Pas de deux: Prinz Siegfried (Timofey Fedorenko) mit seiner angebeteten Odette (Abramova Anastasiia). - © Foto: Elke Niedringhaus-Haasper
Pas de deux: Prinz Siegfried (Timofey Fedorenko) mit seiner angebeteten Odette (Abramova Anastasiia). | © Foto: Elke Niedringhaus-Haasper

Bad Oeynhausen Wenn selbst der Zuckerguss bröckelt

Enttäuschender Ballettabend: Eine Berliner GmbH präsentiert im Theater im Park das Russische Nationalballett und bietet nicht viel mehr als konfektionierte Ferienspielbetreuung

Elke Niedringhaus-Haasper

Bad Oeynhausen. Ätherischer Zauber, tänzerische Anmut und feinsinnige Musik: Das Seelendrama „Schwanensee" hat weltweit Kultstatus. Was man daraus machen kann, zeigt die „Fast Food"- Variante, mit der die Berliner GmbH agenda production jetzt das Russische Nationalballett im Theater im Park auftreten ließ. Denn was dort geboten wurde, grenzt schon fast an konfektionierte Ferienspielbetreuung. Gleich im Doppelpack traten die Tänzerinnen und Tänzer aus Moskau dort auf: Nachmittags mit Dornröschen und Abends mit dem Schwanensee. Für das Corps de Ballett ist das eine enorme Herausforderung, denn beide Märchen verlangen höchste tanztechnische Perfektion. Ein Anspruch, dem die Compagnie tänzerisch durchaus gewachsen war. Anders die Regie: Mit einem Einheitsrezept, aus dem beide Ballettaufführungen gefertigt waren, trat als erstes die sogenannte Märchenerzählerin Jeannie auf, die die Fäden in der Hand hielt. Was beim Ballettnachmittag für Familien vielleicht noch funktioniert, wirkt im Abendprogramm geradezu grotesk. In Anlehnung an die amerikanische Fernsehserie „Bezaubernde Jeannie" schält sich die orientalisch gekleidete Darstellerin aus einer großen Plastikflasche, die sie aufklappt und so zu einem Sessel umfunktioniert. Dort sitzend greift sie zu einem riesigen Märchenbuch, schlägt es auf und pustet wieder einmal den Goldstaub fort. Dann muss das Publikum gemeinsam mit ihr „Maestro, Musik!" rufen und aus den beiden kleinen Boxen rechts und links auf der Bühne quält sich Tschaikowskis Ouvertüre zum Schwanensee. Die bezaubernde Jeannie behält an diesem Abend die Fäden in der Hand. Zwischen ihren kindgerecht aufbereiteten Erzählungen und Informationen, die sich an ein weit vom allgemeinen Bildungskanon entferntes Publikum richten, betten sich die Tanzeinlagen wie angereichte Häppchen von einem Fast Food-Buffet. Da bröckelt selbst der Zuckerguss, der in dieser Inszenierung ohne Risiken und mit erheblichen Nebenwirkungen eigentlich alles zusammenhalten soll. Und die Compagnie? Wie lebendig gewordene griechische Stauen tanzt das Corps vor den bemalten Leinwänden im Hintergrund die traditionellen Choreografien von Marius Pepita, Lew Iwanow und Juri Grigorivitsch. Jeder Schritt sitzt auf dem Takt der höchst theatralischen Musik von Tschaikowski. Das ist hübsch anzuschauen. Nur die Mimik will so gar nicht überzeugen. Dass ein Prinz, dessen Liebe eine verzauberte Schwanenprinzessin retten soll, dermaßen abgeklärt auf seine Angebetete blickt, macht sämtlichen ätherischen Zauber und jede romantische Illusion zunichte. Dass der Besuch der Aufführung einer der vielen russischen Ballett-Compagnien, die jedes Jahr im Winter in ganz Deutschland gastieren, etwas von russischem Roulette hat, ist bekannt. In diesem Fall wurde eindeutig scharf geschossen.

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