Ein extra Raum für die Förderkinder: Schulleiter Klaus Kessler und Ute Kintzel von der Elterninitiative. - © Foto: Nicole Bliesener
Ein extra Raum für die Förderkinder: Schulleiter Klaus Kessler und Ute Kintzel von der Elterninitiative. | © Foto: Nicole Bliesener

Bad Oeynhausen Defizite im Inklusions-Modell

Immanuel-Kant-Gymnasium: Elterninitiative fordert eine Überarbeitung des Konzepts zum „Gemeinsamen Lernen“. Förderpädagogische Stundenzahl reicht bei weitem nicht aus

Nicole Bliesener

Bad Oeynhausen. Der Start ist geglückt. Seit einem Jahr werden am Immanuel-Kant-Gymnasium in einer Inklusionsklasse Kinder mit Förderbedarf und Schüler mit einer Gymnasialempfehlung gemeinsam unterrichtet. „Das lief gut", bestätigt Ute Kintzel, Klassenpflegschaftsvorsitzende der Inklusionsklasse. Mit dem neuen Schuljahr und der nächsten Inklusionsklasse würden aber nun die Schwächen im Inklusions-Konzept des Landes NRW deutlich, so Kintzel. Aus diesem Grund hat Ute Kintzel gemeinsam mit anderen Eltern eine Initiative gegründet, um auf die Defizite im Modell des „Gemeinsamen Lernens" aufmerksam zu machen. Sie haben Kontakt aufgenommen zu Landespolitikern aus SPD, CDU und FDP aufgenommen. Alle hätten reagiert und die Wichtigkeit des Themas bestätigt. „Wir bleiben hartnäckig", verspricht Ute Kintzel. Sonderpädagogin muss jetzt Kinder in zwei Klassen betreuen In der ersten Inklusionsklasse wurden fünf Förderkinder und 18 Gymnasialkinder unterrichtet. „Und zwar mit den üblichen zwei Klassenlehrern und einer Förderschulpädagogin", fügt Schulleiter Klaus Kessler hinzu. Für die räumlichen Voraussetzungen hat die Stadt als Schulträger, gesorgt. Ein Klassenraum wurde geteilt, die Hälften dienen den benachbarten Klassenzimmern als Raum, in dem die Förderkinder von der Sonderpädagogin betreut werden. Die Förderräume sind von den Klassenräumen durch eine Glaswand und eine Glastür getrennt. Das Gros ihrer Unterrichtsstundenzahl von 25,5 Stunden pro Woche konnte die Förderschulpädagogin für die spezielle Betreuung der Förderkinder einsetzen. „Sie hat allerdings auch die Aufgabe, die Gymnasiallehrer in Inklusionsfragen zu beraten", fügt Kessler hinzu. Und sie muss die deutlich aufwendigeren Lernberichte für die Förderkinder verfassen. Mit dem neuen Schuljahr nun gibt es eine weitere Inklusionsklasse. „In der neuen fünften Klasse betreut die Pädagogin jetzt zusätzlich zwei Kinder mit dem Förderschwerpunkt Lernen", berichtet Ute Kintzel. Vorgesehen ist, dass die Sonderschulpädagogin während des Unterrichts in den Hauptfächern Deutsch, Mathematik und Englisch in der Inklusionsklasse ist und mit den Förderkindern gezielt nach ihren Fähigkeiten arbeitet. „In der fünften Klasse werden die drei Hauptfächer mit je fünf Wochenstunden unterrichtet und in der sechsten Klasse mit vier Wochenstunden. Hinzu kommt die zweite Fremdsprache für die Gymnasialkinder", erläutert Kessler. In dieser Zeit steht für die Förderkinder Lebenskunde auf dem Stundenplan. „Sie lernen da beispielsweise den Umgang mit Geld", so Kessler. Rein rechnerisch hat das IKG sogar zu viele Förderstunden Die nötige Stundenzahl in der fünften und sechsten Klasse könne die Förderschulpädagogin überhaupt nicht abdecken. Zumal die Erfahrung nach dem ersten Jahr zeigt, dass die Förderschüler auch in anderen Fächern Begleitung brauchen. Rein rechnerisch – gemäß der aktuellen Richtlinien – hat das IKG für das Gemeinsame Lernen sogar mehr Förderstunden zur Verfügung als vorgesehen. „Sozusagen als Aufbauhilfe", fügt Kessler hinzu. In der Praxis sei das aber bereits jetzt zu wenig. Kinder mit dem Förderbedarf „Lernen" wurden bislang an der Bernart-Schule unterrichtet, doch die Förderschule läuft bekanntlich aus. „Gemeinsamer Unterricht" bedeutet, dass Kinder mit Förderbedarf in den Regelschulen unterrichtet werden. Und das IKG nimmt nun im Auftrag der Stadt Kinder mit dem Förderschwerpunkt „Lernen" auf. „In der Regel reichen die Lernfähigkeiten der Kinder nicht für einen Schulabschluss aus", erklärt Kessler. Das Abitur werden die Schüler nicht erreichen, eine Versetzung findet nicht statt, die Schüler erreichen das nächste Schuljahr in jedem Fall und bekommen Berichte statt Noten. Zieldifferente Förderung nennt man das. Der Effekt des sozialen Lernens – also dem Erlernen des Umgangs mit Menschen mit Behinderungen – sei auch für die anderen Schüler erstrebenswert. „Und das hat auch gut funktioniert", sagt Ute Kintzel. „Alle bestätigen, dass das Lernklima in der ersten Inklusionsklasse angenehm ist." Und daher hofft die Elterninitiative, dass sie dazu beitragen können, die Voraussetzungen für das „Gemeinsame Lernen" dauerhaft zu verbessern.

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