Petra Gerster mit Hans-Jürgen Nolting (l.) und Rainer Janke. - © FOTO: NIEDRINGHAUS-HAASPER
Petra Gerster mit Hans-Jürgen Nolting (l.) und Rainer Janke. | © FOTO: NIEDRINGHAUS-HAASPER

Bad Oeynhausen "Unser Land wird immer grauer und älter"

INTERVIEW: Fernsehmoderatorin Petra Gerster plädiert für eine familienfreundlichere Politik und Unternehmensführung

Bad Oeynhausen. Abend für Abend kommt sie in Millionen deutscher Wohnzimmer. Jetzt war die ZDF-Nachrichtensprecherin Petra Gerster in Bad Oeynhausen. Im Forum der Stadtsparkasse erzählte die Fernsehmoderatorin, warum Familien in Deutschland zur Minderheit werden. Vor ihrem Vortrag sprach die 57-Jährige mit NW-Mitarbeiterin Elke Niedringhaus-Haasper über den "Störfaktor Kind".

Frau Gerster, sind deutsche Familien bereits eine Minderheit?
PETRA GERSTER:Rein statistisch sind sie es bereits. Deutschland ist in diesem Bereich in Europa Schlusslicht. Das ist für ein wohlhabendes Land ein Armutszeugnis. In Frankreich und in Amerika läuft das viel besser, obwohl die Frauen dort häufiger und mehr arbeiten. Es ist auch keinesfalls so, dass Hausfrauen bei uns mehr Kinder bekommen, als berufstätige Mütter. Sondern genau anders herum. Ohne Kinder aber wird unser Land immer grauer und älter.

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Wie erklären Sie sich das?
GERSTER: Nur Hausfrau zu sein füllt heute viele Frauen nicht mehr aus. Meist entscheiden sich Eltern eher für Kinder, wenn sie beides haben können. Ich selbst habe mich im Beruf immer von meinen Kindern erholt und bei den Kindern vom Beruf.

Was kann und was sollte die Politik dabei leisten?
GERSTER: Voraussetzungen für eine wirkliche Wahlfreiheit schaffen. Denn es gibt gar nicht genug Kindergarten- und Kindertagesplätze. Die Regierung spekuliert darauf, dass Frauen eher auf das Betreuungsgeld zurück greifen als für einen Platz zu kämpfen. Außerdem ist bei dem Thema auch die Wirtschaft gefragt, die in ihrem eigenen Interesse viel familienfreundlicher handeln müsste Dazu gehören sowohl Betriebskindergärten als auch flexible Arbeitszeiten für Eltern kleiner Kinder.

Gibt es heute noch so etwas wie gesellschaftlichen Konsens, wenn es um den Erziehungsstil geht?
GERSTER: Das ist eine interessante Frage. Als mein Mann und ich vor zehn Jahren unser erstes Buch zum Thema Kindererziehung veröffentlicht haben, dachten wir noch, es gibt darüber keinen gesellschaftlichen Konsens mehr. Vor allem, wenn wir die Freunde unserer Kinder erlebt haben, die oft schlecht erzogen waren. Wir haben dann weiter recherchiert. Mit Lehrern gesprochen und uns bei Kinderärzten erkundigt. Das Ergebnis: es herschte dmals oft eine Form der Wohlstandsvernachlässigung. Das hat sich zum Glück in den letzten zehn Jahren spürbar verbessert. Eltern sind wieder bewusster geworden.
Ihr Vortrag trägt den Titel: Störfaktor Kind – Warum Familien in Deutschland zur Minderheit werden". Gibt es ein Rezept, wie aus dem Störfaktor ein Wunschkind wird?
GERSTER: Die Antwort ist: Familienfreundliche Strukturen schaffen in unserem Land. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen einfach familienfreundlicher werden. An der Art, wie eine Gesellschaft mit ihren Kindern und ihren Alten umgeht, sieht man, was man von ihr zu halten hat.

Sie selbst haben gemeinsam mit Ihrem Mann zwei Kinder groß gezogen. Woran haben Sie sich dabei orientiert?
GERSTER: An uns selber. Als wir das erste Mal über Nachwuchs gesprochen haben, war klar, dass wir uns die Aufgabe teilen werden. Denn vor zwanzig Jahren war das Kinderkriegen noch Privatsache und die Angelegenheit der Frau. Das wollten wir anders machen. Dafür hat mein Mann seine Festanstellung aufgegeben und freiberuflich weiter gearbeitet, ohne dabei Karriere machen zu können. Belohnt worden ist er durch das wunderbare Verhältnis, dass er zu unseren Kindern hat.

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