Dr. Petra Scheer, Leiterin des Stimm- und Sprachheilzentrums mit Tinnitusfachabteilung in der Klinik am Osterbach, hat den Info-Tag für Tinnitus-Patienten organisiert. - © FOTO: HEIDI FROREICH
Dr. Petra Scheer, Leiterin des Stimm- und Sprachheilzentrums mit Tinnitusfachabteilung in der Klinik am Osterbach, hat den Info-Tag für Tinnitus-Patienten organisiert. | © FOTO: HEIDI FROREICH

Bad Oeynhausen "Tinnitus entsteht im Hirn, nicht im Ohr"

INTERVIEW: Dr. Petra Scheer zum ersten regionalen Informationstag

Bad Oeynhausen.  Brummen,  Pfeifen, Rauschen, Piepsen –  es können ganz unterschiedliche Geräusche sein, die Menschen mit chronischem Tinnitus das Leben schwer machen. Beim "Regionalen Infotag für Tinnitusbetroffene in OWL" am Samstag, 24. November, in der Klinik am Osterbach erfahren Patienten,  was man gegen Tinnitus tun kann. Im Gespräch mit Redakteurin Heidi Froreich erläutert Dr. Petra Scheer Einzelheiten. Sie ist Fachärztin für Sprach-, Stimm- und kindliche Hörstörungen und leitet das Stimm- und Sprachheilzentrum mit Tinnitusfachabteilung in der Klinik am Osterbach. Frau Dr. Scheer, die quälenden Ohrgeräusche haben ja nichts mit äußerem Lärm zu tun, sondern werden nur subjektiv wahrgenommen. Können Ärzte die Geräuschbelastung überhaupt messen und einschätzen? DR. PETRA SCHEER:   Es gibt in der Tat bisher für den Praxisalltag kein Messverfahren, mit dem man Ohrgeräusche objektivieren kann. Wir können aber die Tonhöhe und Lautstärke des Tinnitus durch Vergleichsmessungen bestimmen und die Hörfähigkeit des Betroffenen untersuchen. Interessant ist, dass die psychische Belastung durch Tinnitus nicht unbedingt mit der Lautstärke des Geräusches zusammenhängt. Lässt sich dann wenigstens die Ursache der Erkrankung feststellen? SCHEER: Auch das gelingt nicht immer. Tinnitus ist ja nur das Symptom, nicht aber die eigentliche Erkrankung. Die Ursache des Tinnitus kann vielfältig sein: Unter anderem kommen Entzündungen des Mittelohres, Hörstürze, Lärmschädigungen, aber auch Halswirbelsäulenprobleme und (selten) gutartige Tumoren in Betracht. In den meisten Fällen beruht der Tinnitus auf einer Störung der Hörfunktion. Der Tinnitus entsteht nicht im Ohr, sondern als Antwort einer veränderten Reizweiterleitung im Gehirn. Diese Fehlreaktion des Gehirns wird oft mit einem Phantomschmerz verglichen und ist die Grundlage für die Behandlung des chronischen Tinnitus. Medikamente oder Operationen helfen also nicht? SCHEER:   Gegen den chronischen Tinnitus ist tatsächlich kein Kraut gewachsen und Operationen sind sicher nur in Einzelfällen und bei sehr ausgewählten Indikationen möglich. Bei einem Tinnitus, der länger als drei bis sechs Monate besteht, ist eine spezifische Wirkung weder für durchblutungsfördernde Medikamente noch für Alternativpräparate wie Ginkgo sicher belegt. Mit dem Tinnitus muss man leben, nicht aber mit einer Belastung hierdurch. Wir möchten unseren Patienten Wege aufzeigen, wie das besser gelingt. In ihrer Klinik wird eine Bewältigungstherapie angeboten. Was lernen die Patienten dabei? SCHEER:  Das Konzept richtet sich an Patienten, die sehr stark unter Tinnitus leiden und beruht im Wesentlichen auf vier Therapieansätzen: 1. Die Patienten werden umfassend über Tinnitus und seine Verstärkermechanismen aufgeklärt: Sie erfahren unter anderem, dass Tinnitus keine lebensbedrohliche Erkrankung ist. Das nimmt Angst und verringert Stress. 2. Wenn der Tinnitus durch eine Schwerhörigkeit verursacht wird, sorgen wir für eine gute Versorgung mit Hörgeräten und ein Training der Hörwahrnehmung. 3. Begleitende Schlafstörungen oder Depressionen können durch psychologische Hilfen, Sportangebote und bei Bedarf auch medikamentös gebessert werden. 4. Schließlich zeigen wir Möglichkeiten auf, Stressreaktionen und Muskelfehlspannungen zu erkennen und zu verringern, wozu neben dem Erlernen von Entspannungstechniken auch Qi Gong und Yoga, Physiotherapie, Massagen und entspannende Bäder zählen. Gehört Stress dann auch noch zu den Ursachen? SCHEER:  Es gibt keine Untersuchung, die diesen Zusammenhang belegt.  Wir wissen aber von unseren Patienten, dass Stress zu einer Verschlimmerung der Symptome führen kann. Deshalb haben sich Entspannungstechniken wie Autogenes Training und progressive Muskelrelaxation als hilfreich erwiesen. Derzeit leiden in Deutschland rund drei Millionen Menschen unter einem behandlungsbedürftigen Tinnitus, Tendenz steigend.  Lässt sich dieser Entwicklung durch Vorsorge gegensteuern? SCHEER:   Viele Tinnituspatienten haben auch einen Hörschaden und hier ist Prävention unbedingt sinnvoll. Ob durch Spielzeugpistolen, Silvesterknaller, MP3-Player oder einen lärmbelasteten Arbeitsplatz: Lärm macht krank. Deshalb ist die beste Vorsorge: Abstand vom Lärm.

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