Bad Oeynhausen Stefan Aust hat das Buch "Hitlers erster Feind" über den Reporter Konrad Heiden geschrieben

Das Buch wird er am 9. Oktober in Bad Oeynhausen vorstellen

Dirk Windmöller

Herr Aust, Konrad Heiden muss eine beeindruckende Persönlichkeit gewesen sein. Was ist Ihre Motivation gewesen, über Hitlers ersten Feind zu schreiben? Stefan Aust: Das war Zufall. Ich hatte von Konrad Heiden noch nie was gehört. Ich habe viele Bücher über das Dritte Reich wie zum Beispiel die Hitler-Biographie von Joachim Fest, gelesen. Dann hat mir ein Kollege zum 60. Geburtstag ein altes Buch geschenkt. Das habe ich erst mal weg gelegt und bin dann fünf Jahre später drauf gestoßen. Ich hatte gerade nichts zu lesen und dieses Buch habe ich in einem Stück bis vier Uhr morgens durchgelesen. Ich habe so aus nächster Nähe beschrieben noch nie etwas über den Aufstieg Hitlers gelesen. Es ist ja auch sprachlich seiner Zeit voraus. Aust: Das stimmt. Konrad Heiden schreibt auf sehr moderne, fast coole Weise. Er hat zum Beispiel über Morde innerhalb der SA infolge des Röhm-Putsches, die sogenannte deutsche Bartholomäus-Nacht, geschrieben: "So sieht es aus, wenn Hitler das Personal wechselt". Wie haben Sie Heiden-Texte verwendet? Aust: Ich habe für mein Buch über Konrad Heiden sehr viele Zitate aus seinem Buch übernommen. Meine Idee war, dass ich durch die Augen von Konrad Heiden den Aufstieg von Hitler beschreiben will. Auch mit meinen Worten. Vor allem aber mit seinen. Heiden hat Hitler auch persönlich häufig erlebt? Aust: Ja. In den 1920er Jahren war Heiden sehr oft in München bei Parteiveranstaltungen. Er hat mitstenografiert. Für die Frankfurter Zeitung hat er zum Beispiel den Prozess gegen Hitler und Ludendorff und andere verfolgt. Was macht seine Arbeit so besonders? Aust: Als er seine Texte verfasst hat, konnte er natürlich nicht wissen, wie das alles ausgeht. Das macht es so interessant. Er hat tagesaktuell über den Aufstieg Hitlers und der NSDAP berichtet und diese Texte mehr oder weniger direkt in seine Bücher übernommen. Das ist das Faszinierende. Er wusste natürlich nicht, dass es zum Zweiten Weltkrieg kommen würde, er wusste nicht, mit welcher Brutalität gegen die Juden vorgegangen werden würde. Da gibt es eine Passage in seinem Buch, in der er davon schreibt, dass Juden vergast würden. Aust: Das ist atemberaubend. Er hat den Massenmord an den Juden mittels Gas vorausgesehen. Das hat er aus Reden und Artikeln interpretiert und richtig abgeleitet. Durch seine Arbeit hat er ja auch den Führerkult durchschaut. Aust: Er hat ihn durchschaut und er hat vor allem registriert, warum es soweit kommen konnte. Er hat in einer Szene beschrieben, dass er Hitler häufig auf kurze Entfernung im kleinen Kreis beobachtet hat. Für Heidens Beurteilung war nicht das faszinierend, was er gesagt hat. Das war alles blöd und albern und lächerlich. Das Faszinierende war das Publikum. Und da steht dann dieser Satz: "Da begann ich bestürzt etwas über Menschen zu lernen." Da hat er verstanden, wie der Nationalsozialismus in die Köpfe gekommen ist, Wie? Aust: Das hat natürlich viel mit der wirtschaftlichen und politischen Situation und dem verlorenen Krieg zu tun. Das hat er aber nicht entschuldigend vorgebracht, sondern glasklar analysiert, auf welche Weise diese Umstände zu diesem Resultat geführt haben. Auch das finde ich sehr beachtlich. Sein Buch über die Geschichte des Nationalsozialismus ist 1932 erschienen, also kurz vor der Machtübernahme. Wie ist es wahrgenommen worden? Aust: Es hat für viel Gesprächsstoff gesorgt. Wir haben in der Vossischen Zeitung einen Artikel über eine Diskussion zur Vorstellung dieses Buches gefunden. Daran teilgenommen haben Philip Scheidemann und Theodor Heuss. Wussten die Nazis, welche mögliche Gefahr von Konrad Heiden für ihr System ausgeht? Aust: Ja. Die kannten ihn. In München erzählte man, dass Hitler Anfang der 1920er Jahre erst angefangen hat mit seiner Rede, wenn Konrad Heiden da war. Die legten Wert darauf, dass auch in den bürgerlichen und liberalen Zeitungen über sie berichtet wurde. Die wussten schon sehr genau, mit wem sie es zu tun haben. Was kann die Gegenwart von Konrad Heiden lernen? Aust: Die Gegenwart kann lernen, dass man die Umstände berücksichtigen muss, um den Aufstieg von Menschen wie Hitler zu verstehen. Jeder Vergleich mit dem Dritten Reich ist natürlich eine Verniedlichung des Dritten Reichs. Aber dennoch: Wenn Sie sich heute den Aufstieg der AfD ansehen, dann werden Sie ihn nicht verstehen, wenn Sie sagen, dass das ganz schreckliche Leute sind. Sie werden ihn nur verstehen, wenn sie sehen, welche Art von Problemen existieren, die von den bestehenden Parteien nicht gelöst werden. Und daraus entstehen dann solche Scheinlösungen, wie die AfD sie anbietet. Man muss die Umstände sehen, aus denen solche Bewegungen entstehen und das Heiden hat vorbildlich gemacht.

realisiert durch evolver group