhe wohnt jetzt in der Bad Oeynhausener Innenstadt. Die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges aber erlebte sie am Winkelweg - heute direkt neben der Aqua Magica. | © Foto: nisii

Bad Oeynhausen 200 Fässer Öl entleert

Zeitzeugen: Helga Uhe hat die letzten Kriegstage als Nachbarin der Ziegelei Friedrichsmeyer erlebt

Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen. Direkt neben der Ziegelei Friedrichsmeyer wohnte Helga Uhe. "Unser Haus stand im Winkelweg in Melbergen", erzählt Helga Uhe. "Die deutsche Wehrmacht hatte in der Halle neben dem Schornstein, der jüngst abgerissen wurde, 200 Fässer mit Öl gelagert."

Kurz vor dem Einmarsch der Alliierten sei eine Sprengung angeordnet worden, weil man dem Feind die Ölfasser nicht überlassen wollte. "Damit waren natürlich auch die Häuser in der näheren Umgebung in Gefahr. Wir wohnten zwar einige Meter entfernt, aber das Haus meiner Großmutter stand genau auf der Straßenseite gegenüber der Ziegelei."

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Helga Uhe erinnert sich, dass ihr Vater, der damals beim Kieswerk in Babbenhausen beschäftigt war, mit den Soldaten verhandelt hat. "Er hat es geschafft, dass die Fässer in der gesetzten Frist entleert werden durften, damit eine Sprengung nicht mehr erforderlich war."

Alle packten mit an

Also packten alle Nachbarn (in erster Linie Frauen und Kinder, weil nahezu alle Männer im Krieg waren) mit an, schraubten die Fässer auf, drehten sie um und ließen das Öl auslaufen. Die Sprengung fiel flach. "Dass wird durch das ausgelaufene Öl den Boden eventuell verseucht haben - daran dachte bei der Aufregung sicher niemand."

Vielleicht auch, weil die Frauen etwas von dem Öl auffingen, es mit Zwiebeln gut durch kochten und es schließlich für Kartoffelpuffer und Bratkartoffeln verwendeten. "Die schmeckten gut", erinnert sich Helga Uhe. "Hatten aber im Nachhinein enorm abführende Wirkung."

Kurz vor Kriegsende bekam die Familie eine Einquartierung. Ein Major, ein Leutnant und mehrere einfache Soldaten hoben etliche Gräben für die Volkssturmmänner aus. "Das waren Männer, die nicht in den Krieg, aber für den Volkssturm im Inland einberufen wurden." "Dann wurde auf einer kleinen Anhöhe der Ziegelei ein großes Geschütz aufgebaut mit Zielrichtung Bültestraße. Unser Haus stand zwar etwas zurück, aber genau in der Schusslinie. Deshalb mussten wir beim Einmarsch auch in den Keller des Nebenhauses wechseln."

Information über einen Luftangriff

Der Leutnant habe ihre Mutter und die Mieterin immer heimlich über den Stand an der Front unterrichtet. Deshalb weiß Helga Uhe auch noch, dass das Geschütz aufgestellt wurde, weil die Amerikaner vorhatten, über den Neuenhagen, die Bültestraße und dann über die Herforder Straße nach Bad Oeynhausen einzufahren. Im letzten Moment sei der Plan aber geändert worden. Der Einmarsch erfolgte über den Neuenhagen und über die Lohe. "Die Bültestraße blieb unberührt."

Informiert wurde die Familie vom Leutnant auch über einen Luftangriff, der auf Bad Oeynhausen erfolgen sollte. "Wohl auch auf die Heimstätten, von uns aus gesehen gleich hinter der Südbahn." Der Leutnant riet den Frauen, mit den Kindern ins obere Siekertal zu gehen. "Dort war ein sogenannter Hohlweg, heute unterhalb des Museumshofes. Wir Kinder haben das als Ausflug angesehen." Wie sich dann herausgestellt habe, sei das dann der Angriff auf die Weserhütte am Karfreitag 1945 gewesen. "Bei uns in Melbergen erzählte man, ganz Rehme brennt."

Aus Erzählungen ihres Vaters kann sich Helga Uhe auch an die Bombardierung der Weserbrücke in Rehme erinnern. "Mein Vater arbeitete ja im Kieswerk Babbenhausen. Die Arbeiter hatten sich dort ein großes Loch an der Straße zur Weser ausgehoben, in das sie bei Luftangriffen flüchteten." Dann kam am 23. März 1945 der Angriff auf Rehme. Ihr Vater habe sein Loch nicht mehr erreicht und sei in ein anderes freies gesprungen. "Später erzählte er dann, wie die Granaten immer über ihm vorbeigepfiffen seien - er hat nicht daran geglaubt, lebendig aus dem Loch zu kommen." Aber er schaffte es. Und sah dann, dass sein eigenes Loch, das er nicht mehr erreicht hatte, ein einziger Krater war. Ihr Vater sei danach völlig verstört gewesen. "Er war tagelang apathisch und hat kein Wort gesprochen."

Von Hausdurchsuchung verschont geblieben

Als Anfang Mai die Räumung der Innenstadt kam, haben Eltern und Kinder unter anderem einer befreundeten Familie in der Schützenstraße geholfen, so viel wie möglich aus der Wohnung zu holen. "Dabei ging es durch den damaligen Schützenbusch, über den Osterbach und zwischen Kornfeldern zum Haus am Winkelweg. Das war nicht ungefährlich. Oft standen die Besatzungssoldaten mit Gewehren auf den Bahnschienen der Südbahn."

An einen Vorfall erinnert sich Helga Uhe besonders: "Wir transportierten kriechend ein Bettgestell durch die Kornfelder, damit die Soldaten uns von den Schienen aus nicht sehen konnten. Als er einmal in die Luft schoss, haben wir uns ganz flach hingelegt und nicht gerührt. Es ging gut." Die Kellerräume am Winkelweg hätten vollgestanden mit dem Hausrat anderer Leute. "Wir hofften, von einer Hausdurchsuchung verschont zu bleiben - und hatten Glück. Unsere Hilfe wurde nicht bestraft."

Im Gegenteil. Jahre später gab es sogar ein Dankeschön in Form einer silbernen Kette. "Mein Vater hat für einen bekannten Bad Oeynhausener Optiker eine Kiste bei uns im Garten vergraben."

Als der Jahre später die wohlbehaltene Kiste wieder abgeholt habe, hätten sie und ihre Schwester jeweils die Kette mit einem Edelweiß-Anhänger bekommen.

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