Bad Oeynhausen Atomkraftgegner Seit’ an Seit’

220 Teilnehmer demonstrieren mit einer Menschenkette von der Innenstadt bis zum Werre-Park

VON NICOLE SIELERMANN
Gute 750 Meter weit reichte die Menschenkette entlang der Mindener Straße. Dort war den Demonstranten die Aufmerksamkeit gewiss. - © FOTOS: NICOLE SIELERMANN
Gute 750 Meter weit reichte die Menschenkette entlang der Mindener Straße. Dort war den Demonstranten die Aufmerksamkeit gewiss. | © FOTOS: NICOLE SIELERMANN

Bad Oeynhausen. Für Erika Rolfsmeyer ist es selbstverständlich, dass sie dabei ist. "Das ist wichtiger denn je", urteilt die Bad Oeynhausenerin, die eine von gut 220 Teilnehmer bei der Menschenkette gegen Atomkraft ist. "Schließlich haben wir den Reaktor Grohnde direkt vor der Tür." In einem weißen Einmal-Overall mit gelber Fahne steht sie mitsamt der restlichen Familie an der Mindener Straße. Anlässlich des zweiten Jahrestages der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima hatten lokale Bündnisse am Samstag zu einer Demonstration gegen Atomkraft aufgerufen.

Die heiße Zeit der Anti-Atomkraft-Demonstrationen ist längst vorbei – und lebte doch kurzfristig wieder auf. Gut 220 Menschen aus Bad Oeynhausen und Vlotho hatten sich auf den Weg in die Stadt gemacht, um auf die Problematik von Atomenergie aufmerksam zu machen. Kreisweit waren am Samstag gut 600 Menschen aktiv dabei. "Wir sind mittelmäßig zufrieden", sagte Dr. Jürgen Bretschneider, der die Aktion in der Kurstadt koordinierte. Wegen des schlechten Wetters habe er aber mit noch weniger Teilnehmern gerechnet. "Leider hat unsere Kette nicht die Ausmaße wie geplant", bedauert der Mediziner, der zu den Internationalen Ärzten für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) gehört.

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Mangelhaft für Katastrophenschutz

Jürgen Bretschneider (56) zweifelt die Handlungsfähigkeit des regionalen Katastrophenschutzes im atomaren Ernstfall an.

Sollte es im Kernkraftwerk Grohnde bei Hameln zu einer Katastrophe kommen, sei der Katastrophenschutz im Kreis heillos überfordert, glaubt der Psychotherapeut und Arzt für Allgemeinmedizin, Naturheilverfahren und Umweltmedizin.

Die gesamte Menschenkette sollte dabei ungefähr dem Radius rund um Grohnde (zirka 40 Kilometer Luftlinie von Bad Oeynhausen) entsprechen, der bei einem Gau kontaminiert werden würde. Damit sollte das mögliche Ausmaß einer dortigen Atomkatastrophe verdeutlicht werden. "Ein Atomschlag wäre hörbar und es wäre ein Blitz zu sehen – aber einen Gau bemerkt die Bevölkerung nicht. Der geht schleichend", verdeutlichte Teilnehmer Thomas Heilig, der zusammen mit seiner Ehefrau Teil der Menschenkette war. Die "Regionalkonferenz AKWGrohndeabschalten" kritisiert, die Behörden seien nicht im Mindesten auf ein solches Szenario vorbereitet – die Katastrophenschutzpläne umfassten nur einen Radius von etwa 25 Kilometern um Grohnde herum.

Sollte es im fast 30 Jahre alten Kraftwerk zu einem Unfallkommen, wäre der regionale Katastrophenschutz heillos überfordert, heißt es vom IPPNW. "Nach meinen Informationen hat es in Grohnde 231 meldepflichtige Ereignisse gegeben – das ist die höchste Anzahl an vergleichbaren Ereignissen in allen deutschen Atomkraftwerken", so Bretschneider. Für einen möglichen Ernstfall hat Gerold Haug vorm Nordbahnhof einen Rucksack gepackt. "Da sind Jodtabletten drin, zur Verhinderung von Schilddrüsenkrebs, ein Wasserbehälter, denn Wasser ist wichtiger als Essen, und auch Kochgeschirr – falls Stromausfall ist", zählt der Aktivist auf.

Gegen kurz nach 12 Uhr steht dann die Menschenkette. Gut 750 Meter weit – vom Werre-Park aus bis kurz vor der Einmündung der Tannenbergstraße in die Mindener Straße – reicht sie.

Zwischenräume werden mit Flatterbändern überbrückt. Auch Zoe (10) und Vincent (8) sind dabei: "Wir wollen Atomkraftwerke abschalten", sagen sie. Wenige Meter weiter hat es sich der jüngste Teilnehmer gemütlich gemacht. Dicht an Mama Jana Campos-Silva gekuschelt, beobachtet der zehn Monate alte Luan das Geschehen.

"Wir sind bei fast jeder Demo dabei", erzählt Jana Campos-Silva. "Unsere ganze Familie ist Grün geprägt." So sei zum Beispiel der Vater bei der Grünen Liste in Vlotho aktiv und auch die 93-Jährige Oma sei noch letztes Jahr mit demonstrieren gewesen. "Da waren wir dann mit vier Generationen unterwegs."
      

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