Der Experte: Christian Barnbeck am Morsbach-Sprudel vor dem Eingang zur Klinik am Rosengarten. - © Jörg Stuke
Der Experte: Christian Barnbeck am Morsbach-Sprudel vor dem Eingang zur Klinik am Rosengarten. | © Jörg Stuke

Bad Oeynhausen Als die Quellen das Sprudeln lernten

Themenschwerpunkt Heilquellen: Die Entstehung des Bades Oeynhausen gründet auf einem Irrtum

Jörg Stuke

Bad Oeynhausen. Am Anfang stand der Irrtum. Salz, im Preußen des 19. Jahrhunderts ein wertvolles Gut, wollte der Bergrat Carl von Oeynhausen finden. 1830 begann er, nach dem „weißen Gold" südlich des heutigen Badehauses 2 – damals nichts als Acker und Wiese – zu bohren. Er bohrte und bohrte und bohrte. 15 Jahre lang. 696 Meter tief. „Das war damals das tiefste Bohrloch Europas", weiß Christian Barnbeck, Stadtführer, Archäologiestudent und ausgewiesener Kenner der Bad Oeynhausener Quellengeschichte. Salz fand der Bergrat von Oeynhausen nicht. Aber einen anderen Bodenschatz, auf dem die Geschichte des Heilbades Oeynhausen fußt: Sole. Schon seit 1839 sprudelte 33 Grad warme Thermalsole aus dem Bohrloch. Für den Bergrat war die munter sprudelnde Quelle – 1.300 Liter pro Minute – zunächst eher ein Ärgernis. „Nicht Sültemeyer, Colon Meyer ist die Schlüsslfigur" Er bohrte schließlich unverdrossen weiter nach Steinsalz. „Doch sein Bohrmeister Funte hatte schließlich die Idee, neben dem Bohrloch eine Zinkwanne aufzustellen, in der sich die Bauarbeiter mit der warmen Sole waschen konnten." Das soll am 13. August 1839 gewesen sein. „Das ist die eigentliche Geburtsstunde des Bades Oeynhausen", sagt Barnbeck. Und dann ging der Krawall los. Denn die Bauern, denen das Land auf der Gemarkung Melbergen gehörte, sahen, dass es sich wohl lohnen könnte, das warme Quellwasser in Wannen aufzufangen und Bäder anzubieten. „Colon Meyer, auf dessen Boden das erste Bohrloch niedergebracht wurde, stellte 1839 drei Wannen auf", berichtet Barnbeck. Gern hätte Preußen das Land mit der heißen Quelle für sich beansprucht. Doch Colon Meyer war offenbar ein Ravensberger Schlitzohr. Nur wenn Steinsalz auf seinem Grund gefunden würde, habe er einer Enteignung zugestimmt. Sole aber war ja etwas anders. So begann der Bad Oeynhausener Sole-Krieg, in dem auch radikale Kräfte aus Herford, im revolutionären Geist des deutschen Vormärzes, mitmischten und den Melberger Colon zum Opfer preußischer Obrigkeit machten. Der Colon selbst staute die Sole auf seinem Grund und überschwemmte damit die Baustelle eines ersten provisorischen Badehauses. Zu einer Einigung über die Grundstücke an der Quelle kam es erst mit den Erben des Colon Meyer 1853. Für Christian Barnbeck ist dieser Colon Meyer die eigentliche Schlüsselfigur des Heilbades Oeynhausen. Der Colon Sültemeyer, inzwischen mit zwei Bronzestatuen in der Klosterstraße und im Kurpark verewigt, habe eine vergleichsweise geringe Rolle fürs Kurbad gespielt, ist Barnbeck überzeugt. Sültemeyer soll um 1740 mit seinen Schweinen die erste Solequelle am Sültebusch entdeckt haben, aus der dann Salz gewonnen wurde. Die Sültemeyer-Geschichte sei aber eher Legende, so Barnbeck. „Sie wurde erst in den 1970er-Jahren von Heimatpfleger Gerhard Bartling ins Spiel gebracht." Doch zurück ins 19. Jahrhundert: Carl von Oeynhausen hatte sich von der Hoffnung auf ein Salzlager getrennt und hatte nun die Vision eines gemeinnützigen Bades in der Obhut des preußischen Staates. Hier sollten nicht die Adeligen, sondern das Bürgertum Heilung und Erholung finden. 1845 entstand etwa dort, wo heute die Kurverwaltung steht, ein erstes hölzernes Badehaus. Der Bergrat setzte sich auch dafür ein, dass 1847 die Cöln-Mindener-Bahn durch das heutige Bad Oeynhausen gebaut wurde. „Das war für diese Region der Schritt in die Moderne", urteilt Barnbeck. 1848 wurde das „Neusalzwerk bei Rehme" auf Veranlassung von Preußenkönig Friedrich-Wilhelm IV. in „Bad Oeynhausen" umbenannt. Der Kurpark wurde geplant, 1854 bis 1857 entstand das Badehaus 1. Der berühmteste Entdeckungsreisende seiner Zeit, Alexander von Humboldt, rühmte in seinem Werk „Kosmos" ausdrücklich die Oeynhausener Heilquelle. Und so begann der Aufstieg Bad Oeynhausens zu einem „Weltbad". „Die Weimarer Republik waren goldene Jahre für Bad Oeynhausen", sagt Barnbeck. Bis zu 26.000 Kurgäste kamen pro Jahr hierher. Während der Zeit des Nationalsozialismus war das Bad auch Lazarettstadt. Nach dem Krieg besetzten die Engländer Innenstadt und Kurpark, die Kureinrichtungen lagen fast ein Jahrzehnt lang brach. Doch in den 50er-Jahre kamen die ersten Kurgäste zurück. Die 60er und 70er Jahre waren die Zeit der großen Klinikbauten. Bis in den 90er Jahren die Gesundheitsreform für einen Einbruch der Gästezahlen sorgte. „Heute", so fürchtet Barnbeck, „droht sich das Bewusstsein für den Wert der Quellen und des Heilwassers bei Bürgern und Besuchern Bad Oeynhausens aufzulösen."

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