Beeindruckend: Das Saxophonquartett Clair-Obscur mit Christoph Enzel (Tenorsaxophon), Kathi Wagner (Baritonsaxophon, v.l.), Maike Krullmann (Altsaxophon) und Jan-Schulte Bunert (Sopransaxophon). - © Foto: Elke Niedringhaus-Haasper
Beeindruckend: Das Saxophonquartett Clair-Obscur mit Christoph Enzel (Tenorsaxophon), Kathi Wagner (Baritonsaxophon, v.l.), Maike Krullmann (Altsaxophon) und Jan-Schulte Bunert (Sopransaxophon). | © Foto: Elke Niedringhaus-Haasper

Bad Oeynhausen Spannendes Wechselbad der Gefühle

Spektakuläre Uraufführung: Die Nordwestdeutsche Philharmonie und das Saxophonquartett Clair Obscure machen Piercings und Stachelfrisuren sinfonisch erlebbar

Elke Niedringhaus-Haasper

Bad Oeynhausen. Nieten, Piercings und Stachelfrisuren in der Musik? Geht das? Das geht sogar sehr gut, wie die Nordwestdeutsche Philharmonie bei ihrem jüngsten Konzert im Theater im Park zeigte. Die Herforder hatten Anfang vergangenen Jahres bei dem Komponisten Enjott Schneider ein Werk in Auftrag gegeben. Die einzige Bedingung: Die Musik sollte maßgeschneidert für das Saxophonquartett Clair Obscur sein. Am Sonntag wurde die Komposition mit dem Titel „Berlin Punk" vier Tage nach ihrer Uraufführung in Minden im Theater im Park gespielt – ein spektakuläres Musikerlebnis, mit dem allerdings nicht jeder Konzertbesucher etwas anfangen konnte. Während manche Konzertgäste hellauf begeistert von dem ungewöhnlichen Projekt waren, blieben andere etwas ratlos zurück. Schizo grellbunt, Suizid-Susie aus Kreuzberg, Bullenjagd, der Mond über dem Alexanderplatz und stachelige Saxophone - schon die Bezeichnungen der fünf Sätze in Enjott Schneiders eine knappe halbe Stunde währende Komposition führen mitten hinein in die provozierende Gesellschaftsbewegung. Dabei ist Schneiders Komposition aber keine Imitation der Punkmusik, sondern vielmehr eine Überführung des speziellen Lebensgefühls in die sinfonische Sprache. Mal schrill, dramatisch und kraftvoll, dann wieder tänzerisch, geschmeidig und schillernd – eine zerrissene Stimmungsvielfalt, der die Streicher des Orchesters einen unruhig-gespenstischen Klangteppich unterlegen. Zum Teil recht schnodderige Tongebungen wechseln zu poetischen Momenten und der Sehnsucht nach Wärme, wie sie in den bekannten Filmmusiken Schneiders zu hören sind. Und versetzen das Publikum in ein dichtes Wechselbad der Gefühle. Bei seiner Auftragsarbeit hätte Enjott Schneider inhaltlich völlig freie Hand gehabt, weiß der Herforder Orchestergeschäftsführer Christian Becker. Und mehr noch: Die Konzerte in Minden, Herford und Bad Salzuflen kamen beim Publikum sehr gut an. Das liegt auch an dem vielfach ausgezeichneten Berliner Spitzenensemble Clair Obscur. Denn das Quartett ist die Idealbesetzung für dieses spektakuläre und mutige Projekt: In Stimmlagen von Alt, Sopran, Tenor und Bariton fangen Jan Schulte-Bunert, Maike Krullmann, Christoph Enzel und Kathi Wagner die zerrissene Stimmungsvielfalt der Komposition ein und glänzen mit einem außergewöhnlich gut aufeinander eingestimmten Spiel, das einen Überraschungsmoment nach dem nächsten zelebriert. Das aufwühlende Musikerlebnis spaltet das Publikum und mündet in kontroversen Diskussionen in der Pause. Danach wirkt Sergej Prokofjews fünfte Sinfonie schon fast wie ein geruhsamer Wogenglätter: Die Nordwestdeutsche Philharmonie mit dem kanadischen Chefdirigenten Yves Abel am Pult unterstreichen die heroischen Momente des russischen Patriotismus und setzen damit Prokofjew in Kontrast zu Schneider. Gut gemeinter Szenenapplaus führt zu Irritationen Provokation und Rebellion treffen auf Erhabenheit und Triumph. Und wieder einmal überraschen die Herforder mit einem Konzert der Extraklasse. Einziger Wermutstropfen: Sowohl im Berlin Punk als auch in der Sinfonie zerpflücken einige Konzertgäste hartnäckig die Sätze mit gut gemeintem „Szenenapplaus", der bisweilen zu mehr Irritationen führt als die gewöhnungsbedürftige Emotionsskala Schneiders.

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