Selber messen: Feinstaub-Sensor über Stahls Imbiss an der Mindener Straße, Ecke Steinstraße. Eigentümer Jörg Zander und Stephan Klute zurren den Sensor fest. - © Ulf Hanke
Selber messen: Feinstaub-Sensor über Stahls Imbiss an der Mindener Straße, Ecke Steinstraße. Eigentümer Jörg Zander und Stephan Klute zurren den Sensor fest. | © Ulf Hanke

Bad Oeynhausen/Löhne Feinstaub selbst messen

Amtliche Prüfgeräte sind teuer. Messstationen kann man aber auch für 45 Euro selber basteln. Techniker-Azubis vom August-Griese-Berufskollegs machen es vor

Ulf Hanke

Bis jetzt hat noch niemand nachgemessen Der Dreck im Himmel über Bad Oeynhausen und Löhne ist unsichtbar. Und in weiten Teilen völlig unbekannt. Noch hat niemand nachgemessen, wie viel Abgas und Feinstaub in der Luft landet, die im Werretal von 100.000 Menschen eingeatmet wird. Es gibt lediglich Schätzungen. Das liegt auch daran, dass amtliche Messstationen selten und teuer sind. Dabei gibt es einfache Mittel, wenigstens die Feinstaub-Belastung zu messen. Das August-Griese-Berufskolleg macht es vor. Auf Initiative der NW laufen bereits seit mehreren Wochen zwei Feinstaub-Sensoren in Bad Oeynhausen und Löhne. Ein Messgerät selber bauen - Schüler machen es vor Stephan Klute hat die Bauteile für das Messgerät auf seinem Schreibtisch verteilt. Es sind zwei Regenrohrecken, ein Prozessor samt Wlan-Modul, Staub-Sensor, Temperatur- und Feuchtigkeitsfühler sowie Kabelbinder, Klebeband und Netzteil. Der Lehrer am August-Griese-Berufskolleg braucht keine zehn Minuten, um den Feinstaub-Sensor zu basteln. Zack, fertig ist die Messstation. Stuttgarter-Aktivisten haben eine kostenlose Bauanleitung entwickelt Gut, ein bisschen technischen Sachverstand braucht es schon, um den Prozessor mit der richtigen Software zu füttern und das Gerät ans Internet anzuschließen. Doch die Bauanleitung gibt‘s gratis. Aktivisten des Stuttgarter OK Labs haben sie auf der Internetseite luftdaten.info veröffentlicht. Stuttgart ist so etwas wie die Feinstaubmetropole der Republik. Hier gibt es die dreckigste Luft, aber auch eine sehr kreative Bürgerschaft. Sprecher der Aktivisten ist Jan Lutz. Der Marketingfachmann will mit der Feinstaub-Messstation Marke Eigenbau „die öffentliche Debatte über Luftverschmutzung fördern" und zeigen, welche Eigendynamik eine Bürgerinitiative auslösen kann, erklärt er in einem Telefonat mit der NW. Ein Blick auf die Homepage zeigt: Das ist ihm schon jetzt gelungen. Gemessene Daten sind öffentlich sichtbar Der Clou der Do-it-Yourself-Geräte: Jede Messstation sendet ihre Daten öffentlich sichtbar rund um die Uhr ins Internet. So ist ein privates, aber öffentliches Messnetz zur Feinstaubbelastung in West-Europa geschaffen worden. Es funktioniert über jedes private Wlan-Netzwerk, aber auch über das frei verfügbare Freifunk-Netzwerk. Die Messstationen loggen sich selbstständig in die Freifunk-Knoten ein. Die neuen Messstationen in Löhne und Bad Oeynhausen In Löhne hängt ein solcher Feinstaub-Sensor seit Anfang der Sommerferien beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) an der Brunnenstraße. Lehrer Stephan Klute und DRK-Ortsvorstand Armin Schäffer haben die Messstation außen am Gebäude befestigt. „Wir wollen wissen, wie die Luft vor unserer Tür ist", sagt Schäffer. In Bad Oeynhausen hängt ein Gerät über Stahls Imbiss an der Kreuzung Mindener Straße/Steinstraße. Eigentümer Jörg Zander war gleich Feuer und Flamme für die Idee. „Wir haben lange über dem Imbiss gewohnt", sagt Zander. Die Verkehrsabgase hätten seiner Familie arg zu schaffen gemacht. Seine Tochter kämpfte lange gegen Atemwegserkrankungen, womöglich eine Folge der Abgase der vielen Autos auf der Mindener Straße. Zander: „Seitdem wir weggezogen sind, geht es ihr besser." Der Imbiss wird allerdings mit einem Holzkohle-Grill betrieben, der ebenso Feinstaub produziert wie die Verbrennungsmotoren auf der Straße. Der Sensor macht da keinen Unterschied. Der Rauch vom Grill wird in einem Schlot hoch übers Gebäude abgeführt. Die Autoabgase nicht. Positiver Effekt trotz möglichen Messfehlern Messfehler sind dennoch möglich. Die Sensoren im Eigenbau sind nicht geeicht, jeder ist anders. Sie taugen auch nicht dazu, Fahrverbote einzuklagen. Die Messwerte sind aber ein guter Hinweis auf die Feinstaubbelastung, darauf weist Jan Lutz von den OK Labs hin. Und sie sind erstaunlich gut, auch wenn sie den 20.000 Euro teuren Messgeräten nicht ebenbürtig sind. Das haben Vergleichsmessungen der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz des Landes Baden Württemberg ergeben. Einen Effekt haben die privaten Messstationen in jeden Fall: Wer solch einen Sensor auf seinem Balkon oder an seinem Gebäude betreibt, achtet auf die Luftverschmutzung.

realisiert durch evolver group